ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2018Validität der Bewertungskriterien unklar
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Als Autor von Aufklärungsbögen und Kliniker enttäuscht mich die intransparente Arbeit mit ihrer im wissenschaftlichen Duktus schablonenhaft formulierten Zusammenfassung (1). Was ist der alte Standard? Es wird nur eine summarische Beurteilung abgegeben. Gab es keinen einzigen guten Bogen? Die Schlussfolgerung, eine generelle Aussage über die „Qualität von Aufklärungsbögen“ machen zu können, ist vermessen. Die Validität der „relevanten Bewertungskriterien“ bleibt völlig unklar.

Im Unterschied zur evidenzbasierten Gesundheitsinformation dienen Aufklärungsbögen primär dazu, ein nötiges persönliches Aufklärungsgespräch informativ vorzubereiten, eine individuell adäquate Entscheidung zu fördern, die Patient-Arzt-Beziehung zu stärken, und das Risiko und die Nebenwirkungen einer vorgeschlagenen Maßnahme zu minimieren. Aufklärung ist somit nie nur Vermittlung von evidenzbasierter Information, sondern ist genauso auch eine Information des Arztes durch den Patienten über dessen individuelle Risikobesonderheiten, seine entscheidungsrelevanten Vorerfahrungen und Werthaltungen. Aufklärung umfasst somit einen wichtigen Beziehungsaspekt, dem gegenüber die vermittelte evidenzbasierte Information bei der Entscheidung sogar in den Hintergrund treten kann.

Evidenzbasierte Information kann kognitiv umso weniger verarbeitet werden, je mehr bedrohliche Emotionen im Spiel sind. Wenn der Aufklärungsbogen Angst verstärken kann, dann kann ein Patient evidenzbasierte Information nur eingeschränkt für eine adäquate Entscheidung nutzen. Gleiches gilt, wenn der Aufklärungsbogen in einer Art verwendet wird, die Gefühle von Ärger oder Ohnmacht erzeugt. Ein Aufklärungsbogen muss sich deshalb von einem juristisch geleiteten Medikamentenbeipackzettel auch konzeptionell unterscheiden. Falls ein Aufklärungsbogen starke Ängste induziert, hat eine Entscheidung gegen eine medizinische Maßnahme weniger mit „informed consent“ und Autonomie zu tun, sondern mehr mit schlechter Aufklärung, selbst wenn allen Qualitätskriterien der evidenzbasierten Gesundheitsinformation entsprochen ist.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0636a

Dr. med. Herbert W. Kappauf

Facharzt für Innere Medizin – Onkologie und Hämatologie –

Palliativmedizin, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Starnberg

hkappauf@t-online.de

Interessenkonflikt

Dr. Kappauf ist Autor von drei onkologischen Aufklärungsbögen, die nicht Gegenstand der Untersuchung waren. Er erhält dafür Lizenzgebühren/Tantiemen vom Thieme-Verlag.

1.
Lühnen J, Mühlhauser I, Steckelberg A: The quality of informed consent forms—a systematic review and critical analysis. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 377–83 VOLLTEXT
1.Lühnen J, Mühlhauser I, Steckelberg A: The quality of informed consent forms—a systematic review and critical analysis. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 377–83 VOLLTEXT

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