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Zulassung zum Medizinstudium: Das Ende der Wartezeit

Medizin studieren, WS 2018/19: 30

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Wartezeitquote als Zugang zum Medizinstudium wird abgeschafft.

Foto: dpa
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Fabian Seifert bewarb sich bereits 2012 auf einen Medizinstudienplatz. Mittlerweile wartet er seit elf Semestern auf eine Zulassung, absolvierte eine Ausbildung zum Rettungssanitäter. In Berlin arbeitet er mit Freude in diesem Beruf, doch eigentlich möchte er Arzt werden. Seine Sorge: Die Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz – über die bisher 20 Prozent der Medizinstudienplätze vergeben werden – beträgt aktuell 15 Semester (Kasten). Und diese könnte er exakt dann erreichen, wenn die Wartezeitquote wegfallen wird.

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Denn durch langes Warten soll künftig kein Abiturient mehr einen Medizinstudienplatz erhalten. Darauf verständigten sich im Juni die Kultusminister der Länder während ihrer Kultusministerkonferenz (KMK) in Erfurt. Für Studienplatzanwärter wie Fabian Seifert, die jetzt bereits lange auf einen Studienplatz warten, sollen zwar Möglichkeiten „der Bonierung von Wartezeit und die Berücksichtigung der in der Wartezeit erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen“ in anderen Quoten geprüft werden, heißt es im KMK-Beschluss. Doch verlässliche Zusagen für Langzeitwartende gibt es nicht.

Genaue Details zum Wegfall der Wartezeitquote sind momentan auch der Stiftung für Hochschulzulassung, die die Zulassung zum Medizinstudium bundesweit koordiniert, nicht bekannt. Insbesondere sei noch nicht geklärt, ob es Übergangsregelungen geben werde, da es sich hierbei um eine Entscheidung handele, die von mehreren – auch politischen – Beteiligten gemeinsam getragen werden müsse, so die Stiftung.

Anlass für die Entscheidung, künftig auf eine Wartezeitquote bei der Zulassung zum Medizinstudium zu verzichten, war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember vergangenen Jahres. Die Karlsruher Richter hatten die derzeitige Vergabe von Medizinstudienplätzen als teilweise verfassungswidrig beanstandet und gefordert, das Vergabesystem bis Ende 2019 neu zu regeln. Dabei kritisierten sie insbesondere die zu langen Wartezeiten auf einen Medizinstudienplatz. Am hohen Einfluss der Abiturnote auf das Vergabesystem störten sie sich dagegen zwar grundsätzlich nicht, forderten aber eine Vergleichbarkeit der Abiturnote zwischen den Ländern sowie die Einbeziehung weiterer Auswahlkriterien in die Auswahlverfahren der einzelnen Hochschulen.

„Wir wollten mit unserem Urteil nicht zu viel festlegen, um die Rechtslage nicht zu versteinern“, erläuterte der zuständige Richter Prof. Dr. jur. Ferdinand Kirchhof vor Vertretern der Medizinischen Fakultäten sowie Studierenden beim Medizinischen Fakultätentag im Juni in Mainz. Generell sei das Gericht der Auffassung, dass die Abiturnote mit einer guten Prognose für die Eignung verhaftet sei, sagte er. Auch ein individuelles Auswahlwahlverfahren der Hochschulen (AdH) sei zulässig – sofern es strukturiert sei und mindestens ein Eignungskriterium über die Abiturnote hinaus berücksichtige. „Ich bin sicher, dass bei der Ausgestaltung viele Wege offenbleiben“, sagte er.

Für die geforderte Neuregelung muss nun allerdings ein neuer Staatsvertrag zwischen den Ländern geschlossen werden. Ein erster Entwurf soll noch in diesem Jahr vorliegen; die Eckpunkte verabschiedete die KMK bereits: Während die Wartezeitquote gestrichen wird, soll die 20-Prozent-Quote für die Vergabe der Studienplätze an die Bewerber mit den besten Abiturnoten beibehalten werden. Dabei soll für eine Übergangszeit die vom Bundesverfassungsgericht geforderte annähernde Vergleichbarkeit der Abiturnoten aller Länder über einen Ausgleichsmechanismus sichergestellt werden. Dieser werde entbehrlich, wenn die annähernde Vergleichbarkeit aufgrund politischer Maßnahmen im Schulbereich hergestellt sei, so die KMK.

Erhalten werden die Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH). Für diese sollen jedoch neben der Abiturnote mindestens zwei weitere eignungsbasierte Kriterien herangezogen werden, über die die KMK noch 2018 entscheiden will.

Bewusst sind sich die Minister des engen Zeitplans und der damit verbundenen technischen Schwierigkeiten beim AdH-Verfahren, das über die Serviceplattform der Stiftung Hochschulzulassung koordiniert wird: Die Programmierung sei in der vom Bundesverfassungsgericht gesetzten Frist nicht vollständig zu leisten, ließ die KMK verlauten. Es soll deshalb ab dem Sommersemester 2020 für ein Jahr eine Übergangslösung geschaffen werden. Bei dieser soll auf die Auswahlkriterien verzichtet werden, die einen Datenaustausch zwischen den Hochschulen und der Stiftung für Hochschulzulassung erfordern.

Prof. Dr. med. Bernhard Marschall, Geschäftsführer des Instituts für Ausbildung und Studienangelegenheiten der Universität Münster, hat Bedenken: „Allein durch den derzeit avisierten Wegfall der Wartezeitquote wird sich das Spektrum der künftigen Studierenden sehr einengen“, sagte er beim Fakultätentag in Mainz. „Möglicherweise werden wir nach Dezember 2019 zunächst gar keine Auswahlverfahren an den Hochschulen durchführen können, da die Stiftung ihre Software nicht so schnell umstellen kann“, sagte er. Eine Aussicht, die auch Medizinstudent Luca Salhöfer von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) frustriert: „Es ist inakzeptabel, dass eine Novelle des Zulassungsverfahrens zum Medizinstudium möglicherweise vorerst an einer Institution scheitert, deren IT 50 Jahre zurück ist und die unfähig ist, eine angemessene IT in der vorgegebenen Zeit zur Verfügung zu stellen“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt Medizin studieren.

Trotz der Unwägbarkeiten zeigten sich generell jedoch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der Medizinische Fakultätentag (MFT) und die bvmd erfreut über den Beschluss der KMK. „Es ist gut, dass sich die Kultusminister zu weiteren Auswahlkriterien neben der Abiturnote bekennen“, sagte BÄK-Präsident Prof. Dr. med Frank Ulrich Montgomery. Der Wegfall der Wartezeitquote mache zudem das Vergabeverfahren fairer und transparenter, meinte auch MFT-Generalsekretär Dr. Frank Wissing. Aus der Übergangsphase dürfe aber keinesfalls ein Dauerzustand werden.

Eine „Dauerbaustelle“ ist bereits der Masterplan Medizinstudium 2020. Er ist seit gut einem Jahr beschlossen – zumindest auf dem Papier. „Wir warten aber immer noch auf die Umsetzung der Novelle des Medizinstudiums“, kritisierte Salhöfer Die Finanzierung ist immer noch nicht geklärt.“ Wie diese aussehen kann, soll eine interdisziplinär besetzte Expertenkommission unter Leitung von Bildungsforscher Prof. Dr. Manfred Prenzel klären. Das entsprechende Gutachten wird ebenfalls noch in diesem Herbst erwartet.

Ein Ziel des Masterplans ist es, die Allgemeinmedizin zu stärken und dem Hausarztmangel entgegenzuwirken. „Der Druck seitens der Politik nimmt zu, Lösungen für mehr Medizinstudienplätze und gegen den Landarztmangel anzubieten“, sagte der Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer. Allerdings gehe es bei der derzeitigen politischen Diskussion hauptsächlich um Quantität, kritisierte er. „Wichtig ist, dass dabei die Qualität der akademischen Ausbildung der künftigen Ärztinnen und Ärzte erhalten bleibt.“

Aktuelles

Zum jetzt startenden Wintersemester 2018/19 haben sich nach Angaben von Hochschulstart, der Stiftung für Hochschulzulassung, bundesweit 43 631 Abiturienten um einen Medizinstudienplatz beworben. Das sind 4,73 Bewerber pro Platz. In diesem Herbst haben alle Bewerber mit 15 Wartesemestern oder mehr einen Studienplatz erhalten. Bewerber mit 14 Wartesemestern mussten einen Abiturdurchschnitt von 2,3 oder besser haben, um eine Zulassung zu erhalten. Um nach der Abiturnote sofort studieren zu können, war je nach Land eine Durchschnittsnote von 1,0 oder 1,1 nötig.

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