ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2018Mitarbeiterführung: Warum unperfekte Menschen richtig gute Chefs werden

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Mitarbeiterführung: Warum unperfekte Menschen richtig gute Chefs werden

Dtsch Arztebl 2018; 115(39): [2]

Schuster, Gabriele

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Wer nicht extrovertiert, eloquent, aggressiv und gut aussehend ist, ist in einer Führungsposition falsch? Nein! Gute Chefs können sich zurücknehmen und regeln die Dinge so, dass sie funktionieren.

Foto: peshkov/stock.adobe.com
Foto: peshkov/stock.adobe.com

Die „gute Führungskraft“ braucht ein anderes Image. Das jetzige Bild hält zu viele junge Talente davon ab, sich diese Arbeit zuzutrauen. Vor etlichen Jahren fiel mir in einem meiner Seminare ein junger Mann auf. Er saß versteckt auf einem der hinteren Plätze. Während des ganzen Seminars sagte er kein Wort. Doch hatte ich durchaus das Gefühl, dass er mir zuhörte. In den Pausen sah ich, dass er auf Ansprachen von Teilnehmern freundlich reagierte, dabei aber den Kopf nie richtig nach oben nahm. Das sorgte dafür, dass er die meisten anderen Menschen konsequent von unten nach oben ansah.

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Am zweiten Tag nutzte ich die Chance. Er stand in einer Pause allein an einem Stehtisch. Ich stellte mich neben ihn. Als er sich zu mir drehte, schaute ich ihn freundlich an. „Hätten Sie gegebenenfalls einmal Zeit für mich?“, fragte er etwas unvermittelt. Wir vereinbarten einen Termin im Anschluss an den Seminartag und setzten uns am Beamer-Tisch zusammen.

Das Gefühl, es niemals zu etwas zu bringen

„Wissen Sie Frau Schuster, ich habe das Gefühl, ich bin völlig fehl am Platz. Einerseits glaube ich, ein guter Chirurg zu werden. Ich bin gern im OP und mag es, dort zu arbeiten. Andererseits, wenn ich mich so umschaue, habe ich das Gefühl, es in der Klinik niemals zu etwas zu bringen. Ich komme aus einem kleinen Dorf, meine Eltern waren gute Landwirte, ich bin in unserer Familie der erste, der studiert. Vieles ist für mich neu, was für meine Kollegen selbstverständlich ist. So weiß ich, dass es wichtig ist, die richtige Kleidung für den richtigen Anlass zu tragen. Doch ich muss jedes Mal, wenn etwas neu ist, darüber nachdenken oder im Internet nachlesen. Mein Kollege Meier kommt aus einer Familie, da ist der Vater Geschäftsführer und die Mutter Psychotherapeutin, der braucht für diese Überlegung keine Sekunde. Auch habe ich in der Klinik immer wieder das Gefühl, dass etwas nicht gut läuft, zum Beispiel die Art, wie unser Chef mit einigen Kollegen umgeht oder welche Entscheidungen er trifft. Ich denke mir zwar, er ist der Chef, er wird schon wissen, was er tut. Aber es fühlt sich falsch an. Dann habe das Gefühl, das Ganze erdrückt mich. Das geht schon lange so, eigentlich seit dem ersten Tag meines Studiums.“

Auf meine Frage, wie er diese Situation so lange ausgehalten habe, meinte er, er sei Profi im Unsichtbarsein. Was folgte, war die Schilderung eines fortgeschrittenen Experten für Unsichtbarkeit: Die Wahl des leicht falschen Gürtels oder der gerade so nicht ganz passenden Schuhe, leise sprechen, hinten sitzen, später kommen und früher gehen, die Wahl einer mindestens genauso unsichtbaren Freundin. Nun war es Zeit für ein wenig Schwung. Ich sagte, ich sei sicher, Harry Potter sehe im Fach „Verschwinden“ blass neben ihm aus. Ein vorsichtiges Lächeln bahnte sich einen Weg in sein Gesicht. Ich bat ihn, mir zu erklären, was ihn denn davon abhalte, ein guter Chirurg zu werden und weiterhin unsichtbar zu bleiben. Etwas Interessantes passierte: Er nahm den Kopf hoch, lehnte sich zurück und sagte: „Na ja. Eigentlich glaube ich schon, dass ich was kann. Und ich würde in meinem Leben auch gerne nach vorne kommen. Irgendwann muss ich den Quatsch doch hinter mir lassen.“ Dieser Moment war die Geburtsstunde einer längeren Zusammenarbeit.

Falsche Vorstellung vom guten Chef

In einem der ersten Gespräche kamen wir zur eigentlichen Crux: Wie so oft stand meinem Klienten seine Vorstellung eines guten Chefs im Weg. Er meinte, er wisse nicht, ob ein Mensch wie er Chef werden könne. Er denke viel nach, sei vorsichtig und brauche kein Rampenlicht. Er sei nicht aggressiv oder bissig, habe nichts davon, andere Leute rauszubeißen. Als Chef brauche man doch Charisma, Genialität, Aggressivität, müsse extrovertiert sein und dabei auch noch gut aussehen.

An dieser Stelle konnte ich mich einem leisen Lachen nicht verwehren. Zum einen sagte ich, er solle sich nie einreden lassen, dass Denken ein Problem sei. Denn das ist es nie. Zum anderen räumte ich ein, es gebe sicher Chefs, die so seien und damit auch Erfolg hätten. Das seinen eben die genialen Typen mit den Tausend Helfern: So lange sie da sind, läuft die Abteilung. Wenn sie gehen, bricht alles zusammen, weil das verbleibende Personal nie gelernt hat, selbst zu denken oder Entscheidungen zu treffen. Das Ego von Führungskräften ist eines der großen Risiken in Unternehmen.

Die Alternative zu dieser Art „Chef“ war schon im alten China bekannt: Der Philosoph Lao Tse beschrieb drei Arten von Führungspersonen: Den ersten Chef kennt vermutlich jeder: Er behandelt seine Mitarbeiter schlecht und hält sie klein. Der mittelgute Chef ist seltener: Er wird von seinen Mitarbeitern gemocht. Und der wirklich gute Chef ist ein Mensch, von dem seine Mitarbeiter nicht einmal wissen, dass er da ist. Er regelt die Dinge so, dass sie funktionieren und das Team glaubt, es geschehe von allein.

Viele Talente gehen verloren

Ich arbeitete einige Zeit mit meinem Klienten, bis ein Angebot aus dem Ausland unseren Kontakt unterbrach. Vor Kurzem traf ich ihn zufällig wieder. Mir fiel neben seinem offenen, klaren Blick sein Kleidungsstil auf: Business Casual in Perfektion. Wir nutzten die Gelegenheit zu einem Plausch. „Das war spannend, was Sie damals gesagt haben“, meinte er. „Ich glaube, die falsche Vorstellung, wie ein Chef zu sein hat, ist ein riesiges Problem. Es hält gute Leute davon ab, sich die Arbeit in einer Führungsposition zuzutrauen. Damit gehen viele Talente verloren.“

„Übrigens habe ich vor zwei Jahren den Posten des Chefarztes einer chirurgischen Abteilung übernommen“, berichtete er mir. „Es war eine irrsinnige Arbeit, das Team umzudrehen, aber jetzt läuft es. Eines der ersten Dinge, für die ich gesorgt habe, war, unsere Stellenausschreibungen zu ändern. Wir suchen Ärzte, die in ihrem Beruf gut sind, Fleiß mitbringen und: sich zurücknehmen können.“

„Und was machen Sie hier so?“

Vor Kurzem, schilderte er, habe er mit einer Schülerin, die seit vier Wochen in der Klinik war, im Pausenraum gesessen und sie gefragt, ob sie auch einen Kaffee wolle. Er habe sich gut mit ihr unterhalten und viel über die Krankenpflegeschule der Klinik erfahren. Nach dem dritten Schokokeks habe sie ihn gefragt: „Ach, sagen Sie mal: Und was machen Sie hier so?“

Dipl.-Psych. Gabriele Schuster

Geschäftsführerin

Athene Akademie GmbH

97072 Würzburg

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