ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Elektronische Gesundheitsakten: Erster Anbieter prescht vor

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Elektronische Gesundheitsakten: Erster Anbieter prescht vor

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1683 / B-1419 / C-1405

Krüger-Brand, Heike E.

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Während zwei Krankenkassenkonsortien sich mit ihren Aktenprojekten noch in der Testphase befinden, ist die „Vivy“-App bereits in den Routinebetrieb gestartet – nicht ohne kritische Resonanz.

Am 17. September fiel der Startschuss für die elektronische Gesundheitsakte (eGA) „Vivy“. 14 Krankenkassen und zwei private Kran­ken­ver­siche­rungen beteiligen sich derzeit an der eGA des gleichnamigen Berliner Start-ups, darunter DAK-Gesundheit, IKK Nord, mehrere Betriebskrankenkassen sowie die Versicherer Allianz und Barmenia. Mit der kostenfreien Vivy-App sollen etwa 13,5 Millionen Versicherte ihre Gesundheitsdaten digital verwalten können. Die Nutzer sollen damit Informationen und Dokumente wie den Impfpass, Überweisungen, Befunde oder Notfalldaten speichern und beispielsweise mit Ärzten teilen können. Auch die Arznei­mittel­therapie­sicherheit kann verbessert werden: Wer mehrere Medikamente nehmen muss, scannt den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan und wird dann automatisch auf Wechselwirkungen hingewiesen. Fitnesstracker lassen sich mit der App koppeln.

Ab 2019 soll die Akte zudem eine Schnittstelle zu KV-Connect, dem sicheren Kommunikationsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), erhalten. „Mit KV-Connect Mobile bietet das KV-System eine kostenfreie Schnittstelle an, die es allen App-Herstellern ermöglicht, Daten zwischen Smartphones und allen Praxisverwaltungssystemen verschlüsselt auszutauschen”, erläuterte KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen. Darüber hinaus will der Arztsoftwareanbieter Medatixx eine Schnittstelle zu Vivy in seine Produkte integrieren. Damit können 22 300 Praxen direkt aus ihrer gewohnten Arbeitsumgebung heraus Gesundheitsdaten verschlüsselt an Patienten mit Vivy-Akte senden.

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Die Datenhoheit liegt laut Betreiber allein bei den Nutzern. Weder das Unternehmen Vivy noch die Kassen könnten auf die Daten zugreifen. Datenübertragungen seien mit mehrstufigen Sicherheitsprozessen und einer asymmetrischen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gesichert, zu der nur der Nutzer den Schlüssel habe. Dennoch gab es bereits kurz nach dem Start Kritik am Datenschutz der TÜV-geprüften App. So bemängelte der IT-Sicherheitsexperte Mike Kuketz in seinem Blog, dass bereits vor der Registrierung Daten an Analysefirmen in den USA geschickt werden, ohne dass der Nutzer darauf hingewiesen wird. Bei der Zusammenarbeit mit Analysetools gehe es nur um technische Informationen, die für die Qualität der App nötig seien, betont hingegen Vivy.

Hinsichtlich Systemarchitektur und Verschlüsselungstechnik ähneln sich Vivy und die eGA „TK-Safe“ der Techniker Krankenkasse (TK). Nutzer von TK-Safe starten jedoch nicht mit einer leeren Akte, sondern durch eine Anbindung an die Kassensysteme der TK können sich die Versicherten ihre Leistungshistorie in die eGA laden.

Derzeit erproben laut TK mehr als 30 000 Versicherte die App, täglich kommen rund 500 neue Nutzer hinzu. Am Betatest beteiligen sich auch 16 Krankenhäuser des Partners Agaplesion. Durchschnittlich nutzen nach Angaben des Konzerns rund fünf TK-versicherte Patienten am Tag die eGA. Insgesamt ist der Testbetrieb von TK-Safe auf 100 000 Nutzer ausgelegt. Ziel sei es sicherzustellen, dass die App anschließend für alle zehn Millionen Versicherten stabil läuft, so eine Sprecherin der Kasse auf Anfrage. Ähnlich wie Vivy setzt auch die TK beim sicheren Datenaustausch zwischen Arzt und Patient künftig auf die KV-Connect-Schnittstelle sowie auf die direkte Anbindung der eGA an die Praxisverwaltungssysteme.

Beim digitalen Gesundheitsnetzwerk der AOK-Gemeinschaft handelt es sich laut Projektleiter Michael Noll um ein hybrides Netzwerk zur sektorenübergreifenden Vernetzung mit zentralen und dezentralen Komponenten. Es bestehe aus einer eGA unter der Hoheit der Versicherten sowie Anwendungen in der Versorgung. Ein Merkmal des Netzwerks ist der „Wandel vom gerichteten Versand von Patientendaten an bekannte Empfänger hin zur Bereitstellung relevanter und strukturierter Informationen für alle an der Behandlung Beteiligten“, so Noll beim gevko-Kongress in Berlin. Angestrebt werde keine „Postfach-Akte“, sondern die Behandler sollen alle auf die wichtigsten Informationen zugreifen können. Nach Pilotprojekten in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sollen weitere Projekte in anderen Bundesländern folgen. Heike E. Krüger-Brand

Hintergrund

Bis zum Jahr 2021 müssen Krankenkassen ihren Versicherten nach dem geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) elektronische Patientenakten (ePA) nach den Interoperabilitätsvorgaben der gematik anbieten. Die betreffenden Spezifikationen sollen bis Ende 2018 vorliegen. Zusätzlich soll dabei neben dem Weg über die elektronische Gesundheitskarte in Verbindung mit dem elektronischen Arztausweis auch ein mobiler ePA-Zugang per Smartphone geschaffen werden.

Die Gesundheitsakten, die drei Krankenkassenkonsortien derzeit entwickeln, sind somit auch ein Testfeld für mobil zugängliche Akten. Um einen Wildwuchs bei Standards und Interoperabilität zu vermeiden, sind noch einige gesetzliche Regelungen erforderlich, die die Aufgabenverteilung zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern festlegen. Die Ergebnisse eines hierzu anberaumten Gesprächs im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

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