ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2018Digitalisierung: Aktiv gestalten

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Digitalisierung: Aktiv gestalten

Dtsch Arztebl 2018; 115(38): A-1617 / B-1367 / C-1355

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs hat – begleitet mit dem Satz „one more thing“ – immer wieder die digitale Welt mit revolutionären Produkten geprägt. Die alljährliche Apple-Produktvorstellung ist zwar weiterhin das Highlight für die Apple-Jünger. Revolutionäres sah man aber lange nicht mehr. In diesem Jahr gab es zumindest einen kleinen „one more thing“-Moment. Für die Apple Watch 4 präsentierte Geschäftsführer Tim Cook zwei von der US-Zulassungsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte (FDA) zertifizierte Apps: einen EKG-Sensor, der mit einer App ein elektrisches Ein-Kanal-EKG aufzeichnet und eine App, die auf Basis des Pulsschlages die Verdachtsdiagnose Vorhofflimmern stellen kann. Zusätzlich soll noch ein Sturzsensor kommen, der im Notfall eine Mitteilung an den Rettungsdienst einleitet.

Sind das gute oder beunruhigende Nachrichten, wenn solch ein Technikgigant sich in der Medizin engagiert? Hilft die Technik dem Menschen und ersetzt sie in manchen Situationen gar den Arzt? Hier ist die Rolle der FDA interessant. Deren Chef Scott Gottlieb hat erkannt, dass man die zunehmende Digitalisierung in der Medizin nicht den privaten Unternehmen allein überlassen darf. Ihm ist bewusst, dass die Menschen immer mehr ihrer Gesundheitsdaten sammeln und speichern, die – richtig verwendet – besser informierte medizinische Entscheidungen ermöglichen und damit letztlich die Gesundheitsergebnisse verbessern. Daher will die FDA mit Technologiefirmen zusammenarbeiten und Vorhaben fördern und nicht hemmen. Dennoch weist auch die FDA in ihrer Zertifizierung ausdrücklich darauf hin, dass die Verdachtsdiagnose Vorhofflimmern der Apple Watch nur als Ergänzung für eine medizinische Entscheidung dienen darf und kein Ersatz für Diagnosemethoden oder erst recht für einen Therapiebeginn ist. Der Arzt ist gefragt.

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Kardiologen sind solchen Messdaten gegenüber durchaus aufgeschlossen. Die Daten eines einfachen EKGs seien ein erfreuliches Abfallprodukt des Life-stylegerätes Apple Watch, sagte der Kardiologe Prof. Dr. med. Thomas Deneke der Süddeutschen Zeitung. Wichtig sei hierbei vor allem eine gute Aufklärung, ergänzte Prof. Dr. med. Isabel Deisenhofer vom Deutschen Herzzentrum München der Zeitung.

Daher ist es auch wichtig und richtig, dass das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) zum 4. Internationalen Tag der Patientensicherheit am 17. September das Thema Digitalisierung in den Fokus gestellt hat. Und das nicht als Gefahr, sondern ausdrücklich als wertvollen Beitrag, den die Digitalisierung für die Patientensicherheit leisten kann wie zum Beispiel mit der elektronischen Patientenakte oder bei der Arznei­mittel­therapie­sicherheit.

FDA und APS haben recht. Die am Gesundheitswesen Beteiligten müssen die Digitalisierung aktiv gestalten, um die Dynamik der Entwicklungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Denn für das wertvollste Unternehmen der Welt ist die Apple Watch 4 in erster Linie ein Umsatztreiber, kein Medizinprodukt. Die Maßgabe muss lauten, wie es FDA-Chef Gottlieb formulierte: Wir müssen unseren wissenschaftlichen Goldstandard beibehalten, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Produkte zu gewährleisten. So wird die Digitalisierung mit ihrem enormen Potenzial die medizinische Versorgung verbessern.

Welche Folgen mangelnde Aktivität hat, musste selbst Microsoftgründer Bill Gates schmerzlich erfahren, als er 1998 prognostizierte, das Internet sei nur ein Hype. Microsoft hat den Rückstand in puncto Internetdienstleistungen bis heute nicht aufholen können.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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