ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1999Interessenvertretung der Ärzte (III): Sog in die Hauptstadt

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Interessenvertretung der Ärzte (III): Sog in die Hauptstadt

Dtsch Arztebl 1999; 96(47): A-3030 / B-2581 / C-2390

Rieser, Sabine

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LNSLNS Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung wollen erst in einigen Jahren umziehen - die Medien sind jedoch schneller.


Abwarten ist vorerst Trumpf" - so lautete vor zwei Monaten zusammengefaßt die Haltung der Spitzenverbände im Gesundheitswesen zum Berlin-Umzug. Viele Kisten wurden seitdem nicht gepackt. Doch die Sogwirkung der Hauptstadt nimmt zu.
"Wir haben uns auf Berlin eingestellt", sagt Hans-Jörg Freese von der Pressestelle der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Seit dem Sommer finden deren Pressekonferenzen vor allem in Berlin statt. Freese ist im Oktober in die Hauptstadt gezogen. Sein Büro liegt im Haus der Kaiserin-Friedrich-Stiftung nahe der Charité und damit in dem Bezirk, der allmählich zum Synonym fürs Politik- und Medienviertel wird: Berlin-Mitte. Die BÄK und ihre eigentliche Pressestelle sind noch in Köln, doch innerhalb der nächsten fünf Jahre soll die Kammer nach dem Willen des Vorstandes umziehen. Geplant ist, rasch eine Art Brückenkopf in Berlin zu installieren. Mehr Zeit für alles
Auch der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hat entschieden, daß die Organisation in den nächsten fünf Jahren umziehen wird. Anfang 2000 soll es in Berlin-Mitte einen Ableger der Pressestelle geben, und zwar in der Reinhardtstraße 34. Dorthin ist im Frühjahr bereits die Berliner Außenstelle der KBV übergesiedelt. Die Pressestelle in Köln bestätigt, daß von der Hauptstadt eine gewisse Sogwirkung ausgeht. Die Fachjournalisten erreiche man im Rheinland gut, nicht aber die Tagespresse. Um sich ein realistisches Bild der Vorlieben für Veranstaltungsorte zu verschaffen, wurde auf dem jüngsten Symposium der KBV eine Fragebogenaktion unter den Journalisten gestartet.
In dem Altbau in der Berliner Reinhardtstraße 34 sind darüber hinaus Außenstellen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und des Govi Verlags untergekommen. Zudem sitzt hier der Bundesverband der Freien Berufe e.V. (BFB). Unter seiner Regie wurde das Haus am 27. Oktober eingeweiht. Damit feierte der BFB zugleich sein 50jähriges Bestehen. Der Präsident, Dr. med. Ulrich Oesingmann, sagte, die Nähe zur Politik sei wichtig: "Nähe hat entsprechend der jeweiligen Situation etwas Wärmendes oder - bei schlechtem Gewissen - auch etwas Unbequemes. Beides ist gewollt."
Weitere Mieter sind das Deutsche Ärzteblatt und die Vertretung der Ärzteschaft am Regierungssitz, bisher bekannt als "Bonner Büro". Dieser Name fällt trotz der Auflösung der Stelle in Bonn und der Übersiedlung ihres Leiters, Rechtsanwalt Stefan Gräf, immer noch häufig. Er verfolgt das politische Geschehen, hält BÄK und KBV über Gesetzesvorhaben auf dem laufenden und vermittelt als sogenannter Lobbyist zwischen Ärzteschaft und Politik. Hat sich seine Arbeit verändert? Gräf will sich so kurz nach dem Umzug noch nicht festlegen. "Man braucht viel mehr Zeit für alles", bestätigt er allerdings die Wahrnehmung vieler Neu-Berliner.
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat seinen Sitz noch in Bonn. Ein Teil der Beamten und die gesamte Presseabteilung, zusammen rund 70 Mitarbeiter, arbeiten jedoch seit Sommer in Berlin-Mitte. Pressesprecherin Sabine Lauxen findet den Komplettumzug der Pressestelle sinnvoll, unter anderem deshalb, weil eine Sprecherin oder ein Sprecher aus dem Hause Fischer dreimal pro Woche vor der Bundespressekonferenz Rede und Antwort stehen muß.
In diesem Verein haben sich rund 800 deutsche Korrespondenten zusammengeschlossen. Er ist im Sommer nach Berlin übergesiedelt, die "Bundesstadt" Bonn wurde Außenstelle. Paßt aber der Modebegriff "Medienhauptstadt" wirklich? Bärbel Petersen findet ihn zutreffend. Sie ist Pressesprecherin von "Partner für Berlin", einer Marketinggesellschaft, die im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und Betriebe tätig ist. Petersen zählt auf: In Berlin erscheinen zehn Tageszeitungen, eine Wochenzeitung und elf Stadtmagazine. Wer das Radio anschaltet, hat die Wahl zwischen 35 Programmen. Die ARD hat in der Nähe des Reichstags ein Studio eröffnet, das ZDF, die Deutsche Welle und SAT 1 sind gut vertreten, andere Fernsehanstalten ebenfalls.
"Für Nachrichtenjournalisten ist Berlin ein Schlaraffenland." Das findet Frank Rafalski, Leiter des Berliner Büros der Deutschen Presse-Agentur. In der Hauptstadt häuften sich Veranstaltungen und Pressekonferenzen. "Man hat derzeit den Eindruck, daß jeder Verband unbedingt ein Großereignis in Berlin veranstalten will", meint auch Dr. Ralf Neubauer, stellvertretender Chefredakteur der Welt. Es werde aber manche Enttäuschung geben, wenn angesichts der vielen gleichzeitigen Termine die Resonanz ausbleibe.
Wie das im Schlaraffenland so ist: man ist leicht übersättigt. Das Hauptproblem seiner Redaktion sei, sagt Rafalski, "mit der Flut von Eindrücken und Informationen zurechtzukommen". Täglich erreichten sie rund 1 500 Faxe mit Hinweisen auf Veranstaltungen, Pressemitteilungen und anderes - dreimal so viel wie früher in Bonn und Berlin zusammen. Rafalski, Petersen und Neubauer refererierten in der vergangenen Woche bei einem "Media Coffee", veranstaltet von einer dpa-Unternehmensgruppe zum Thema "Ankunft in Berlin - Pressearbeit im Aufbruch?" Diskutiert wurde, ob Politik und Verbände in Berlin ihre Medienarbeit anders gestalten und wie sich die Medienlandschaft ändert. Dazu gibt es ernste Einschätzungen und heitere Anekdoten. Die Süddeutsche Zeitung berichtete neulich, der Nachwuchs in der Bundespressekonferenz sei leicht zu identifizieren: Er lasse entgegen den Spielregeln gerne sein Handy an. Die Mitarbeiter mancher Sender hängten sich im Reichstag mit Mikrofon und Kamera in ein Gespräch unter vier Augen zwischen einem seriösen Parlamentsberichterstatter und einem Abgeordneten - und fragten dann, wer das überhaupt gewesen sei. Nicht alles ist also lustig an den neuen Verhältnissen. In der Bundespressekonferenz wurde kürzlich ernst über die Behinderungen von Journalisten im Reichstag debattiert. Vielleicht sei es nur Unsicherheit des neuen Personals, hieß es. Viele Journalisten meinten dagegen, es handele sich um Versuche, die Medien so weit wie möglich aus dem Parlament fernzuhalten. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, den einige persönlich dafür verantwortlich machen, ließ das dementieren.
Und immer wieder die Sinnfrage: Mußte die Regierung nach Berlin? Müssen so viele Medien hinterher und nun auch Verbände? Die Befürworter meinen: Ja, weil der, der Einfluß nehmen will, nah an der Politik bleiben muß. Die Gegner argumentieren, gute Sacharbeit könne man auch anderswo leisten und den Rest durch Pendelei bewältigen. Hinter den Argumenten stecken meist persönliche Vorlieben. Die einen sehen den Umzug als berufliche Chance oder können Veränderung gebrauchen. Die anderen wollen nicht weg aus dem Rheinland und/oder sehen keine beruflichen Vorteile. Das alles trifft auch für die Institutionen im Gesundheitswesen zu und für "ihre" Presse.
Die Neuen in Berlin werden jedenfalls seit Wochen beäugt, beschrieben und ermutigt. Der Tagesspiegel brachte im September eine halbe Seite über das neue Leben des Friedel Drautzburg, jahrelang prominenter Wirt in Bonn, seit zwei Jahren ein solcher am Bahnhof Friedrichstraße in der "Ständigen Vertretung". Drautzburg, bekennender Umzugsgegner, ist seit kurzem Vater einer kleinen Tochter, die eine Mutter aus dem Brandenburgischen hat. Für seine Gäste hat er vielerlei Trost parat, denn in der "StäV" hängen zahllose Erinnerungsstücke an die Zeit am Rhein. Er hat zudem herausgefunden, daß seine neue Nachbarschaft früher mal "Rheinisches Viertel" hieß - zumindest als nach dem Ende des Krieges 1871 viele Verwaltungsbeamte aus dem Rheinland an die Spree zogen. Wer nicht jeden Tag in die Kneipe will, dem bietet der Bonner Generalanzeiger Trost: Er schaltete Anzeigen "Bonns beste Seiten jeden Morgen in Berlin" und informierte, wo das vertraute Blatt zu bekommen sei.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1999; 96: A-3030-3031
[Heft 47]


Anschrift der Verfasserin
Sabine Rieser
Reinhardtstraße 34
10117 Berlin

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ist in Bonn geblieben, jedoch mit einer größeren Dienststelle in der Hauptstadt vertreten. Weil sie die Sogwirkung Berlins fürchten, haben sich zehn Personal- und Betriebsräte von Institutionen des Gesundheitswesens zur "Initiative Politikschwerpunkt Gesundheit Rhein-Ruhr" zusammengeschlossen. Es sind die des Bundesministeriums für Gesundheit, der Krankenkassen-Verbände, der KBV, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der BÄK und der Bundeszahnärztekammer. Sie verlangen, daß das Ministerium und die Verbände des Gesundheitswesens im Rheinland bleiben. Rie/Foto: Ullstein/Bach

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