ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Interview mit Prof. Dr. med. Peter Borchmann, Hämatologe und Onkologe an der Inneren Klinik I der Universität zu Köln: „Komplett neuartiges Therapieprinzip“

MEDIZINREPORT: Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Peter Borchmann, Hämatologe und Onkologe an der Inneren Klinik I der Universität zu Köln: „Komplett neuartiges Therapieprinzip“

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1707 / B-1439 / C-1425

Siegmund-Schultze, Nicola

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CAR-T-Zellen werden an der Universitätsklinik Köln erprobt, auch im Rahmen der globalen JULIET-Studie. Ergebnisse dieser Studie waren eine der Grundlagen für die Zulassung von Tisagenlecleucel in den USA und in Europa. Prof. Dr. med. Peter Borchmann spricht über aktuelle Daten und seine Erfahrungen mit CAR-T-Zellen.

Erinnern Sie sich an den ersten Patienten, dem Sie CAR-T-Zellen gegeben haben?

Peter Borchmann: „Welche immunologischen Prozesse eine CAR-T-Zell- Therapie erfolgreich machen, ist noch weitgehend unklar.“ Foto: Universitätsklinik Köln
Peter Borchmann: „Welche immunologischen Prozesse eine CAR-T-Zell- Therapie erfolgreich machen, ist noch weitgehend unklar.“ Foto: Universitätsklinik Köln

Borchmann: Sehr gut natürlich. Es ist ein männlicher Patient mit rezi-diviertem diffus großzelligem B-Zell-Lymphom, der Indikation der JULIET-Studie. Die Tumorlast vor allem im Bauchraum war sehr hoch, er hatte ausgeprägte Lymphödeme. Wir fürchteten, er könnte bald sterben und waren froh, ihn in die Phase-2-Studie aufnehmen zu können.

Wie verlief die Behandlung?

Die Herstellung von CAR-T-Zellen ist aufwendig, die Logistik komplex. Beim ersten Patienten mussten wir eine längere Wartezeit überbrücken, schließlich sprach der Patient auch auf die bridging-Therapie nicht mehr an. Als wir die CAR-T-Zellen infundiert hatten, entwickelte er nach einiger Zeit Fieber, dann bildeten sich die Lymphödeme rasch zurück. Nach 3 Monaten hatte er eine komplette Remission.

Würden Sie sagen, der Patient ist geheilt?

Mit der Formulierung „Heilung“ bin ich zurückhaltend, sie ist nicht klar definiert. Aber: Bei 80 % der Patienten mit dieser Erkrankung ereignet sich ein Rückfall innerhalb des ersten Jahres nach Therapie, nach 2 Jahren eines progressionsfreien Überlebens ist die Sterblichkeit vergleichbar mit Nichterkrankten. Bei kompletter Remission scheint die Prognose in der JULIET-Studie gut zu sein. Nach mehr als einem Jahr sind noch über 80 % dieser Patienten in Remission. Bei ihnen sind die CAR-T-Zellen dauerhaft nachweisbar. Bei Indikationen wie der rezidivierten akuten lymphoblastischen Leukämie wird man in Einzelfällen von einer Heilung ausgehen können, wenn, wie in den USA, Patienten mehr als 5 Jahre überleben. CAR-T-Zellen sind ein komplett neuartiges Therapieprinzip in der Onkologie.

Wie hoch sind die Ansprech- und Überlebensraten in der JULIET-Studie?

Von 111 Teilnehmern gibt es Ergebnisse, 15 wurden an unserer Klinik behandelt. Vom Studiendesign ist es eine Drittlinientherapie. Die Patienten hatten also auf mindestens 2 Vorbehandlungen nicht oder nicht mehr angesprochen. Die Ansprechrate mit Tisagenlecleucel liegt bei 52 %, 40 % haben eine komplette Remission und das Gesamtüberleben beträgt 49 % nach 12 Monaten. Das ist ein sehr gutes Ergebnis. Sie müssen bedenken: Die Patienten hatten bis zu 6 Vorbehandlungen, im Median waren es 3. Mehr als die Häfte waren refraktär und hatten auf Chemotherapie nicht mehr angesprochen.

CAR-T-Zell-Behandlungen sind aufwendig und auch teuer. Wann ist die Therapieform wirklich klinisch relevant?

Wenn sie effektiver ist und besser verträglich als der Standard. Für das rezidivierende oder primär therapierefraktäre diffus großzellige B-Zell-Lymphom bedeutet das: CAR-T-Zellen sollten in der Zweilinienbehandlung wirksamer sein als die Hochdosischemotherapie mit anschließender autologer Stammzelltransplantation. Diese Frage wird nun in einer Phase-3-Studie untersucht. Das Ziel: eine Halbierung der Rezidiv- und Sterblichkeitsrate durch CAR-T-Zellen.

Wo sehen Sie in diesem Gebiet die akademischen Zentren und wo die Industrie?

CAR-T-Zellen nach GMP-Bedingungen herzustellen ist schwierig, da hat die Industrie große Bedeutung. Die akademischen Zentren sind natürlich in der Forschung gefragt und sollten Erfahrung in der klinischen Anwendung sammeln. Die immunologischen Prozesse und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie sind noch weitgehend unverstanden. Sie aufzuklären und die Therapie für noch mehr Patienten effektiv zu machen, könnte ein wichtiger akademischer Fokus sein.

Gibt es Strukturen für die Surveillance?

Für Europa ist ein zentrales Register geplant für alle Patienten, die CAR-T-Zellen erhalten. Dafür sind prinzipiell die Strukturen vorhanden, zum Beispiel das europäische Register für Stammzelltransplantierte der Fachgesellschaft EBMT. Darauf werden wir aufbauen. Das Interview führte

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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