ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Von schräg unten: Informed consent

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Informed consent

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): [60]

Böhmeke, Thomas

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Wenn auch erst ein Vierteljahrhundert in der ambulanten Versorgung tätig, so muss ich doch feststellen, dass sich vieles für unsere Patienten zum Besseren gewendet hat. Wir haben unsere weißen Kittel abgestreift und können den Schutzbefohlenen gleichberechtigt alle unsere Künste darbieten. Maßstab aller medizinischen Betreuung sollte der „informed consent“ sein, schon weil auf Englisch ja alles besser klingt. Das alles haben wir brillant umgesetzt, zum Wohle unserer Patienten, die, ausgestattet mit einem Höchstmaß an Informationen, ihre gesundheitlichen Anliegen bis ins Detail mit uns diskutieren! Aber machen unsere Patienten mit, wollen sie wirklich alle Einzelheiten ihrer Erkrankung kennen?

Ein mir noch unbekannter Patient stellt sich zur kardiologischen Diagnostik vor. Er sei vor einigen Jahren transplantiert worden, seine Schwester habe ihm eine Niere gespendet. Routinemäßig frage ich ab, welcher Ursache die Nierenschwäche war, die letztendlich zur Transplantation geführt hat. „Wie, Ursache?“ Ja, die Ursache, die Erkrankung seiner Nieren. „Die waren schwach!“ Schon klar. War es eine Gefäßerkrankung, eine Autoimmunerkrankung, eine Entzündung? „Hören Sie mal, warum wollen Sie das wissen?“ Weil es Erkrankungen gibt, die sowohl die Nieren als auch Herz und Gefäße betreffen.

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„Wenn Sie das wissen wollen, dann rufen Sie doch die Ärzte an!“ Mach ich, sobald die Zeit es erlaubt. Er ist doch sicher vor der Transplantation kardiologisch untersucht worden? „Ja, das war in Düsseldorf, oder in Köln, ist doch egal!“ Nicht ganz. Vorbefunde sind aufschlussreich. Es wäre günstig, wenn er Berichte bei sich führen würde. „Nee, warum sollte ich das?“ Weil das für eine umfassende und exakte Behandlung von unschätzbarem Wert ist. Er stelle sich doch einfach mal vor, er erleidet einen Unfall. Woher sollen die Ärzte wissen, dass er auf die Immunsuppression angewiesen ist? Er stelle sich doch mal vor, er wäre im Ausland verunfallt und keiner der Mediziner würde Deutsch sprechen. „Dann müssen die das mal lernen! Und man sieht doch, dass ich transplantiert bin!“ Da wäre ich mir nicht so sicher. Eine größere Narbe im rechten Unterbauch könnte auch von einer komplizierten OP nach durchbrochenem Blinddarm stammen.

„Da müssen die Ärzte sich drum kümmern, die richtige Diagnose zu stellen!“ Ich würde mich in einer solchen Situation nicht darauf verlassen, dass unfallchirurgisch tätige Kollegen eine umfangreiche internistische Diagnostik durchführen. Also, wenn mangels aussagekräftiger Informationen die Immunsuppression unterbrochen wird, und er daraufhin die von der Schwester geschenkte Niere verliert, wer ist schuld? „Sonnenklar: die Ärzte!“ Ach nee. Das würde ihm aber auch nicht viel helfen, weil er dann zur Dialyse müsste. „Auf keinen Fall! Da kriegt mich keiner hin! Dann kriege ich eine neue Niere von den Ärzten, die das vermasselt haben!“ Ich möchte bezweifeln, dass derartiges einklagbar ist, auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob die Gewebe kompatibel sind. „Hä?“ Aber Sie können ja mal ihre Schwester fragen, ob sie bereit ist, Ihnen die zweite Niere zu geben, weil Sie nicht gewillt sind, ordnungsgemäß auf die erste aufzupassen. Er guckt mich bitterböse an, sagt kein Wort mehr. Tschuldigung, das mit dem informed consent, das bringt mich mitunter zur Strecke, dann werde ich direkt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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