ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2018Lebensqualität in der Medizin: Gesundheit und Wohlbefinden

THEMEN DER ZEIT

Lebensqualität in der Medizin: Gesundheit und Wohlbefinden

Dtsch Arztebl 2018; 115(38): A-1640 / B-1384 / C-1372

Birnbacher, Dieter

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Aufgabe des Arztes ist es nicht nur, die Gesundheit von Patienten wiederherzustellen und zu fördern, sondern auch, deren Wohlbefinden möglichst nicht zu beeinträchtigen.

Die Neufassung des Genfer Gelöbnisses vom Oktober 2017 verpflichtet Ärztinnen und Ärzte weltweit nicht mehr nur auf die Gesundheit, sondern auch auf das Wohlbefinden ihrer Patientinnen und Patienten (1). Damit holt das Gelöbnis eine Entwicklung nach, die sich seit Längerem in der Medizin vollzogen hat, aber im Grunde von Anfang an in ihr angelegt war: Aufgabe des Arztes ist es seit jeher, nicht nur die Gesundheit seiner Patienten wiederherzustellen und zu fördern, sondern dies auch so zu tun, dass deren Wohlbefinden möglichst geringfügig beeinträchtigt wird, und für den Fall, dass nicht beide Ziele gleichzeitig vollständig erreichbar sind, zwischen ihnen eine angemessene Balance zu finden. Ohnehin stand neben der Zielgröße Gesundheit immer auch, wie es die „Goals of Medicine“ des Hastings Center von 1996 formulierten, die „Linderung von durch Krankheit verursachten Schmerzen und Leiden“ und das „Streben nach einem friedvollen Tod“ (2).

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Fotos: MidoSemsem/stock.adobe.com; Monkey Business/stock.adobe.com
Fotos: MidoSemsem/stock.adobe.com; Monkey Business/stock.adobe.com

Dennoch ist bemerkenswert, dass das Gelöbnis von „Wohlbefinden“ statt – was nahe liegender scheint – von „Lebensqualität“ oder, enger gefasst, von „gesundheitsbezogener Lebensqualität“ spricht. Man kann darin einerseits eine Hommage an die WHO-Definition der Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ sehen, andererseits aber auch einen Reflex der gegenwärtigen Entwicklung der Medizin in den fortgeschrittenen Industrieländern, zunehmend nicht mehr nur zu gesundheitlichen Zwecken, sondern auch zu Zwecken der Steigerung von Lebensgenuss und der individuellen Selbstverwirklichung in Anspruch genommen zu werden.

Persönliches Empfinden zählt

Allerdings gehört die (Wieder-)Herstellung und Förderung von Lebensqualität zu den Kernaufgaben der Medizin nur insoweit, als diese einen Gesundheitsbezug aufweist. Arbeitslosigkeit, Armut, Straffälligkeit und Partnerverlust wirken sich in der Regel gravierend auf die Lebensqualität aus. Zu einem Gegenstand der Medizin werden sie aber allenfalls in ihren gesundheitlichen Sekundäreffekten. Das könnte sich möglicherweise dann ändern, wenn soziale, familiäre und persönliche Probleme soweit „medikalisiert“ wären, dass sie sich unter anderem mit medizinischen Mitteln bewältigen lassen – wovon wir gegenwärtig noch weit entfernt sind. Festzuhalten ist jedoch, dass die health related quality of life, die Gegenstand ärztlicher Fürsorge ist, stets nur einen Teil der gesamten Lebensqualität eines Menschen ausmacht. Vor einigen Jahren hörte ich von einem dialysepflichtigen nierenkranken Strafgefangenen, dessen Lebensqualität sich dadurch zu verschlechtern drohte, dass sich für ihn die Gelegenheit zu einer Transplantation ergab. Als Dialysepatient bekam er Haftverschonung, als Transplantierter nicht. Seine health related quality of life hätte sich absehbar verbessert, nicht notwendig jedoch auch seine Lebensqualität insgesamt.

Ein weiterer Grund dafür, dass das Genfer Gelöbnis von „Wohlbefinden“ statt von „Lebensqualität“ spricht, könnte sein, dass „Wohlbefinden“ sehr viel eindeutiger die subjektive Beschaffenheit des mit „Lebensqualität“ in der Medizin gemeinhin Gemeinten trifft. Auch in seiner gesundheitsbezogenen Verwendung ist „Lebensqualität“ ein Kontrastbegriff zu dem mit physischen Methoden ermittelten Gesundheitszustand. Gemeint ist das subjektive Empfinden und nicht der objektive Gesundheitszustand. Beide gehen zwar in der Regel, aber längst nicht immer zusammen. Auch nach objektiven Maßstäben können Schwerkranke eine beträchtliche subjektive Lebensqualität erreichen, etwa durch ein erfolgreiches Coping, das sie mit ihren objektiv eingeschränkten Aussichten und Möglichkeiten aussöhnt. Andererseits können die sekundären krankheitsbedingten Belastungen und die als belastend empfundenen Nebenwirkungen von Diagnostik und Therapie die subjektive Lebensqualität stärker mindern als die Erkrankung selbst.

Lebensqualität: nicht vorrangig

Über diesen Punkt ist es in der jahrzehntelangen Diskussion um den Begriff Lebensqualität gelegentlich zu Unklarheiten gekommen, aus zwei Gründen: Erstens hat man nicht immer konsequent unterschieden zwischen dem Subjektiven, das der Begriff meint, und den dafür verfügbaren äußeren Indikatoren. So wird gelegentlich zwischen

  • einer physischen (zum Beispiel Schmerzfreiheit, ungestörte Organfunktion, Mobilität, Kommunikationsfähigkeit),
  • einer psychischen (zum Beispiel Wohlbefinden, Zufriedenheit, Angst/Angstfreiheit, Depression),
  • einer sozialen (zum Beispiel Sozialkontakte, familiäre Beziehungen)
  • und einer funktionalen (Fähigkeit zur Ausübung sozialer Rollen in Beruf, Haushalt, Freizeit) unterschieden (3).

Aber es leuchtet ein, dass diese Dimensionen, soweit sie nicht selbst zur zweiten gehören, für die Lebensqualität nur insoweit relevant sind, als sie sich im psychischen Wohlbefinden niederschlagen. Sie übernehmen allenfalls eine heuristische, aber keine evidenzielle Funktion. Wie weit sich die subjektive Lebensqualität eines Patienten – etwa durch einen Verlust an Mobilität oder Sozialkontakten – vermindert, hängt davon ab, wie weit ihm persönlich an Mobilität und Sozialkontakten gelegen ist, was individuell stark variiert.

Als eine zweite Quelle von Verwirrung hat sich der in den 1970er- Jahren im Zusammenhang mit Social-Indicator-Forschung populär gewordene sozialwissenschaftliche Begriff von Lebensqualität auf den medizinischen Begriff ausgewirkt. Beide Begriffe sind in ihren Motiven und Funktionen verwandt. Sowohl der auf die Wohlfahrtsökonomie der 1920er-Jahre zurückgehende sozialwissenschaftliche Begriff quality of life (4) wie der medizinische haben eine polemische Spitze gegen einseitig objektivistische Zielbestimmungen, der eine gegen das Bruttosozialprodukt als Maß gesellschaftlicher Wohlfahrt, der andere gegen die köperliche Funktionsfähigkeit als Maß gesundheitlichen Wohlbefindens. Beidemal signalisiert der Begriff das Unbehagen an Erfolgsindikatoren, die den Vorzug haben, messbar und quantifizierbar zu sein, aber nur sehr unvollkommen dem entsprechen, worum es Akteuren wie Betroffenen letztlich geht. Aber die Unterschiede sind unübersehbar. Lebensqualität im sozialwissenschaftlichen Sinn bezieht sich auf Kollektive, Lebensqualität im medizinischen Sinn auf Individuen. Die eine beschreibt Wohlfahrtspotenziale, etwa von Regionen, Städten und Einrichtigungen, nicht die daraus zu beziehende Wohlfahrt selbst. Der andere bezieht sich direkt auf das Maß an subjektivem Wohlbefinden, das Individuen aus ihrem Gesundheitszustand beziehen.

Lebensqualität im medizinischen Sinn ist in doppelter Weise subjektiv: Sie ist eine psychische Größe, die mit objektiven gesundheitlichen Größen nur unvollständig korreliert; und sie ist abhängig von dem Maßstab, mit dem der Einzelne seinen Gesundheitszustand und dessen direkte und indirekte Folgewirkungen bewertet. Die Tatsache, dass sie eine psychische Größe ist, besagt unter anderem, dass es bei der Lebensqualität nicht nur auf die sensorischen Zustände des Patienten wie Beschwerden und Beschwerdefreiheit ankommt, sondern auch auf deren emotionale und kognitive Bewertung. Wissen – aber auch Nichtwissen – kann ebenso beglückend oder unerträglich sein wie Begeisterungs- oder Leidenszustände. Man kann darunter leiden, dass man sich krank fühlt, aber auch darunter, dass man weiß, dass man krank ist, ohne sich krank zu fühlen. Das zweite Merkmal verweist auf die Bewertungssouveränität des Patienten über äußere und innere Zustände. Nicht nur äußere Verhältnisse wie der Verlust körperlicher Funktionen, auch innere Zustände wie Schmerzen, Missstimmungen und Ängste können in sehr unterschiedlichem Maße als erträglich oder unerträglich empfunden werden. Nicht nur hedonisch positive Zustände wie Lust und Behagen, sondern auch hedonisch negative wie Schmerzen oder Missstimmungen können zur Normalität werden, so- dass sie nicht mehr als belastend oder frustrierend erlebt werden. Entscheidend für die Lebensqualität sind jeweils nicht die „Dinge an sich“, sondern die darauf gerichteten individuellen Präferenzen.

Patentlösungen gibt es nicht

Für den Umgang mit Patienten ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen. Eine erste ist der Primat der Selbstbeurteilung gegenüber der Fremdbeurteilung von Lebensqualität. Diese Konsequenz ist umso wichtiger, als empirische Ergebnisse nahelegen, dass Selbst- und Fremdbeurteilungen der Lebensqualität gelegentlich weit auseinandergehen. Ärzte sehen die Lebensqualität ihrer Patienten durch Krankheiten vielfach massiver beeinträchtigt als die Patienten selbst, vor allem wenn sie mit einer zukünftigen Verschlimmerung der Symptomatik rechnen. Andererseits neigen sie dazu, die durch Behandlung erreichbaren Verbesserungen der Lebensqualität zu überschätzen (5). Selbstbeurteilungen sind allerdings keine Patentlösung. Angesichts der abhängigen Position des Patienten ist nicht auszuschließen, dass Patientenbeurteilungen durch eine Tendenz zur sozialen Erwünschtheit verzerrt sind, zum Beispiel wenn Patienten, um das Wohlwollen des Arztes nicht zu verlieren, auf entsprechende Fragen im Sinne der vermuteten Präferenzen des Arztes antworten. Und natürlich sind Selbstbeurteilungen nicht immer zu erhalten, etwa bei kleinen Kindern, sodass in diesen Fällen nichts an einer Fremdbeurteilung anhand von physiologischen und Verhaltenskriterien vorbeiführt.

Individuell aufklären

Eine zweite Konsequenz ist die Notwendigkeit einer Individualisierung der ärztlichen Indikation (6). Welche von mehreren alternativen Therapien für einen bestimmten Patienten optimal ist, richtet sich unter anderem nach den individuellen Wertüberzeugungen, von denen seine Lebensqualität abhängt. Nicht nur unterscheiden sich Patienten in dem Ausmaß, in dem sie bereit sind, die lebensqualitätsrelevanten Nebenwirkungen einer angebotenen Therapie in Kauf zu nehmen, Patienten unterscheiden sich auch in ihren Präferenzen hinsichtlich Therapie versus Nicht-Therapie, zum Beispiel, ob sie bei einer schmerzhaften Erkrankung eher mehr Schmerzen aushalten oder sich durch hohe Schmerzmittelgaben in ihrer Wachheit beeinträchtigen lassen wollen.

Drittens ist die Aufklärung über die lebensqualitätsrelevanten Folgen einer ärztlichen Behandlung beziehungsweise Nichtbehandlung integraler Teil sowohl der ärztlichen Aufklärung, als auch der Verpflichtung, den Patienten behandlungsunabhängig über seinen Gesundheitszustand zu informieren. Eine Aufklärung über die zu erwartenden Folgen für die Lebensqualität ist dabei Teil sowohl der Aufklärung im Vorfeld der gemeinsamen Festlegung der Behandlungsziele, als auch der in Bezug auf diese Ziele geeigneten Behandlungsstrategien. Im Allgemeinen wird bei ärztlichen Aufklärungsgesprächen oft zu wenig von den Mitteln (den Behandlungsstrategien) und zu wenig von den Behandlungszielen gesprochen. Vielfach, insbesondere in höherem Alter, sind jedoch die Ziele nicht mehr vorgegeben. Gerade hier werden Kriterien der Lebensqualität entscheidend relevant. Nur wenn der Patient sachgemäß (wenn auch notgedrungen stets nur probabilistisch) darüber aufgeklärt wird, wie weit ein ins Auge gefasstes Behandlungsziel für ihn und auf dem Hintergrund seiner persönlichen Vorstellungen von Lebensqualität erstrebenswert ist, vermag er sein Selbstbestimmungsrecht bereits bei der Entscheidung über das Behandlungsziel – und nicht erst bei der Abwägung möglicher Behandlungsstrategien – geltend zu machen. Nicht zu übersehen ist, dass dadurch die ärztliche Aufklärung ein Stück weit kompliziert wird. Der Arzt muss nicht nur die Eigenarten des Patienten (etwa dessen Toleranz gegen Nebenwirkungen) berücksichtigen, sondern auch die Wechselwirkungen von Therapie versus Nicht-Therapie mit außermedizinischen Belastungs- und Entlastungsfaktoren. In der Regel wird der Arzt eine solche Entscheidung nur dann adäquat fällen können, wenn er den Patienten umfassend in die Entscheidung einbezieht.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2018; 115(38): A 1640–4

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Dieter Birnbacher,
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
Universitätsstraße 1, 40225 Düsseldorf

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3818
oder über QR-Code.

Kommentar

Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Dieter Birnbacher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben

„Lebensqualität“ ist in vielen Bereichen der Medizin zu einem Schlüsselbegriff geworden, an dem sich ärztliches Handeln, medizinische Forschung, Gesundheitspolitik und die Allokation der Ressourcen orientieren. Mit der Novellierung des Genfer Ärztegelöbnisses im Jahr 2016 ist er – unter dem Namen „Wohlbefinden”– offizieller Teil des ärztlichen Ethos geworden. Allerdings gehört die (Wieder-)Herstellung und Förderung von Lebensqualität nur insoweit zu den Kernaufgaben, als diese einen Gesundheitsbezug aufweist und sich medizinisch beeinflussen lässt. Lebensqualität bezeichnet eine im doppelten Sinn subjektive Größe: Sie ist eine psychische Größe, die mit objektiven gesundheitlichen Größen nur unvollständig korreliert und ist abhängig von individuellen Maßstäben, anhand deren der Einzelne seinen Gesundheitszustand und dessen Folgewirkungen bewertet. Für den Umgang mit Patienten ergeben sich daraus weitreichende praktische Konsequenzen. Eine ist der Primat der Selbstbeurteilung von Lebensqualität, eine weitere die notwendige Individualisierung der Indikation. Die Aufklärung über die lebensqualitätsrelevanten Folgen einer ärztlichen Behandlung bzw. Nichtbehandlung ist integraler Teil der ärztlichen Aufklärung. Vielfach, insbesondere in höherem Alter, verstehen sich die Behandlungsziele nicht von selbst. Hier werden Kriterien der Lebensqualität entscheidend relevant. Nur wenn der Patient sachgemäß darüber aufgeklärt wird, wie weit ein ins Auge gefasstes Behandlungsziel auf dem Hintergrund seiner Vorstellungen von Lebensqualität wünschbar ist, vermag er sein Selbstbestimmungsrecht bereits bei der Entscheidung über die Behandlungsziele – und nicht erst bei der Abwägung möglicher Behandlungsstrategien – zur Geltung zu bringen.

aerzteblatt.de/ethos

Alle Beiträge und Videos zur Beitragsreihe zu aktuellen Fragen des ärztlichen Ethos in der heutigen Zeit sind im Internet abrufbar.

1.
Montgomery, F.U., Parsa Parsi, R.W., Wiesing, U., Das Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes. Revidiert unter Leitung der Bundes­ärzte­kammer. Ethik in der Medizin 30 (1), 2018, 67–9 CrossRef
2.
Hastings Center, Die Ziele der Medizin – neue Prioritäten setzen. In: Allert, G. (Hrsg.), Ziele der Medizin. Zur ethischen Diskussion neuer Perspektiven medizinischer Ausbildung und Praxis, Stuttgart 2002, 22–81, hier 25.
3.
Bullinger, M., Pöppel, E., Lebensqualität in der Medizin: Schlagwort oder Forschungsansatz. Deutsches Ärzteblatt 85 (1988), 679–80 VOLLTEXT
4.
Pigou, A.C., The eonomics of welfare, London 1920.
5.
Helmchen, H., „Lebensqualität“ als Bewertungskriterium in der Psychiatrie.
In: Schölmerich, P., Thews, G., (Hrsg.): „Lebensqualität“ als Bewertungskriterium in der Medizin. Stuttgart/New York 1990, 93–116, hier 107.
6.
Neitzke G., Medizinische und ärztliche Indikation – zum Prozess der Indikationsstellung. In: Dörries A., Lipp V. (Hrsg) Medizinische Indikation, Ärztliche, ethische und rechtliche Perspektiven. Grundlagen und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer 2015, 83–93.
1.Montgomery, F.U., Parsa Parsi, R.W., Wiesing, U., Das Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes. Revidiert unter Leitung der Bundes­ärzte­kammer. Ethik in der Medizin 30 (1), 2018, 67–9 CrossRef
2.Hastings Center, Die Ziele der Medizin – neue Prioritäten setzen. In: Allert, G. (Hrsg.), Ziele der Medizin. Zur ethischen Diskussion neuer Perspektiven medizinischer Ausbildung und Praxis, Stuttgart 2002, 22–81, hier 25.
3.Bullinger, M., Pöppel, E., Lebensqualität in der Medizin: Schlagwort oder Forschungsansatz. Deutsches Ärzteblatt 85 (1988), 679–80 VOLLTEXT
4.Pigou, A.C., The eonomics of welfare, London 1920.
5.Helmchen, H., „Lebensqualität“ als Bewertungskriterium in der Psychiatrie.
In: Schölmerich, P., Thews, G., (Hrsg.): „Lebensqualität“ als Bewertungskriterium in der Medizin. Stuttgart/New York 1990, 93–116, hier 107.
6.Neitzke G., Medizinische und ärztliche Indikation – zum Prozess der Indikationsstellung. In: Dörries A., Lipp V. (Hrsg) Medizinische Indikation, Ärztliche, ethische und rechtliche Perspektiven. Grundlagen und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer 2015, 83–93.

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 21. September 2018, 18:21

Einfach nur ärgerlich!

Mit Verlaub, Herr Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Dieter Birnbacher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, Ihr Artikel und Ihr zeitgleicher Kommentar, der üblicherweise journalistisch korrekt eigentlich von einem Dritten formuliert werden müsste, ist m. E. einfach nur ärgerlich. Es ist m. E. ausgesprochen Medizin-bildungsfern, auf einen angeblich neuen Aspekt des "Wohlbefindens" und der Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten abzuheben. Dieser ist in allen bisherigen Arztgelöbnissen und in der WHO-Definition von Gesundheit bereits konkludent enthalten, indem auch seltener von Krankheit, Krankheitsbewältigung ("Coping") Tod und Sterben, aber umso mehr von Gesundheit, Gesundheits-Zielen, Gesundheits-Erhaltung und Lebensqualität die Rede ist.

Medizinisch erfahrene Kolleginnen und Kollegen wissen: Im Rahmen von Lebensbedrohungen, Katastrophenlagen, Notfällen Maximalinterventionen und/oder Notfall-Situationen bzw. Reanimations-Bemühungen treten Wohlbefinden und Lebensqualität zurück; im Extremfall bei Organexplantationen ebenfalls.

Die offizielle, durch den Weltärztebund autorisierte deutsche Übersetzung der Deklaration von Genf in der von der 68. Generalversammlung des Weltärztebundes in Chicago/USA im Oktober 2017 beschlossenen Fassung lautet:
"Das ärztliche Gelöbnis
Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.
Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein.
Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren.
Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren.
Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunf, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischerZugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.
Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus wahren.
Ich werde meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen, mit Würde und im Einklang mit guter medizinischer Praxis ausüben.
Ich werde die Ehre und die edlen Traditionen des ärztlichen Berufes fördern.
Ich werde meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Kolleginnen und Kollegen und meinen Schülerinnen
und Schülern die ihnen gebührende Achtung und Dankbarkeit erweisen.
Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle der Patientin oder des Patienten und zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung teilen.
Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können.
Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.
Ich gelobe dies feierlich, aus freien Stücken und bei meiner Ehre."
Offzielle deutsche Übersetzung der Deklaration von Genf, autorisiert durch den Weltärztebund. © World Medical Association

Sensationell neu ist der Fokus auf die Selbstbestimmung der Patienten:
"Als wichtigste Ergänzung darf dabei der Satz gelten, dass Ärzte die Autonomie ihrer Patienten zu respektieren haben. Wie auch der Hippokratisch Eid, so hatte das Genfer Gelöbnis bisher den Respekt der Selbstbestimmung eines Patienten nicht erwähnt. Damit stand es im Widerspruch zu zahlreichen anderen Dokumenten des Weltärztebundes...Die Selbstbestimmung der Patienten: «I WILL RESPECT the autonomy and dignity of my patient.»

"Die Revision hat zudem versucht, einige Formulierungen zeitgemässer zu gestalten. So wurde der im Englischen mit einer religiösen Konnotation besetzte Begriff ‘consecrate’ (weihen) durch ‘dedicate’ (widmen) ersetzt: «I SOLEMNLY PLEDGE to dedicate my life to the service of humanity.» Ebenso wurde die Verbindung zur Tradition des Berufsstandes nüchterner gefasst: «I WILL FOSTER the honour and noble traditions of the medical profession.» Der Satz «MY COLLEAGUES will be my sisters and brothers» wurde ebenfalls als sprachlich veraltet empfunden, deshalb gestrichen und der Inhalt durch die Ergänzung «colleagues and students» in den Satz aufgenommen: «I WILL GIVE to my teachers, colleagues, and students the respect and gratitude that is their due.»"

Die Erweiterung um Studenten beruht auch auf einer Intervention der... International Federation of Medical Students’ Associations – IFMSA. Deren Vertreter hatten den Weltärztebund darauf aufmerksam gemacht, dass in der bisherigen Fassung die Schüler zwar ihren Lehrern Respekt zu zollen haben, nicht aber umgekehrt. Die IFMSA hat in dieser Frage zu Recht Reziprozität eingefordert, die in dem 2500 Jahre alten Hippokratischen Eid bereits enthalten war. Durch den neu formulierten Satz ist dies nunmehr ausgedrückt.

Die neue Revision adressiert den Umgang mit Wissen. Nun schreibt das Genfer Gelöbnis vor, dass der Arzt das Wissen zu teilen habe, um den Patienten und der Gesundheitsversorgung zu dienen: «I WILL SHARE my medical knowledge for the beneft of the patient and the advancement of healthcare.»

Neu ist auch ein Satz, der sich auf den Arzt, seine Gesundheit und sein Befinden bezieht. Es ist aus zahlreichen Untersuchungen bekannt, dass übermüdete und überarbeitete Ärzte Gefahr laufen, schlechtere Medizin zu praktizieren. Das nimmt das Genfer Gelöbnis nun auf, indem es fordert, dass sich Ärzte auch um ihre eigene Gesundheit zu kümmern haben, um für den Patienten die beste Gesundheitsversorgung zu ermöglichen: «I WILL ATTEND TO my own health, well-being, and abilities in order to provide care of the highest standard.»
Zudem hat der Weltärztebund die einzelnen Paragraphen in eine neue Reihenfolge gebracht. Nach dem einleitenden Satz werden zunächst die Verpfichtungen gegenüber dem Patienten genannt, dann gegenüber der Profession und zuletzt gegenüber der Gesellschaft.

Bearbeitet nach: SCHWEIZERISCHE ÄRZTEZEITUNG – BULLETIN DES MÉDECINS SUISSES – BOLLETTINO DEI MEDICI SVIZZERI 2018;99(8):247–249

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund