ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2018Pflegemangel: Mehr Kollegen statt mehr Geld

POLITIK

Pflegemangel: Mehr Kollegen statt mehr Geld

Dtsch Arztebl 2018; 115(38): A-1626 / B-1374 / C-1362

Osterloh, Falk

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Der Pflegemangel hat Deutschland längst erreicht. Während die Politik nach Lösungen auf Bundesebene sucht, schaffen derzeit Tarifverträge mit einzelnen Krankenhäusern Tatsachen. Darin verpflichten sich die Arbeitgeber zum Einstellen neuer Pflegekräfte oder zu Mindestbesetzungen.

Pflegekräfte streikten im Juli für die Einstellung neuer Kollegen im Universitätsklinikum Düsseldorf. Foto: dpa
Pflegekräfte streikten im Juli für die Einstellung neuer Kollegen im Universitätsklinikum Düsseldorf. Foto: dpa

Vor zwei Jahren sorgte ein Tarifvertrag für Aufsehen, den die Gewerkschaft Verdi mit der Berliner Charité geschlossen hatte. Aufsehenerregend daran war, dass es in dem Vertrag nicht um Gehaltssteigerungen ging, sondern um die verpflichtende Einstellung neuer Mitarbeiter im pflegerischen Dienst. Dieser Tarifvertrag machte deutlich, dass der lange prognostizierte Fachkräftemangel in der Pflege bereits im Jahr 2016 so ausgeprägt war, dass die Gewerkschaften seiner Bekämpfung die höchste Priorität einräumten.

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Der Tarifvertrag sah eine dezentrale Personalbemessung auf den Normalstationen mithilfe der Pflegepersonal-Regelung (PPR) vor. Mit der PPR wurde in den 1990er-Jahren der Pflegeaufwand in deutschen Krankenhäusern errechnet. Auch heute noch dient sie zur Dokumentation von Pflegeleistungen. Anhand der auf diese Weise erhaltenen Orientierungswerte sollte die Charité neues Pflegepersonal einstellen. Zudem erhielt der Vertrag unter anderem Vorgaben zur Besetzung im Nachtdienst und auf den Intensivstationen. Fand die Charité trotz Bemühens nicht genügend Pflegekräfte, griff eine Kaskade von Vorgaben: von der Übernahme bestimmter Tätigkeiten durch andere Berufsgruppen bis zur Sperrung von Betten.

Zwei Jahre später ist der Pflegemangel im deutschen Gesundheitswesen noch gravierender geworden. Der Deutsche Pflegerat geht davon aus, dass in der Alten- und Krankenpflege 100 000 Pflegekräfte fehlen. Und das Institut der deutschen Wirtschaft prognostizierte vor Kurzem, dass bis zum Jahr 2035 weitere 130 000 hinzukommen werden – weil die Zahl der Pflegebedürftigen um eine Million auf vier Millionen ansteigen werde.

Pflegemangel reduzieren

Vor diesem Hintergrund hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Gewinnung neuer Pflegekräfte als eines der wichtigsten Ziele der aktuellen Legislaturperiode ausgerufen. Dafür hat er zum einen das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) auf den Weg gebracht, mit dem die Finanzierung neuer Pflegekräfte geregelt werden soll. Zum anderen hat er zusammen mit zwei anderen Bundesministern die sogenannte Konzertierte Aktion begonnen, bei der verschiedene Experten bis zum Sommer 2019 Vorschläge erarbeiten sollen, wie offene Stellen in der Pflege besetzt werden können.

Während die Politik also auf Bundesebene nach geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung des Pflegemangels sucht, setzen die Gewerkschaften zusammen mit einzelnen Krankenhäusern eigene Ideen um. Mit Erfolg. So hat die Charité seit Inkrafttreten des Tarifvertrags mit Verdi 254 Vollkräfte eingestellt, berichtet die Pflegedirektorin des Krankenhauses, Judith Heepe, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Zu den Personalgewinnungsmaßnahmen, die Europas größtes Krankenhaus ergriffen hat, gehören „Mitarbeiterempfehlungsprogramme, Werbekampagnen, Unterstützung bei der Wohnungssuche und berufsbegleitende Qualifizierungsangebote sowie die Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland“, erklärt sie.

Hat der Tarifvertrag denn aus Sicht von Verdi zur Verbesserung der Situation beigetragen? „Ja und nein“, sagt Kalle Kunkel, der bei der Gewerkschaft als Betreuungssekretär für die Charité arbeitet. „Die Charité hat mehr Pflegekräfte eingestellt.“ Da sich in den vergangenen Jahren die Fallzahl und die Case-Mix-Punkte geändert hätten, sei es allerdings schwierig, anhand der vereinbarten Orientierungswerte eine konkrete Zahl an Pflegekräften zu benennen, die hätte eingestellt werden müssen. Trotz der neuen Pflegekräfte sei die Situation auf manchen Stationen nach wie vor sehr problematisch. „Unser Eindruck ist, dass die Charité noch zu wenige Betten sperrt – auch, wenn sie das gemäß unserem Tarifvertrag eigentlich tun müsste“, sagt Kunkel. Ihm macht die Entwicklung in der Pflege weiterhin große Sorgen. Bisher sei es höchstens gelungen, eine weitere Arbeitsverdichtung zu verhindern. Der Personalaufbau kompensiere bisher im Wesentlichen die weitere Fallzahl- und Leistungssteigerung.

Neue Ziele in der Tarifpolitik

Ein Fortschritt sei der Tarifvertrag, den Verdi mit den Universitätskliniken Essen und Düsseldorf im August dieses Jahres verhandelt hat, meint Kunkel. Denn darin gebe es keine monatlichen Durchschnittswerte, sondern die Festlegung konkreter Regelbesetzungen in den einzelnen Schichten. Elf Wochen lang hatte Verdi die beiden Krankenhäuser bestreikt, bevor Ende August mithilfe von Schlichtern ein Kompromiss erzielt werden konnte. Dieser sieht unter anderem vor, dass beide Universitätskliniken je
180 zusätzliche Vollzeitstellen in der Pflege schaffen müssen (siehe Kasten).

„Es ist an der Zeit, Pflegekräften endlich den roten Teppich auszurollen, anstatt ihre Gesundheit zu verschleißen.“ Sylvia Bühler, Verdi. Foto: Kay Herschelmann
„Es ist an der Zeit, Pflegekräften endlich den roten Teppich auszurollen, anstatt ihre Gesundheit zu verschleißen.“ Sylvia Bühler, Verdi. Foto: Kay Herschelmann

Einen ähnlichen Tarifvertrag hat Verdi am 14. September mit dem SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach vereinbart. Darin vorgesehen sind unter anderem mehr Pflegepersonal, eine Mindestbesetzung in Nachtdiensten und eine Aufstockung der Ausbildungsplätze. „Mehr Personal und Entlastung im Krankenhaus haben wir zum Thema unserer qualitativen Tarifarbeit gemacht“, sagt Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler. „Aktuell bereiten wir Arbeitskämpfe am Universitätsklinikum des Saarlands (UKS) und am Klinikum Augsburg vor. Am UKS haben rund 98 Prozent unserer Mitglieder für einen unbefristeten Erzwingungsstreik gestimmt.“ Am 18. September (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) treffen sich Vertreter von UKS und Verdi zu ersten Verhandlungen. Wenn es dabei keine Einigung gibt, soll der Streik am
19. September beginnen.

Vollzeitquote erhöhen

In der Pflicht sind nun die Kliniken. Sie werden ihre Maßnahmen zur Gewinnung von Pflegekräften verstärken müssen. Das Universitätsklinikum Essen setzt dabei unter anderem auf die Übernahme der eigenen Auszubildenden, wie die Pflegedirektorin des Klinikums, Andrea Schmidt-Rumposch, erklärt. Dabei sei schon zu Jahresbeginn beschlossen worden, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen.

Wichtig sei zudem die hohe Quote an Mitarbeitern in Teilzeit. „Welche – auch individuellen – Rahmenbedingungen sich verändern müssen, um diesen eine Vollzeitstelle anbieten zu können, wird sicher kein leichtes Thema sein, das es aber, so unser Anspruch, zu lösen gilt“, sagt Schmidt-Rumposch. Von Bedeutung sei darüber hinaus die Umstellung pflegerischer Arbeitsprozesse im Rahmen eines „Smart Hospital“. „Wenn Tätigkeiten im patientenfernen sowie im Service- und Logistikbereich durch technologische Innovationen und Assistenzsysteme übernommen werden, bleibt mehr Zeit für die menschliche Zuwendung zum einzelnen Patienten und die persönliche Qualifikation der Mitarbeitenden“, so die Essener Pflegedirektorin.

„Wenn logistische Arbeiten durch Assistenzsysteme übernommen werden, bleibt mehr Zeit für die menschliche Zuwendung.“ Andrea Schmidt-Rumposch, Universitätsklinikum Essen. Foto: Andre Zelck
„Wenn logistische Arbeiten durch Assistenzsysteme übernommen werden, bleibt mehr Zeit für die menschliche Zuwendung.“ Andrea Schmidt-Rumposch, Universitätsklinikum Essen. Foto: Andre Zelck

Tatsachen schaffen die neuen Tarifverträge nicht nur im Bereich der Personalgewinnung, sondern auch bei der Personalbemessung. Auf Bundesebene hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium vor Kurzem Pflegepersonaluntergrenzen in vier Fachbereichen auf den Weg gebracht – die aber nur so lange gelten sollen, bis Krankenhäuser und Krankenkassen eine dauerhafte Lösung vereinbart haben. Offen ist bislang, wie der anfallende Pflegeaufwand gemessen werden soll.

Das Universitätsklinikum Essen hat sich in dem neuen Tarifvertrag dazu verpflichtet, ein Personalbedarfsermittlungsverfahren zu etablieren. Schon heute benutzt man in Essen das Instrument LEP® („Leistungserfassung in der Pflege“), das ursprünglich aus der Schweiz stammt. Künftig sollen die LEP-Daten automatisch aus der Pflegedokumentation auf elektronische Patientenakten ausgeleitet werden, wie Schmidt-Rumposch erzählt.

Sorge vor Abwerbung

Ein Problem des Pflegemangels können Tarifverträge indes nicht lösen: Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Essen, Prof. Dr. med. Jochen A. Werner, betonte kurz nach der Einigung mit Verdi, dass die neuen Stellen „wegen des Fachkräftemangels derzeit nur dann umgehend besetzt werden können, wenn es zu Verschiebungen aus anderen Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen kommt“. Und Verschiebung bedeutet, so befürchten Vertreter stationärer Pflegeeinrichtungen, vor allem eine Verschiebung von der Alten- in die Krankenpflege. Der Hintergrund ist eine Maßnahme des PpSG, der zufolge Krankenhäusern neue oder aufgestockte Pflegestellen vollständig von den Krankenkassen refinanziert werden sollen.

Ausbildung und Wertschätzung

„Wir haben schon die Sorge, dass uns mehr Pflegekräfte abgeworben werden, sobald den Krankenhäusern alle Pflegestellen voll ausfinanziert werden“, sagt Dr. rer. nat. Jochen Schellenberg. Der 63-jährige Dessauer leitet die Katharinenhof Seniorenwohn- und Pflegeanlage Betriebs-GmbH mit Sitz in Berlin. Zu seinem Unternehmen gehören 24 Einrichtungen mit insgesamt 2 500 Plätzen in fünf Bundesländern. Im Stellenplan sind rund 800 Pflegestellen vorgesehen. 60 davon kann er zurzeit nur mit erheblichem Aufwand zeitnah besetzen.

Akut ist das Thema Pflegemangel im Katharinenhof vor etwa eineinhalb Jahren geworden. „Eigentlich hatten wir uns gut darauf eingestellt“, sagt Schellenberg. Zunächst hat er vor allem zwei Strategien verfolgt: „Wir haben sehr viel ausgebildet, meist mehr, als wir in unseren Häusern unterbringen konnten.“ Derzeit gibt es 120 Auszubildende im Katharinenhof. Zudem hat Schellenberg daran gearbeitet, eine Arbeitgebermarke zu etablieren. „Wir versuchen, individuelle Wünsche bei der Dienstplangestaltung zu ermöglichen, ausreichend Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen anzubieten, Mitsprache und Entscheidungsspielräume für Mitarbeiter zu ermöglichen“, erzählt er. „Und wir gehen in unserem Führungsverhalten wertschätzend, emphatisch, aber auch qualitäts- und leistungsfordernd mit unseren Mitarbeitern um.“ Schellenberg glaubt, dass diese Maßnahmen erfolgreich waren. „Ohne sie wären unsere Probleme heute noch viel größer“, meint er.

 Doch gelöst sind die Probleme trotzdem nicht. Deshalb hat Schellenberg vor einem Jahr zusammen mit einem Dienstleister 26 ausgebildete Pflegekräfte aus Albanien in sein Unternehmen geholt. „Dabei gab es viele Hürden zu überwinden“, erzählt er, bürokratische, aber auch Hürden, die die Integration betreffen. „Wenn die jungen Pflegekräfte nach Deutschland kommen, erleiden sie zunächst einen Kulturschock“, so Schellenberg. Um sie zu unterstützen, hat er in seinem Unternehmen eine Stabsstelle Integration gegründet. In jeder Einrichtung gibt es zudem Mentoren, die sich um die neuen Mitarbeiter kümmern. 

Keine ethischen Bedenken

 Mit der Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte ist Schellenberg sehr zufrieden. „Es läuft gut an“, erzählt er. Sowohl die albanischen als auch die deutschen Kollegen seien glücklich mit der Situation. Und er ist zuversichtlich, dass die meisten der albanischen Pflegekräfte in Deutschland und in seinem Unternehmen bleiben werden. Deshalb will er nächstes Jahr weitere Albaner nach Deutschland holen.

 Hat er denn ethische Bedenken, ausgebildete Pflegekräfte aus einem so armen Land wie Albanien nach Deutschland zu holen? „Nein“, sagt er. „Denn diese ausgebildeten Pflegekräfte haben in Albanien keine Arbeit gefunden. Sie haben im Callcenter gearbeitet oder als Teppichverkäufer. Sie waren glücklich, in Deutschland die Chance zu bekommen, in ihrem eigentlichen Beruf zu arbeiten.“

 Und lohnt sich der Aufwand aus finanzieller Sicht? „Klar, das kostet alles Geld“, meint Schellenberg. „Aber es wäre noch teurer, wenn wir die ausländischen Pflegekräfte nicht nach Deutschland holen würden. Dann nämlich müssten wir noch mehr Pflegekräfte über Leasingfirmen zu uns holen, um den Dienstplan sichern zu können.“ Und das will er nicht. Den Leasingmarkt mit seinen hohen Preisen empfindet er als „besorgniserregend ausufernd“. Diesen Markt will er möglichst nicht weiter anheizen.

Schon heute unternehmen alle beteiligten Akteure große Anstrengungen, um den Pflegemangel zu reduzieren. Sylvia Bühler von Verdi glaubt, dass auch die neuen Tarifverträge ihren Beitrag dazu leisten. Viele Pflegekräfte seien aus dem Beruf geflüchtet, weil ihre Arbeit nichts mehr damit gemein gehabt habe, was sie ursprünglich an diesem Beruf begeisterte, sagt sie und ergänzt: „Es ist an der Zeit, ihnen endlich den roten Teppich auszurollen, anstatt ihre Gesundheit zu verschleißen.“ Falk Osterloh

Tarifvertrag Essen/Düsseldorf

An den Universitätskliniken Essen und Düsseldorf sollen jeweils 180 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen werden. Das geht aus der „Vereinbarung über die Entlastung und Stärkung der Beschäftigten“ hervor, auf die sich die Vertragspartner am 31. August verständigt haben und die zum 1. Oktober in Kraft treten soll. 140 dieser Stellen sollen am Bett und im Funktionsdienst entstehen, 40 weitere in anderen Bereichen, zum Beispiel im Krankentransport. 50 Stellen sollen noch in diesem Jahr geschaffen werden, 65 zum 30. Juni 2019 und 65 zum 31. Oktober. Zudem sollen die Krankenhäuser innerhalb von 18 Monaten verpflichtend Personalbedarfsermittlungsverfahren für alle Pflegeorganisationsbereiche einführen, mit denen Regelbesetzungen für jede Schicht bestimmt werden. In der Nachtschicht müssen darüber hinaus mindestens zwei Pflegepersonen je Arbeitsbereich eingesetzt werden. Auszubildende werden im Dienstplan zusätzlich geplant und sind nicht auf die Regelbesetzung der Pflegefachkräfte anzurechnen.

Bei absehbarer drohender Unterschreitung der Soll- beziehungsweise Regelbesetzungen müssen die Kliniken Springer einsetzen oder weniger Patienten neu aufnehmen. Kann bei kurzfristigem Personalausfall innerhalb von drei aufeinanderfolgenden Schichten oder drei Schichtarten an drei aufeinanderfolgenden Tagen kein Ersatz bereitgestellt werden, sind Patientenverlegungen, Abbestellungen von Patienten beziehungsweise Bettenschließungen beziehungsweise weniger OPs zu veranlassen.

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