ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom: Methylphenidat vor allem für Kinder bevorzugen und Amphetamine für Erwachsene

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom: Methylphenidat vor allem für Kinder bevorzugen und Amphetamine für Erwachsene

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1708 / B-1440 / C-1426

Heinzl, Susanne

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Foto: Janet Layher/stock.adobe.com
Foto: Janet Layher/stock.adobe.com

Nutzen und Risiken einer medikamentösen Therapie des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) werden unterschiedlich beurteilt. So differieren auch die Empfehlungen in den verschiedenen Leitlinien zum Vorgehen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Mithilfe einer Netzwerk-Metaanalyse sollten daher Wirksamkeit und Sicherheit verschiedener Substanzen in diesen 3 Altersgruppen anhand der Daten aus doppelblinden randomisierten Studien verglichen werden.

In die Netzwerk-Metaanalyse wurden 133 Studien eingeschlossen: 81 Studien mit Kindern und Jugendlichen, 51 Studien mit Erwachsenen und eine Studie mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (1).

An diesen Studien hatten insgesamt 14 346 Kinder und Jugendliche und 10 296 Erwachsene teilgenommen. Verglichen wurden Wirksamkeit und Sicherheit bei 12-wöchiger Behandlung mit Amphetaminen, Atomoxetin, Bupropion, Clonidin, Guanfacin, Methylphenidat und Modafinil gegeneinander oder mit Placebo.

Die wichtigen ADHS-Symptome wurden bei Kindern und Jugendlichen nach klinischer Beurteilung durch alle Substanzen stärker verbessert als mit Placebo. Bei einer Beurteilung durch Lehrer waren nur Methylphenidat und Modafinil besser als Placebo. Bei den Erwachsenen waren nach klinischer Beurteilung Amphetamine, Methylphenidat, Bupropion und Atomoxetin, nicht jedoch Modafinil besser als Placebo. Keine Daten lagen für Guanfacin und Clonidin vor. Beim direkten Vergleich der Wirkstoffe wirkten bei allen Patienten Amphetamine besser als Modafinil, Atomoxetin und Methylphenidat. Zusätzlich waren bei Kindern und Jugendlichen Amphetamine wirksamer als Guanfacin, Methylphenidat war wirksamer als Atomoxetin. Methylphenidat, Atomoxetin und Bupropion wirkten bei Erwachsenen besser als Modafinil.

Kinder und Jugendlicher vertrugen nur Guanfacin und Amphetamine schlechter als Placebo. Erwachsene tolerierten Modafinil, Amphetamine, Methylphenidat und Atomoxetin schlechter als Placebo. Bei allen Patientengruppen wurden alle aktiven Substanzen ähnlich vertragen.

Fazit: Unter Berücksichtigung aller Effekte sind nach Ansicht der Autoren Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen sowie Amphetamine bei Erwachsenen die Therapie der Wahl in der Erstlinienbehandlung der ADHS. Darüber hinaus belegen die Ergebnisse der Netzwerkanalyse, dass eine sorgfältige Überwachung von Körpergewichts- und Blutdruckänderungen bei Atomoxetin ebenso wichtig wie bei Stimulanzien ist.

Im begleitenden Editorial wird darauf hingewiesen, dass die Aussagekraft der Studie durch das Fehlen an entsprechenden longitudinalen und vergleichenden Studien begrenzt sei (2). Die Analyse habe auch nicht die statistische Power, um die Wirksamkeit der Substanzen bei Kindern im Alter von 5–12 Jahren und von Jugendlichen im Alter von 13–18 Jahren weiter zu differenzieren. „Damit konnte diese Netzwerk-Metaanalyse eine große Herausforderung in der ADHS-Behandlung nicht adressieren, nämlich die hohe Abbruchrate in der Pubertät trotz anhaltenden und verstärkten Beeinträchtigungen in diesem Alter“, so der Kommentar.

Die Netzwerkanalyse sei zwar eine fortgeschrittene Methodik, um Ergebnisse aus Studien zusammenzufassen und zu vergleichen. In diesem Fall könne die Analyse jedoch nur Teilantworten liefern. Sie bestätige, dass eine kurzzeitige Therapie wirke, sie liefere Hinweise auf die Erstlinientherapie in Abhängigkeit vom Alter, aber sie gebe keine Auskunft zur Dauer der Behandlung. Daher müssten diese Fragen in weiteren Studien geklärt werden, die direkt in die klinische Praxis übertragen werden könnten.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Cortese S, Adamo N, Del Giovane C, et al.: Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. Lancet Psychiatry 2018. http://dx.doi.org/10.1016/S2215–0366(18)30269–4.
  2. Arnett A, Stein M:. Refining treatment choices for ADHD. Lancet Psychiatry 2018;http://dx.doi.org/10.1016/S2215–0366 (18)30295–5.

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