ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Fremdinvestoren im Gesundheitssystem: Ungesunder Wettbewerb

SEITE EINS

Fremdinvestoren im Gesundheitssystem: Ungesunder Wettbewerb

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1675

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Medizinische Verfahren werden immer kapitalintensiver. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte müssen viel investieren, um moderne Medizin für ihre Patienten umsetzen zu können. Ökonomisches Denken erfolgt zwangsläufig. Ärzte erfüllen ihre Tätigkeit immer in einem gut auszutarierenden Verhältnis von Ökonomie und Ethos. Das Thema ist nicht neu, es ist zeitgenössischer Dauerbrenner. Und es hat zur Folge, dass sich gerade junge Mediziner fragen, ob sie sich tatsächlich noch selbstständig machen. Die allgegenwärtige Sorge um den Nachwuchs spricht dazu Bände.

Mit der Möglichkeit, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu etablieren, hat der Gesetzgeber vor Jahren eine neue Variante geschaffen, wie gesundheitliche Betreuung von Patienten auch gehen kann. Hoch und heilig sollte hier aber auch sein, dass bei allen denkbaren oder bereits umgesetzten Strukturen die therapeutische Handlungsfreiheit der Ärzte im obligo steht.

Anzeige

Seit Bismarcks Zeiten fußt Deutschlands Gesundheitsversorgung auf dem Prinzip, dass die Solidarität der Gesellschaft mit ihren kranken Mitbürgern nicht nur ethisches Gebot, sondern auch tragender Pfeiler seiner wirtschaftlichen Struktur ist. Unser Gesundheitssystem hat einen wesentlichen Vorteil: Es handelt nicht allein aus Barmherzigkeit. Es erhält alle Beteiligten durch unterschiedliche Maßnahmen aus Prävention, Behandlung und Nachsorge höchstmöglich funktionsfähig. Dieses auf gesetzlichen und privaten Einflüssen beruhende Mischsystem hat sich bewährt. Es ist für viele andere Systeme nachahmenswertes Beispiel. Es lebt von einem sehr komplexen Zusammenspiel hoher medizinischer Qualität, sehr weitreichender Selbstbestimmung der Patienten und gleichzeitigem Kostenbewusstsein.

Dass das Prinzip der Konkurrenz hier stützen und helfen soll, ist seit Jahrzehnten politisch gewollt. Und: medizinische Versorgung muss immer erfolgen. Sie ist aus ökonomischer Sicht nicht nur krisenunabhängig, sie gilt sogar als Wachstumsgarant. Aber wie viel Wettbewerb verträgt dieses bewährte Vorzeige-System?

Der Gesetzgeber hat die Möglichkeit geschaffen, dass sogenannte Private-Equity-Gesellschaften in MVZ investieren (siehe Seite 1688). Angesichts extrem niedriger Zinsen und zunehmend schwieriger Kapitalmärkte ist der Aufkauf und die Finanzierung von Gesundheitseinrichtungen ein extrem gutes Geschäft. Das Rezept ist schlicht: Stützpunkte sind beispielsweise aufgekaufte alte Krankenhäuser. Von dort aus werden Praxen aufgekauft und in die Unternehmenskette einbezogen. Ärzte werden angestellt, Kapital ist genug vorhanden. Das Kettendasein verschafft ungeahnte Möglichkeiten im Wettbewerb gegen die vereinzelten selbstständigen Freiberufler – und das alles bei avisierten Wertschöpfungen in zweistelliger Höhe.

Der Gesetzgeber selbst, dem mit den MVZ ehemals eine Geheimwaffe gegen mangelnde Versorgung vorschwebte, ahnt inzwischen, wie sehr er am eigentlichen Ziel vorbeigeschossen ist. Und die Uhr zurückstellen kann er auch nicht. Aber Prozesse lassen sich entschleunigen, Regeln ändern.

Mondpreise für Praxen, wie sie zurzeit aus Unmengen zur freien Verfügung stehenden Kapitals von Fremdinvestoren geleistet werden können, werden vielleicht für die Verkäufer zum willkommenen Glücksgriff. Für das Gesundheitssystem selbst sind sie ein riskantes Spiel.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige