ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Senior Experten Service: Mit Herzblut Wissen vermitteln

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Senior Experten Service: Mit Herzblut Wissen vermitteln

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1699 / B-1433 / C-1419

Spielberg, Petra

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Die Bonner Stiftung SES entsendet Fach- und Führungskräfte aus zahlreichen Branchen, darunter die Medizin, in Entwicklungs- und Schwellenländer, um Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Von den Einsätzen profitieren Ehrenamtliche und ihre Kollegen in den Gastländern gleichermaßen.

Wissen weitergeben, wo es gebraucht wird: Der Chirurg Klaus Gellert (o.) bildete im zentralchinesischen Mianyang Ärzte und Studierende weiter. Der Pathologe Gerhard Stauch war in diesem Jahr mehrere Wochen an einem Krankenhaus in Kambodscha im Einsatz. Fotos: SES
Wissen weitergeben, wo es gebraucht wird: Der Chirurg Klaus Gellert (o.) bildete im zentralchinesischen Mianyang Ärzte und Studierende weiter. Der Pathologe Gerhard Stauch war in diesem Jahr mehrere Wochen an einem Krankenhaus in Kambodscha im Einsatz. Fotos: SES

Als Jugendliche entdeckte Dr. med. Christina Lang ein Buch im Regal ihrer Eltern, das die Geschichte eines Chirurgen erzählte, der Leprakranke in Indien behandelte. Das Buch faszinierte die damals 15-Jährige dermaßen, dass für sie feststand: Ich werde Ärztin und gehe nach Indien. Inzwischen ist Lang 42 Jahre alt und hat sich beide Wünsche erfüllt. 2014 erwarb sie die Facharztbezeichnung für Kinder- und Jugendmedizin. Sie begann nach einem Platz in der Entwicklungshilfe zu suchen und wurde auf den Verein „Shining Eyes – medizinische Hilfe für Kinder und sozioökonomische Dorfentwicklung in Indien“ aufmerksam. „Das war genau das, was ich suchte. Ein Projekt, in dem ich als Kinderärztin mitarbeiten konnte“, berichtet Lang.

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Gut auf den Einsatz vorbereitet

Sie wagte den Sprung ins kalte Wasser und wurde für den Verein im St. Maryʼs Child and Mother Health Care Centre in Makarampur, rund 150 Kilometer nördlich von Kalkutta, tätig, zunächst für sechs Monate. Da Shining Eyes ein offizielles Gesuch nach einer Kinderärztin auch an den auf die Entsendung von ehrenamtlichen Fach- und Führungskräften spezialisierten Senior Experten Service (SES) in Bonn gerichtet hatte, erfolgte die Vorbereitung und Abwicklung des Einsatzes mithilfe der Organisation. Für Lang war das ein großer Vorteil, da sich die von deutschen Wirtschaftsverbänden gegründete Stiftung sowohl um die Reiseorganisation und ihr Visum kümmerte, als auch für einen umfassenden Versicherungsschutz sorgte und zusammen mit dem Verein Shining Eyes im Vorfeld ihrer Reise die konkreten Aufgaben von Lang in Makarampur definierte. „Vom SES fühlte ich mich auf den Einsatz sehr gut vorbereitet und auch in Indien durch Ansprechpartner vor Ort, an die ich mich jederzeit wenden konnte, gut begleitet“, betont Lang.

Rund 180 Repräsentanten arbeiten weltweit für den SES, der nicht nur Ruheständler entsendet, sondern, wie im Fall von Lang, auch Fachkräfte, die eine berufliche Auszeit nehmen wollen. Um die finanzielle und administrative Unterstützung der Stiftung in Anspruch nehmen zu können, musste sich Lang mit ihren medizinischen, sprachlichen und interkulturellen Qualifikationen lediglich in die kostenfreie SES-Expertendatenbank aufnehmen lassen. Nachdem sowohl Shining Eyes als auch SES grünes Licht für ihren Einsatz gegeben hatten, reiste die Kinderärztin im Sommer 2015 nach Indien.

Entsendungen von einem halben Jahr sind allerdings eher selten. „Üblich sind drei bis sechs Wochen“, sagt Bettina Hartmann, Leiterin Abteilung Experten beim SES. Zwar entsendet die Stiftung nicht nur Experten aus dem Gesundheitswesen, sondern auch Fach- und Führungskräfte aus kaufmännischen, handwerklichen, technischen und sozialen Berufen. In der Medizin häufen sich die Anfragen jedoch zusehends. „Nahezu täglich melden sich Kliniken, Praxen, Universitäten und Gesundheitsstationen aus aller Welt, die Unterstützung suchen“, erklärt Hartmann. Die Nachfrage nach medizinischem Wissenstransfer ist mittlerweile so groß, dass der SES zusätzlich zu seinen bereits gelisteten 700 Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen dringend weitere ärztliche Fachkräfte sucht. „Besonders gefragt sind Chirurgen, Endokrinologen, Gynäkologen, Kardiologen, Nephrologen, Neurologen und Neurochirurgen sowie Urologen“, sagt Hartmann.

Viele Anfragen aus Asien

Die meisten Anfragen für Ärzte kommen aus Asien, vor allem aus den zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan, aber auch aus China und zahlreichen afrikanischen Ländern. In Afrika sind das Krankenhaus- und Hygienemanagement gefragte Themen. Zentralasiatische Kliniken wollen vor allem Weiterbildung in den Bereichen Urologie, Gynäkologie und Augenheilkunde. Chinesische Lehrkrankenhäuser dagegen interessieren sich vornehmlich für moderne Operationstechniken oder neue Erkenntnisse auf den Gebieten der Kardiologie und Neurologie.

China war auch das Land, in dem Prof. Dr. med. habil. Klaus Gellert im Oktober 2016 seinen Einstand für den SES hatte. Schon kurz nachdem der Chirurg, der über zwei Jahrzehnte für die Charité und zuletzt am Sana-Klinikum in Berlin tätig war, im Februar 2016 in den Ruhestand eingetreten war, stand für ihn fest, dass er sein Wissen und seine Erfahrungen weitergeben wollte. Ein Bekannter, der als technischer Experte für den SES im Einsatz war, brachte Gellert auf die Idee, sich dort ebenfalls zu registrieren. „Schon nach kurzer Zeit erhielt ich die Anfrage, ob ich in einer Klinik in Zibo, nahe der chinesischen Ostküste, für vier Wochen als Senior Experte in der thoraxchirurgischen Abteilung arbeiten möchte“, berichtet der 69-Jährige. Nach einem Vorbereitungsseminar und der Abwicklung aller bürokratischen Erfordernisse durch den SES reiste er im Oktober 2016 nach China. Inzwischen war Gellert bereits dreimal im Einsatz, unter anderem in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat.

„Jeder Einsatz war anders“, meint der Chirurg. In Aschgabat zum Beispiel bestand seine Aufgabe vornehmlich darin, den Kollegen vor Ort Tricks und Kniffe bei Leber-, Gallengangs- oder Bauchspeicheldrüsenoperationen nahezubringen. Im zentralchinesisch gelegenen Mianyang wiederum, wo er im Juni dieses Jahres in einem kleinem Provinzkrankenhaus tätig war, gehörte es zu seinen Aufgaben, Assistenten im OP auszubilden, ein Tumorboard einzurichten, die Endosonografie einzuführen, Vorträge zu halten und regelmäßig Seminare für Studenten zu organisieren.

Helfen in Indien: Die Kinderärztin Christina Lang verfolgte diesen Plan schon als Jugendliche. Seit 2017 entsendet der SES auch noch berufstätige Fachkräfte.
Helfen in Indien: Die Kinderärztin Christina Lang verfolgte diesen Plan schon als Jugendliche. Seit 2017 entsendet der SES auch noch berufstätige Fachkräfte.

Doch Gellert hat nicht nur sein Wissen und seine Erfahrungen weitergegeben, sondern auch selbst viel über Land und Leute sowie die unterschiedlichen Herangehensweisen an medizinische Fragestellungen gelernt. Es freut ihn, dass er noch immer Feedback für seine Einsätze in Form von E-Mails erhält, zum Teil mit sehr persönlichem Inhalt. Spätestens im November will Gellert wieder aufbrechen, entweder erneut nach China zu einem Folgeeinsatz in Mianyang oder nach Aschgabat, wo er den Kollegen die deutsche Medizintechnik näherbringen will. Zwei Dinge sind für ihn bei seinen Einsätzen entscheidend: „Man muss physisch fit sein und die Fähigkeit besitzen, über den Tellerrand zu schauen.“

So sieht es auch der Chirurg und Pathologe Dr. med. Gerhard Stauch aus Aurich. Der heute 76-Jährige war bereits zu seiner aktiven beruflichen Zeit als niedergelassener Pathologe mehrfach auf eigene Faust und Kosten in Kambodscha und Tansania in der medizinischen Entwicklungshilfe tätig. Vor rund zehn Jahren geriet er dann durch Zufall an den SES und nimmt seither sein Ehrenamt in deren Auftrag wahr. In diesem Jahr war er bereits dreizehn Wochen lang in China und Kambodscha im Einsatz. Zu Stauchs Einsatzgebieten gehören neben China, Kambodscha und Tansania auch Samoa, Nepal und Armenien. „Ich kann nicht Golf spielen“, begründet er seine Begeisterung für die Einsätze schmunzelnd.

Nicht jeder Einsatz ist ein Erfolg

Nicht alle Reisen waren indes gleichermaßen erfolgreich. In Samoa beispielsweise scheiterte sein Engagement an falschen Vorstellungen der Auftraggeber. „Die SES-Experten sind nicht dazu da, den Kolleginnen und Kollegen vor Ort Routinearbeiten abzunehmen, sondern sie sollen Hilfe zur Selbsthilfe leisten und sich irgendwann überflüssig machen“, betont Stauch. Für eine Bereicherung hält er es, dass der SES inzwischen auch Berufstätigen die Möglichkeit gibt, sich ehrenamtlich zu engagieren, da jüngere Ärzte in aller Regel über einen aktuelleren medizinischen Wissensstand verfügten. Bislang haben sich etwa 60 Ärztinnen und Ärzte für die seit Januar letzten Jahres unter dem Label Weltdienst 30+ laufende „junge Variante“ des Expertenservice registrieren lassen, unter ihnen Christina Lang. Als größte Hürde für das ehrenamtliche Engagement junger Ärztinnen und Ärzte erweist sich allerdings oftmals die fehlende zeitliche Flexibilität, da viele sich eine Auszeit von mehreren Wochen nicht leisten können beziehungsweise für einen solchen Zeitraum von ihrem Arbeitgeber nicht freigestellt werden. Senioren wie Gellert dagegen wollen die Einsätze nicht mehr missen. Für den Chirurgen ist das Ehrenamt inzwischen zu einem wichtigen Teil seines Lebens geworden, der ihn, wie er betont, sehr glücklich macht, weil er sein Wissen und seine Erfahrungen dort weitergeben könne, wo sie gebraucht würden. Petra Spielberg

Über den Senior Experten Service

Der Senior Experten Service (SES) wurde 1983 als Entsendeorganisation für ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand oder in einer beruflichen Auszeit gegründet. Sitz ist Bonn. Träger der weltweit tätigen Stiftung sind die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft. Finanzielle Unterstützung für seine Auslandsaktivitäten erhält der SES vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Der Service wird bundesweit von 18 Büros und international von 180 Repräsentanten vertreten. Unter den insgesamt knapp 12 000 registrierten Fachleuten aus 50 Branchen sind etwa 1 600 Experten aus dem Gesundheitswesen und davon rund 700 Ärztinnen und Ärzte. Der Anteil der SES-Einsätze im Gesundheitswesen beträgt 16 Prozent – Tendenz stark steigend. Die Registrierung als Experte ist kostenfrei und unverbindlich. Informationen: www.ses-bonn.de

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