ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: John Langdon Down glaubte an die heilende Kraft des Lernens

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: John Langdon Down glaubte an die heilende Kraft des Lernens

Dtsch Arztebl 2018; 115(38): [68]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Zuerst studierte er Pharmazie und erst nach dem Tod des Vaters sein Wunschfach Medizin. Trotz seines brillanten Examens entschied sich Down gegen eine medizinische Karriere und widmete sich lebenslang geistig behinderten Menschen. 1868 gründete er ein Vorzeige-Förderinstitut für Kinder in England.

John Langdon Haydon Down, so sein Geburtsname, den er später in John (Haydon) Langdon Down veränderte, wurde am 18. November 1828 im kleinen Arbeiterstädtchen Torpoint im englischen Cornwall als letztes von sieben Kindern religiöser Eltern geboren. Der Vater Joseph Almond Down, der mehrfach beruflich Schiffbruch erlitten und immer wieder Alkoholprobleme hatte, reüssierte seit einiger Zeit mit einem Kolonialwarenhandel für pharmazeutische und Drogerieartikel, Tee, Wolle, Leinen und vieles mehr. Er bezeichnete sich selbst als Apotheker, was bis 1815, als sich die Familie in Torpoint niederließ, noch unkompliziert möglich war. Der begabte John musste mit 14 Jahren die Schule verlassen, um im Laden der Eltern zu helfen. Die Arbeit hinter der Theke war ihm verhasst, aber er erwarb dabei so gute Grundkenntnisse in Pharmazie, dass er später das Studium an der renommierten Royal Pharmaceutical Society in London in nur einem statt zwei Jahren absolvierte.

Down kehrte nach Torpoint zurück, entwickelte eine Serie verkaufsträchtiger Over-the-counter-Arzneien und nahm 1853, als der Vater gestorben war, sein eigentliches Wunschstudium Medizin an der Hospital Medical School und ab 1854 an der Universität in London auf. Dabei soll ein Erlebnis eine Rolle gespielt haben, das für ihn prägende Bedeutung hatte: Als 18-Jähriger hatte er bei einem Ausflug mit seinen Eltern wegen eines Sturms Schutz in einem Bauernhaus gesucht. Dort servierte ihnen ein junges Mädchen mit eigenartigen Gesichtszügen, das kein Wort sprach und unglücklich wirkte, Tee. Der stets empathische Down war tief berührt und fragte sich, an welcher Krankheit sie wohl leide und ob ihr zu helfen sei.

Anzeige

Bereits früh hatte er Intelligenz, Fleiß, soziale Begabung und Stehvermögen bewiesen, das Arztstudium schloss er als Jahrgangsbester mit diversen Goldmedaillen ab. Seine Professoren waren erschüttert, als er, statt eine blendende Karriere einzuschlagen, den Wunsch äußerte, in einem der größten Behindertenheime Englands, dem „Earlswood Asylum for Idiots“, so der damalige Sprachgebrauch, zu arbeiten. Die gemeinnützige Anstalt in Surrey mit ihren Hunderten von „Insassen“ war durch ihre menschenunwürdigen Praktiken in Verruf geraten. Mit nur 30 Jahren wurde Down 1858 zum Superintendenten und Anstaltsarzt berufen und reformierte das Heim von Grund auf: Er tauschte das Personal aus, führte Hygiene, gesunde Ernährung und Fördermaßnahmen ein und verbot jede körperliche Bestrafung. Neben dieser Herkulesaufgabe promovierte er 1859.

Nach seiner Heirat 1860 unterstützte ihn seine Frau Mary in der Anstaltsarbeit, was ihm erlaubte, weiter wissenschaftlich und als Hochschullehrer tätig zu sein. Mit ihr gründete er 1868 das Normansfield Training Institut in Teddington bei London für geistig behinderte Kinder der Oberschicht. Ihm war aufgefallen, dass diese Kinder – anders als die der ärmeren Familien – oft unter schrecklichsten Umständen weggesperrt wurden und es für sie keinerlei Hilfsangebote gab. Auf Basis seiner philanthropischen Maximen und neurologischen Studien entwickelte er in Normansfield ein revolutionäres Bildungskonzept für Betroffene des später nach ihm benannten Down-Syndroms und betonte deren Lernfähigkeit. Die Anstalt, die unter anderem eine eigene Farm und ein Privattheater für die Patienten betrieb, wurde zu einer über die Grenzen Englands hinaus renommierten Fördereinrichtung.

Zwei der vier Kinder und ein Enkel von John Langdon Down waren ebenfalls Ärzte und führten die Tradition in Normansfield fort, das mehr als 100 Jahre von einem Familienmitglied geleitet wurde. Er selbst starb 1896 mit 67 Jahren an „Herztod“. Sabine Schuchart

1866 beschrieb der englische Arzt John Langdon Down (1828–1896) als Erster den Symptomenkomplex der „mongoloiden Idiotie“ wissenschaftlich fundiert und grenzte ihn eindeutig von anderen Formen geistiger Beeinträchtigung ab, um eine frühe Diagnose und Therapie der Störung zu ermöglichen. Die damals gängige, nicht als anstößig empfundene ethnische Klassifizierung hatte er wegen der typischen Gesichtszüge und Augenform der Betroffenen gewählt, nahm aber später davon Abstand. Dennoch war der Terminus Mongolismus für weitere fast 100 Jahre die akzeptierte medizinische Bezeichnung, bis 1959 als Ursache eine Chromosomenanomalie, ein dreifaches Chromosom 21, erkannt wurde. 1961 sprachen sich renommierte Genetiker in einem offenen Brief an „The Lancet“ gegen den Begriff aus und schlugen stattdessen Down-Syndrom vor. Die WHO bestätigte das Eponym 1965 – rund ein Jahrhundert nach Downs Erforschung.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema