ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Notfallmedizinische Versorgung akut kranker Patienten: Eine liberale Sauerstofftherapie erhöht die Mortalität gegenüber einer konservativen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Notfallmedizinische Versorgung akut kranker Patienten: Eine liberale Sauerstofftherapie erhöht die Mortalität gegenüber einer konservativen

Vetter, Christine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Ob sich eine liberale Sauerstofftherapie im Vergleich zum konservativen Vorgehen auf die Morbidität und Mortalität bei akut Kranken auswirkt, hat eine Metaanalyse kanadischer Wissenschaftler untersucht. In die Vergleichsuntersuchung gingen 25 randomisierte kontrollierte Studien mit mehr als 16 000 Patienten mit Akuterkrankung ein. Das waren Sepsis, akut kritische Erkrankung, Schlaganfall, Trauma, Myokardinfarkt, Herzstillstand und chirurgischer Notfall. Patienten mit ausgeprägter Hypoxämie waren von der Analyse ausgeschlossen. Eingeschlossen wurden Studien, in denen eine liberale mit einer konservativen Sauerstoffversorgung verglichen wurde. Die oberen und unteren Grenzen der beiden Strategien variierten allerdings.

In den Studienarmen mit konservativer Sauerstoffgabe lag die durchschnittliche Konzentration des eingeatmeten O2 (fraction ins-pired oxygen; FiO2) zwischen 0,21 und 0,5 (21 % und 50 % O2), bei liberaler Strategie zwischen 0,28 und 1,0 (28 % und 100 % O2). Verglichen mit einer konservativen Sauerstofftherapie führte die liberale zu einer erhöhten Mortalität in der Klinik (relatives Risiko [RR]: 1,21; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [1,03; 1,43]), außerdem zu einer erhöhten 30-Tage-Mortalität (RR: 1,14 [1,01; 1,29]) und einer erhöhten Mortalität im Langzeitverlauf (RR: 1,10 [1,00; 1,20]). Die Morbidität war in beiden Gruppen vergleichbar. Die „Number Needed to Harm“ für einen Todesfall betrug bei großzügiger Sauerstofftherapie 71 ([37; 1 000]).

Fazit: Die Studie belegte die klinische Relevanz einer Hyperoxämie bei Notfallpatienten, kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Jörg Busch, Leiter des Universitäts-Notfallzentrums der Universitätsklinik Freiburg. „Noch vor wenigen Jahren wurde die liberale Sauerstofftherapie nach dem Leitspruch ‚Viel hilft viel‘ bei einer Vielzahl von Patienten mit akuten Erkrankungen oder Verletzungen in der präklinischen und klinischen Akut- und Notfallmedizin angewandt und gelehrt. Heute wissen wir, dass der Grundsatz ‚Weniger ist mehr‘ gilt. Daher haben schon einige Fachgesellschaften eindeutige Empfehlungen zu einer konservativen Sauerstofftherapie mit definierten Zielbereichen formuliert“, erklärt Busch.

Es sei aber zu bedenken, dass der Zielbereich für die Sauerstoffgabe von der Grunderkrankung des Patienten abhängig sein könne. Bei speziellen Krankheitsbildern, zum Beispiel einer Kohlenmonoxid-Vergiftung, könne einer Hyperoxie durchaus auch therapeutische Bedeutung zukommen. Christine Vetter

Chu KD, Kim LH, Young PJ, et al.: Mortality and morbidity in acutely ill adults treated with liberal versus conservative oxygen therapy (IOTA): a systematic review and meta-analysis. Lancet 2018; 391; 1693–705.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote