ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Interview mit Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Der Arzt darf kein Kostenrisiko tragen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Der Arzt darf kein Kostenrisiko tragen“

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1684 / B-1420 / C-1406

Krüger-Brand, Heike E.; Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wichtig ist, dass sich die Vertragsärzte mit der jetzigen Finanzierungsvereinbarung ohne Zusatzkosten anschließen können, sagt Thomas Kriedel. Foto: Jürgen Gebhardt
Wichtig ist, dass sich die Vertragsärzte mit der jetzigen Finanzierungsvereinbarung ohne Zusatzkosten anschließen können, sagt Thomas Kriedel. Foto: Jürgen Gebhardt

Die Anbindung der Arztpraxen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur kommt allmählich in Schwung, auch wenn die vom Gesetzgeber mit Sanktionen belegte Frist nicht zu halten ist. In der aktuellen Diskussion um die Ausgestaltung der elektronischen Patientenakte fordert die KBV die inhaltliche Richtlinienkompetenz.

Wie viele Ärzte sind bereits an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) angeschlossen?

Anzeige

Die KBV selbst verfügt nicht über aktuelle Zahlen, da hierfür die Abrechnungsdaten vorliegen müssten, diese haben aber einen Quartalsverzug. Als ein Indikator kann die Ausgabe der SMC-B-Karten, der elektronischen Praxisausweise, dienen, die der Arzt für den Anschluss des Konnektors bestellen muss. Darüber können wir grob erfahren, wie viele Praxen bereits angeschlossen sind. Wir gehen derzeit von etwa 30 000 angebundenen Arzt- und Zahnarztpraxen aus. Zudem gibt es die Schätzung der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte, dass bis zum Jahresende maximal 50 000 Praxen von Ärzten und Zahnärzten angeschlossen sein werden. Das liegt daran, dass bis Anfang September neben dem Konnektor der Firma KoCo Connector GmbH kein zweites Gerät verfügbar war. Andere Hersteller von Praxisverwaltungssoftware (PVS), wie die medatixx-Gruppe, hatten auf Konnektoren von T-Systems oder secunet gewartet. Inzwischen ist T-Systems mit einem Konnektor auf dem Markt, den etwa medatixx in das eigene Angebot integriert hat. Kunden dieses PVS-Herstellers können sich jetzt einfacher anschließen, auch weil er sein TI-Paket an die Erstattungspreise angepasst hat. Der Arzt trägt somit kein Kostenrisiko.

Ist damit ein Preiswettbewerb zu erwarten?

Ein echter Preiskampf kann erst beginnen, wenn der für das vierte Quartal angekündigte Arvato-Konnektor noch kommt, sowie eventuell noch das Gerät der Firma Rise. Das Problem dabei: Wer zu spät kommt, hat das Nachsehen, denn der Markt ist schon weitgehend aufgeteilt.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Petition für eine Fristverlängerung beim TI-Anschluss der Praxen Erfolg haben wird?

Ich könnte mir das gut vorstellen. Es haben sich die Zahnärzte angeschlossen, alle KVen und wir selbst stehen dahinter. Entscheidend ist aber, dass jeder einzelne Vertragsarzt die Petition unterstützen kann, um das Quorum von 50 000 Stimmen für eine öffentliche Anhörung zu erreichen. Das ist hilfreich. Es kann nicht sein, dass faktisch nur 50 000 TI-Anschlüsse bis zum Jahresende möglich sind, aber 150 000 gebraucht werden. Das muss der Gesetzgeber auch einsehen.

Welche Frist halten Sie für realistisch?

Mindestens den 30. Juni 2018. Wir sind diesbezüglich auch im Gespräch mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Eine Entscheidung muss schnell kommen, weil ja einige Vorarbeiten, etwa durch die PVS-Hersteller, zu leisten sind. Andernfalls steht ein nicht an die TI angebundener Arzt am 1. Januar 2019 vor der Frage, ob er noch Behandlungen abrechnen darf. Hier ist im übrigen auch der GKV-Spitzenverband auf unserer Seite.

Muss die KBV bei einer Fristverlängerung die Kostenerstattung nachverhandeln?

Die Kostenvereinbarung gilt solange, bis es neue Sachverhalte gibt, das heißt, sie könnte weiterlaufen. Uns ist wichtig, dass sich die Vertragsärzte mit der jetzigen Finanzierungsvereinbarung ohne Zusatzkosten anschließen können. Mit den beiden großen PVS-Anbietern ist das Stand heute möglich. Sorgen machen uns eher kleinere Hersteller, die z. T. kein Gesamtpaket anbieten. Dann kann sich der Arzt zwar etwa bei der Telekom den Konnektor und weitere TI-Komponenten kaufen, aber der Anschluss vom Arztsystem zum Konnektor ist dabei nicht mit inbegriffen. Für kleinere Anbieter ist der Aufwand für die TI-Anbindung teilweise größer, und sie nehmen dafür höhere Preise, sodass in Einzelfällen der Arzt auf einem Teil der Kosten sitzenbleiben kann. Laut Gesetz hat der Arzt Anspruch auf Erstattung der notwendigen Kosten. Was heißt aber „notwendig“? Da ist es schwierig – und da macht das Schiedsamt auch nicht mit –, zu erreichen, dass jedem Arzt seine individuellen Kosten erstattet werden.

Was empfehlen Sie den Ärzten, die jetzt noch nicht angebunden sind?

Wer jetzt von seinem PVS-Hersteller ein Paketangebot hat, sollte gut überlegen, was für eine individuelle Konfiguration er benötigt. Grundsätzlich sind aber die Voraussetzungen bei vielen Herstellern für die TI-Anbindung gegeben. Der Preis ist bei den großen Anbietern durch die Erstattung abgedeckt, und die Geräte sind verfügbar. Die übrigen Ärzte sollten bei ihrem jeweiligen Systemhaus ein Gesamtangebot für den TI-Anschluss mit allen notwendigen, zum PVS passenden Komponenten einholen. Die KBV bietet hierzu auch eine Hilfestellung auf ihrer Webseite www.kbv.de/html/30722.php

Solange die Sanktionsfrist läuft, dies sollte bis Ende des Jahres geschehen, denn rechtlich gibt es keine Garantie für eine Fristverlängerung.

Stichwort elektronische Patientenakte (ePA): Die KBV fordert hierfür die inhaltliche Richtlinienkompetenz. Was heißt das?

Aus Sicht der KBV müssen bei der Konfiguration der ePA drei Aufgabenfelder bearbeitet werden, um die Interoperabilität der unterschiedlichen Akten sicherzustellen. Für das erste Feld, Technik und Sicherheit, soll die gematik zuständig sein. Hier gibt es inzwischen auch einen Konsens zwischen den Beteiligten – gematik, GKV-Spitzenverband, KBV und den bisherigen Anbietern von elektronischen Gesundheitsakten (eGA) –, denn die eGA sollen künftig nach dem Willen des Gesetzgebers in eine ePA nach gematik-Spezifikation überführt werden.

Die zweite Aufgabe betrifft die Festlegung der medizinischen Inhalte, insbesondere die Standardisierung der Datenformate, sodass sie elektronisch für alle Ärzte und Krankenhäuser verfügbar gemacht werden können. Das kann nicht die gematik übernehmen, weil das viel zu langwierig und umständlich wäre und zudem das medizinische Wissen fehlt. Hierfür fordern wir vom Gesetzgeber die Richtlinienkompetenz ein, das bedeutet, dass wir im Benehmen mit den anderen Beteiligten, etwa den Krankenhäusern, Festlegungen treffen. Dabei werden wir vorhandene Standards berücksichtigen. Das dritte Feld betrifft die Angebote und Dienste, die ePA-Hersteller und -Anbieter auf Basis der technischen und inhaltlichen Standards individuell für ihre ePA programmieren können.

Sollen diese Forderungen bereits im geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) geregelt werden?

Ja, denn nach dem TSVG sollen die Krankenkassen jedem gesetzlich Versicherten bis 2021 eine ePA anbieten. Im aktuellen E-Health-Gesetz ist vorgesehen, dass die gematik bis Ende 2018 eine Spezifikation für die ePA erarbeitet. Um die ePA umzusetzen, müssen die genannten drei Anforderungen daher schnell ins Gesetz überführt werden, denn die Umsetzung benötigt Zeit. Hinzu kommt: Der Bedienungsaufwand in der Arztpraxis muss minimal sein. Zwar wissen wir nicht, wie viele Versicherte von dem Angebot Gebrauch machen werden. Wenn aber die Daten der ePA bei einem weiterbehandelnden Arzt freigeschaltet werden, dann müssen sie unveränderbar sein, und es muss erkennbar sein, von wem die Daten stammen. Auch deshalb fordern wir die Kompetenz, um Rechtssicherheit zu schaffen. So muss beispielsweise künftig klar sein, was sich der Arzt ansehen muss, wenn die ePA sehr umfangreich ist.

Wie unterscheiden sich die arztgeführte Dokumentation und die ePA?

Wir trennen die Arztakte, also das, was der Arzt im PVS dokumentiert, von dem, was der Arzt in die ePA transferiert. Die Dokumentation wird der Arzt zwar künftig strukturierter machen, aber wir werden über die ePA nicht die Arztdokumentation normieren. Der Arzt behält das Recht, so zu dokumentieren, wie er das will. Die ePA ist zudem primär für den Patienten. Aber auch zukünftig muss ein sicherer Transport der Patienteninformationen von Arzt zu Arzt möglich sein – ohne den Weg über die ePA. Das kann auch in der TI geschehen, nach denselben Standards. Dabei muss der Patient zustimmen.

Wie bewerten Sie die verschiedenen Aktenmodelle der Krankenkassen?

Das ist ein Markt, auf den wir keinen Einfluss haben. Unsere zwei Forderungen: Wir akzeptieren nur ein Push-Modell, das heißt, der Arzt muss das Recht haben, die Daten, die der Patient von ihm zu Recht fordert, zu versenden. Er gibt den Anstoß, dass die Daten an einen Aktenserver übermittelt werden. Das AOK-Modell hatte in der Ursprungsversion etwas anderes vorgesehen, nämlich dass der Arzt seinen Rechner öffnet und die Daten für den Abruf verfügbar hält. Das wollten wir nicht. Inzwischen hat die AOK ihr Modell entsprechend geändert. Hinzu kommt die erwähnte Normierung der medizinischen Inhalte durch die KBV.

Die KV-Connect-Mobile-Schnittstelle soll künftig den Datenaustausch zwischen Akten und PVS ermöglichen. Wie ist der Stand?

Wenn heute ein Patient zum Arzt kommt und sagt, ich will Daten in meine Akte geladen haben, kann der Arzt das oft nur aufwendig manuell bewerkstelligen. Mit der KV-Connect-Schnittstelle und dadurch, dass die PVS-Hersteller die Akten-Funktion so in die Arztsoftware integrieren, dass der Arzt die Daten per Knopfdrurck aufs Handy exportieren kann, wird sich das ändern. Diese Schnittstelle der KV Telematik soll Ende 2018 verfügbar sein

Wird es in der Übergangsphase von der eGA zur ePA kompliziert für die Ärzte, wenn Patienten mit verschiedenen Akten in die Praxen kommen?

Ja, dass können wir nicht ausschließen. Aber ganz klar, das wollen wir nicht, daher lautet unsere Botschaft: Es kann nur eine Spezifikation, eine Schnittstelle, geben. Jedes PVS muss jede ePA oder eGA lesen und damit umgehen können. Für das TSVG lautet die Forderung: Es kann nur eine Rechtsgrundlage für die Patientenakte geben – das Nebeneinander von eGA und ePA macht keinen Sinn.

Das Interview führten Heike E. Krüger-Brand und Michael Schmedt

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige