ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Neurogene Harnblasenfunktionsstörung: Eine Antibiotikaprophylaxe kann bei rezidivierenden Infektionen sinnvoll sein

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Neurogene Harnblasenfunktionsstörung: Eine Antibiotikaprophylaxe kann bei rezidivierenden Infektionen sinnvoll sein

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): A-1709 / B-1441 / C-1427

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: nerthuz/stock.adobe.com
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Neurogene Harnblasenfunktionsstörungen sind eine häufige urologische Komplikation bei Schädigungen des Nervensystems, zum Beispiel durch multiple Sklerose oder Rückenmarksverletzungen, aber auch bei Diabetes oder nach größeren chirurgischen Eingriffen. Viele Patienten können durch intermittierende Selbstkatheterisierung (sterile Katheter) die Harnblase druckfrei entleeren. Rezidivierende symptomatische Harnwegsinfektionen treten dennoch bei circa 25 % dieser Patienten auf.

In einer randomisierten, unverblindeten Studie ist eine niedrig dosierte Antibiotikaprophylaxe auf Überlegenheit (therapeutische Effektivität, Kosten-Nutzen-Relation) gegenüber einer Kontrollgruppe ohne Prophylaxe zur Verhinderung von symptomatischen Harnwegsinfekten untersucht worden.

404 Patienten mit neurogener Harnblasenfunktionsstörung und Selbstkathetisierung wurden 1:1 randomisiert in eine Gruppe ohne und eine mit niedrig dosierter Antibiotikaprophylaxe (Nitrofurantoin 50 mg, Trimethoprim 100 mg oder Cefalexin 250 mg, jeweils oral ein Mal täglich). Der primäre Studienendpunkt war die Inzidenz symptomatischer Harnwegsinfekte, die eine Therapie erforderten, im Zeitraum von 12 Monaten.

Von 361 Patienten konnten Daten für den primären Endpunkt ausgewertet werden. Die Inzidenz therapiebedürftiger Harnwegsinfekte lag in der Gruppe ohne Antibiotikaprophylaxe bei 2,6 Fällen pro Jahr und in der Verumgruppe bei 1,3 Fällen pro Jahr (Inzidenz Rate Ratio: 0,52; p < 0,0001). Bei 22 von 181 Patienten mit Antibiotikaprophylaxe traten leichte Nebenwirkungen der Medikamente auf wie Hautrötungen oder gastrointestinale Störungen. Resistente Erreger waren in der Behandlungsgruppe je nach Antibiotikum 2- bis 3-Mal so häufig wie in der Kontrollgruppe.

Fazit: Die Inzidenz klinisch symptomatischer und therapiebedürftiger Harnwegsinfekte lässt sich bei Patienten mit neurogenen Blasenstörungen und intermittierender Kathetisierung durch eine niedrig dosierte Antibiotikaprophylaxe halbieren. Die Prophylaxe wird nicht nur therapeutisch als wirksam, sondern auch als kosteneffektiv beschrieben. Die Behandlung sei gut verträglich, erfordert aber eine Surveillance auf Resistenzentwicklung.

„Ein Vorteil dieser Studie im Vergleich zu früheren ist, dass als primärer Endpunkt nicht einfach die Inzidenz der Bakteriurie, sondern der therapiebedürftigen Infektionen gewählt wurde“, kommentiert Prof. Dr. med. Florian Wagenlehner von der Klinik für Urologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. „Dieser Endpunkt ist – anders als die Bakteriurie – tatsächlich klinisch relevant.“ Die Studie habe aber auch einige Schwächen: „Sie ist unverblindet, auch den Patienten gegenüber, und nicht placebokontrolliert. Es ist daher möglich, dass Patienten und Ärzte, die wussten, wer keine Prophylaxe erhält, in der Gruppe ohne Antibiotika häufiger Symptome einer Infektion vermuteten und die Inzidenz in der Kontrollgruppe überschätzt wurde. Insgesamt aber ist die Studie hilfreich, um ein gutes Versorgungskonzept für diese Gruppe von Patienten zu entwickeln.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Fisher H, Oluboyede Y, Chadwick T, et al.: Continuous low-dose antibiotic prophylaxis for adults with repeated urinary tract infections (AnTIC): a randomised, open-label trial. Lance Infect Dis 2018; 18: 957–68.

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