ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Umweltthema im Juni – Ozon: Zusammensetzung aus mehreren Quellen

POLITIK: Aktuell

Umweltthema im Juni – Ozon: Zusammensetzung aus mehreren Quellen

Dtsch Arztebl 1996; 93(26): A-1748 / B-1481 / C-1379

Eckel, Heyo; Hüttemann, Ulrich; Rink, Claus

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LNSLNS In der ersten Juniwoche stiegen die Ozonwerte saisonbedingt und durch die Zufuhr sehr warmer, feuchter Luftmassen (Temperaturen bis 35 Grad Celsius) wieder stark an. Die ersten Überschreitungen des Schwellenwertes der Europäischen Union mit 180 Mikrogramm/m3 (1-h-Wert) lassen vermuten, daß auch in diesem Sommer die Ozondiskussion weiter geführt wird. Deshalb an dieser Stelle einige, manchen sicherlich bekannte, Informationen zu Ozon.
Oft wird die Frage gestellt, aus welchen Quellen sich Ozon zusammensetzt. Die folgenden Angaben sind Näherungswerte und sollen vor allem eine bessere Einordnung der Sinnhaftigkeit verschiedener kurzfristiger Maßnahmen zur Reduktion von Ozon geben. 220 Mikrogramm/m3 Sommerozon setzen sich in etwa zusammen (nach Lufthygieneamt beider Basel, 1995):
1 aus 30 (± 10) Mikrogramm natürlichem Ozon, welches auf dem in der Atmosphäre vorkommenden, aufgrund natürlicher Vorgänge gebildeten bodennahen Ozon beruht. Wenig bekannt ist, daß die biologischen, ungesättigten Kohlenwasserstoffe, die 90 Prozent aller ungesättigten Kohlenwasserstoffe in der Atmosphäre ausmachen, zum photochemischen Smog beitragen; ebenso, daß Bäume mit etwa 10 Prozent an der Produktion von Vorläuferschadstoffen für Ozon (Terpen) beteiligt sind.
1 aus 70 (± 20) Mikrogramm Hintergrund-Ozon, welches durch Dauerluftbelastungen entsteht, die durch gesamteuropäische Emissionen verursacht werden. Hier gibt es deutliche saisonale Schwankungen. Die Wettersituation hat jedoch kaum Einfluß auf die Belastung mit Hintergrund-Ozon.
1 aus 80 (± 30 Mikrogramm) Reservoir-Ozon, das aufgrund von Emissionen im Umkreis von einigen Hundert Kilometern entsteht. Hier sind größere Schwankungen von Tag zu Tag zu beobachten. Reservoir-Ozon kann in höheren Luftschichten gespeichert werden und wird durch Regionalwindsysteme verfrachtet. Daneben sind vor allem Schwachwindwetterlagen dafür zuständig, daß die höchsten Ozonwerte nicht in Ballungsgebieten, sondern in ländlichen Gebieten und Reinluftzonen gemessen werden, weil über Transportvorgänge vorbelastete Luftmassen in Außenzonen der Städte "geschoben" werden. Solche Vorgänge können über mehrere 100 Kilometer hinweg stattfinden. Kurzfristige Maßnahmen zur Ozonsenkung greifen deshalb lediglich bei großräumigen Emissionseinschränkungen. Die Wettersituation hat auf die Belastung mit Reservoir-Ozon starken Einfluß.
1 aus 40 (± 20) Mikrogramm lokal produziertem Ozon, dessen Ausmaß durch lokale Emittenden in einem Umkreis von 50 Kilometern bestimmt wird. Die Abhängigkeit von der Wetterlage und vor allem von lokalklimatischen Besonderheiten (Hangwindsysteme, Land-Seewind-Zirkulation etc.) ist sehr groß. Durch kurzfristige administrative Maßnahmen ist diese Ozonbelastung beeinflußbar.
Eine andere häufige Frage ist die nach der ungefähren chemischen Zusammensetzung der Ozonvorläuferstoffe. Die nachfolgende Unterteilung gibt eine grobe "Richtschnur" (Umweltbundesamt, 1993):
¿ Stickoxide, die zu 55 Prozent aus Verkehrsbelastungen und zu 27 Prozent aus der Industriefeuerung stammen;
À flüchtige organische Kohlenwasserstoffe, die zu 42 Prozent aus Verkehrsemissionen und zu 42 Prozent aus der Lösemittelverwendung stammen.
Sieht man sich die Ozonkonzentrationen des letzten Sommers an, so zeigt sich, daß die 8-h-Mittelwerte im allgemeinen von Nord nach Süd anstiegen. Reinluftgebiete und industrieferne ländliche Gebiete waren besonders betroffen. Eine genaue Analyse ist nicht möglich, da in wichtigen Bereichen keine Ozonstationen stehen. So ist beispielsweise Bayern im Bereich des Voralpenraums (Fremdenverkehrszentren) nur mit wenigen Meßstationen ausgestattet. Gerade dort können durch die besondere topographische Lage aber hohe Konzentrationen an Vorläuferschadstoffen entstehen.
Daß die Ozonbelastung gegen Abend abnimmt, ist nicht immer zutreffend. Sowohl in topographisch ungünstigen Gegenden (Muldenlage) als auch in Waldgebieten und ländlichen Zonen lassen sich noch gegen Mitternacht Werte von weit mehr als 120 Mikrogramm/m3 als ½-Stunden-Wert (MIK-Wert des Vereins Deutscher Ingenieure) bzw. 80 Prozent des am Tag aufgetretenen Maximalwerts messen.
Als kurzfristige Maßnahme sind nach der im vergangenen Jahr erlassenen "Sommersmogverordnung" Verkehrssperrungen möglich,
! wenn an zwei Punkten im Abstand von mehr als 50 km und einem Punkt im Abstand von weniger als 200 km eine Ozonkonzentration von 240 Mikrogramm/m3 oder mehr gemessen wird und
! der Deutsche Wetterdienst für die nächsten 24 Stunden eine Vorhersage für eine austauscharme Wetterlage mit Windgeschwindigkeiten unter 3 m/Sekunde macht und
! die jeweiligen Landesämter ihrerseits eine Ozonprognose erstellen, die für die nächsten 24 Stunden eine Belastung von mehr als 240 Mikrogramm/m3 vorhersagt.
Diverse Ausnahmeregelungen sollten erfragt werden, da sie teilweise recht unterschiedlich gehandhabt werden.


Prof. Dr. med. Heyo Eckel
Prof. Dr. med. Ulrich Hüttemann
Dr. rer. nat. Claus Rink


Rückfragen zur Karte: Georisk GmbH, Schloß Türnich, 50169 Kerpen, Tel 0 22 37/6 12 22
Rückfragen zum Text: Dr. Claus Rink, Fax 0 22 71/9 17 25, e-mail 1000526.2351@compuserve. com, e-mail: Rink.UDS.enviroreport-@t-online.de

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