ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2018Medizinalcannabis: Betäubung gesucht
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Das war zu erwarten! Ein erbärmlicher zusammengeflicktes Gesetz ist mir noch nicht begegnet und trotzdem würde es von Bundestag und Bundesrat mit einhelliger Zustimmung aller Parteien gebilligt. Einhelligerer Populismus ist kaum vorstellbar. Da musste wieder einmal gegen jede medizinische Vernunft eine Klientel befriedigt werden, die Betäubung sucht, wo alles andere sinnvoller ist.

Wusste von den medizinischen und pharmazeutischen Beratern der Abgeordneten tatsächlich keiner, dass Teeaufguss (Infusion sagen die Schweizer) mindestens seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts obsolet ist? Seither kommt kein Kardiologe mehr auf die Idee, Blüten vom gelben Fingerhut gegen manifeste Herzinsuffizienz zu rezeptieren. Dass „unverarbeitete Cannabisblüten den mit Abstand größten Kostensprung“ gemacht haben, zeigt zweifellos die äußerst fragwürdige Verordnung gegen nicht einmal definierte Krankheiten. Es dürfte sich um „Wunschverordnungen“ handeln – und darunter nicht wenige von Menschen mit Suchtproblematik.

Aus der Medizingeschichte zu lernen scheint so schwer zu sein wie aus Geschichte allgemein. Siegmund Freud mit seinen „Cocainstudien“, Metamphetamin bei Hitler und seinen Bomberpiloten, die Massensedierung der Bevölkerung mit Benzodiazepinen in den 70er- bis 90er-Jahren? Alles vergessen? Alles kein Problem?

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Es mag notwendig sein, schwer kranken Menschen mit THC oder Cannabidiol zu helfen. Aber mit definierten Dosierungen und bei klaren Krankheitseinheiten. Teeaufgüsse mit Blüten mögen bei naiven Gemütern suggestiv wirken. Wenn dort aber Substanzen enthalten sind, die hochwirksam und nebenwirkungsbehaftet sind, hat das heutzutage keine Berechtigung mehr. Die Krankenkassen wären gut beraten, wenn sie diesen Unfug nicht mehr finanzieren müssten.

Dr. med. Hans Baiker, 32756 Detmold

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