ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2018Interview mit Jens Spahn: Verordnung von oben
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Der gelernte Bankkaufmann und jetzige Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, erweckt den Eindruck, als könne er per Verordnung und Verpflichtung der Ärzte, mehr Sprechstunden anzubieten, das Phänomen der fehlenden verfügbaren Arzttermine lösen. Drei grundlegende Ursachen für dieses Phänomen werden durch eine solche „Verordnung von oben“ nicht gelöst:

1. Die allgegenwärtige mediale, mit Werbung vermischte Information über Gesundheit, seltene Erkrankungen, sogenannte Spitzenmedizin und „Innovationen“ in Verbindung mit Online-Angeboten Marke „doc.com“ und E-Health führen zu einer erheblichen Verunsicherung breiter Schichten der Bevölkerung bezüglich ihres eigenen, gesunden Körpergefühls und zu persönlichen Ängsten bei bereits harmlosen Symptomen. Diese Ängste fordern in der modern schnellen Zeit eine unmittelbare Beruhigung durch einen zeitnahen, persönlichen Arztkontakt. Der konsultierte Arzt hat aber nicht die Zeit und – da oft nicht mehr persönlich bekannt – auch nicht die Autorität, diese medial geförderten Ängste nachhaltig abbauen zu helfen. Neue Termine bei vielen, unterschiedlichen Ärzten sind die Folge.

2. Die GKV-Versichertenkarte erweckt beim Versicherten den Eindruck des Anspruchs einer bereits bezahlten Rundumversorgung bei gleichzeitiger Intransparenz der von ihm selbst verursachten Kosten und der an die jeweiligen Ärzte bezahlten Honorare. Das führt inzwischen zu der verbreiteten Einstellung, dass ein jederzeit beanspruchbarer Arztbesuch nichts kostet und beliebig wiederholt werden kann. Es werden entweder gar keine Arzttermine mehr vereinbart, sondern sofortige „Notfall“-Termine gefordert mit wenig Toleranz für daraus resultierende Wartezeiten, oder es werden fest vereinbarte Arzttermine zunehmend ohne Absage nicht wahrgenommen. Die immer wieder erhobene Behauptung, ein zeitnaher Notfalltermin in der Facharztpraxis sei nicht zu erhalten, ist schlichtweg falsch. Eine fachlich korrekte Untersuchung, Erörterung und Behandlung ist ohne angemessene Wartezeit aber nicht möglich.

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3. Seit Jahrzehnten gelten im Bereich der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) Abrechnungsbedingungen und komplizierte, feste sektorale Budgets, die jeder transparenten und angemessenen Honorierung ärztlicher Leistungen Hohn sprechen. Je nach Fachgruppe und Qualifikation soll der Arzt für 20–60 Euro brutto 3 Monate lang alle ambulant ausreichenden und notwendigen Fachleistungen erbringen. Wie viele Termine kann er dafür im Vierteljahr anbieten, ohne in Konkurs zu gehen? Wirtschafts- und industriepolitische Lobbyisten sorgen für falsche Anreize im Gesundheitssystem. Im Privatbereich stammt die Gebührenordnung (GOÄ) aus dem Jahr 1996! Eine angemessene Anpassung der Euro-Bewertung der GOÄ-Punkte steht seither aus, ein „Inflationsausgleich“ wird von den Regierungsparteien noch immer strickt abgelehnt, ja sogar eine „Absenkung“ der Honorare sei im Rahmen einer GOÄ-Reform im Gespräch. Mit welcher Berechtigung und Begründung?

Dr. med. Norbert M. Hien, 81247 München

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