ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1999Krebsprävention durch Radon? Hier irrt der Physiker

MEDIZIN: Kommentare

Krebsprävention durch Radon? Hier irrt der Physiker

Dtsch Arztebl 1999; 96(47): A-3048 / B-2578 / C-2213

Wichmann, H.-Erich

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Die These des amerikanischen Physikers Bernhard Cohen, Radon in Wohnräumen würde eine negative Expositions-Wirkungs-Beziehung zum Lungenkrebsrisiko zeigen, das heißt mit zunehmender Radonkonzentration würde das Lungenkrebsrisiko abnehmen, wird immer wieder in den Raum gestellt. Diese Aussage wird gern dazu verwendet, das tatsächlich vorhandene Lungenkrebsrisiko durch Radon in Wohnungen zu leugnen, und es werden "alternative" Hypothesen angeboten, die angeblich (im Sinne der sogenannten Hormesis) diesen Befund erklären können. In diesem Sinn argumentiert auch Falkenbach in Heft 23 vom 11. Juni im Deutschen Ärzteblatt (1).
Radon und Radonfolgeprodukte sind Humankanzerogene, und das gilt sowohl im Bergbau als auch in der Umwelt und speziell in Wohnungen. In der soeben erschienenen neuesten Bewertung des National Research Council der USA wird dies bestätigt und auf die erheblichen gesundheitlichen Risiken hingewiesen (3). Die Welt­gesund­heits­organi­sation kommt zum gleichen Ergebnis (4). Mittlerweile wurde auch in einer großen FallKontroll-Studie für Deutschland empirisch das Vorliegen eines solchen Risikos belegt (5). In all diesen Berichten wird darauf hingewiesen, daß die Vorgehensweise von Cohen wissenschaftlich nicht zulässig ist und zu Fehlschlüssen führt.
Was ist nun an der Argumentationsweise von Cohen falsch? Es handelt sich hierbei um Studien mit aggregierten Daten, also Studien, bei denen die mittlere Sterblichkeit einer geographischen Einheit (beispielsweise eines Kreises) mit der mittleren Radonkonzentration verglichen wird. Da in den USA, genauso wie in Deutschland, Radon typischerweise in ländlichen, bergigen Regionen in höheren Konzentrationen auftritt, ergeben sich Scheinassoziationen der folgenden Art: In den Kreisen mit höherer Radonbelastung ist der Lungenkrebs seltener anzutreffen, weil in diesen ländlichen Kreisen weniger geraucht wird, und das Rauchen das regionale Bild der Lungenkrebshäufigkeit prägt. Auch für Deutschland ergibt sich ein solcher "Zusammenhang", wie Grafik 1 für die alten Bundesländer zeigt: Die Lungenkrebssterblichkeit von Frauen ist in den norddeutschen Großstädten Hamburg, Bremen, Berlin doppelt so hoch wie in den ländlichen Regierungsbezirken Süddeutschlands, etwa Tübingen und Niederbayern, die eine deutlich höhere Radonbelastung aufweisen (Grafik 1A). Die Erklärung liefert Grafik 1B: In den norddeutschen Großstädten rauchen die Frauen erheblich mehr als in den ländlichen süddeutschen Gebieten, und da das Rauchen ein sehr viel stärkerer Risikofaktor ist, wird hierdurch das geographische Muster dominiert (ein starker Raucher hat ein zirka 40fach, jemand, der hoch gegenüber Radon exponiert ist, hat ein zweifach erhöhtes Lungenkrebsrisiko).
Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, diese Scheinkorrelation aufzulösen und die wahren Zusammenhänge aufzudecken: Die Verwendung von Individualdaten. Dies geschieht in Fall-Kontroll-Studien, wo für jede beteiligte Person individuell die Radonbelastung gemessen und das Rauchverhalten sowie weitere Risikofaktoren erfaßt werden. Derartige Studien zeigen ein umgekehrtes Bild, nämlich daß in den radonbelasteten Gebieten ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko auftritt. Dies gilt sowohl für die USA als auch für andere Länder wie Deutschland. In Grafik 2 ist dargelegt, wie das Lungenkrebsrisiko mit zunehmender Belastung in den radonbelasteten Gebieten der Eifel und Ostbayerns zunimmt, wenn man Individualdaten verwendet. (Cohen hat aber keine Individualdaten, die mühsam zu erheben sind, und verwendet leicht verfügbare aggregierte Daten aus amtlichen Statistiken, bei denen es auch nicht weiterhilft, wenn man auf aggregierter Ebene für das Rauchen und andere Risikofaktoren adjustiert.)
Schon vor Jahren hat die Strahlenschutzkommission abgeschätzt, daß etwa vier bis zwölf Prozent aller Lungenkrebserkrankungen in Deutschland (West) durch Radon in Wohnungen entstehen. Diese Zahl ist im wesentlichen auch heute noch gültig. Dies bedeutet, daß Radon in Wohnungen der mit Abstand wichtigste Lungenkrebsrisikofaktor aus der Umwelt ist.
Die Frage, ob Radon - abgesehen von seiner lungenkrebserzeugenden Wirkung - auch positive Wirkungen im Hinblick auf rheumatische Erkrankungen haben kann, wie dies Radon-Heilbäder für sich in Anspruch nehmen, ist ein ganz anderes Thema. Die positive Wirkung des Radons in Heilbädern ist nach den gültigen Kriterien für klinische Prüfungen zur Wirksamkeit von Arzneimitteln bisher nicht belegt. Wenn es neuere aussagekräftige Studien gibt, sollte man diese nach den genannten Kriterien bewerten.
Literatur
1. Falkenbach A: Radon und Gesundheit. Dt Ärztebl 1999; 96: A-1576-1577 [Heft 23].
2. Kreienbrock L, Wichmann H-E: Grundbegriffe der Epidemiologie in Schultz K,
Petro W (eds): Pneumologische Umweltmedizin. Berlin: Springer-Verlag, 1998.
3. NRC (National Research Council): Health effects of exposure to radon BEIR VI-Report. Washington: National Academy Press, 1999.
4. WHO (World Health Organisation): Indoor air quality: A risk-based approach to health criteria for radon indoors. WHO Copenhagen, 1996.
5. Wichmann H-E et al.: Lungenkrebskrisiko durch Radon in der Bundesrepublik Deutschland (West). Reihe "Fortschritte in der Umweltmedizin". Landsberg: Ecomed-Verlag, 1998.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. H.-Erich Wichmann
GSF - Institut für Epidemiologie, Neuherberg, und Lehrstuhl für
Epidemiologie, LMU München,
Ingolstädter Landstraße 1
85764 Neuherberg

"Ökologischer Trugschluß" zum Zusammenhang zwischen Radon in Wohnungen und der Lungenkrebssterblichkeit auf der Grundlage aggregierter Daten. Dargestellt ist die Lungenkrebssterblichkeit bei Frauen je 100 000 in Regierungsbezirken der Bundesrepublik Deutschland (West) im Vergleich zu (A) Radon in Wohnungen und (B) Raucheranteil bei Frauen. Es wird ein "protektiver Effekt" durch Radon vorgetäuscht, weil in den radonbelasteten süddeutschen Mittelgebirgsregionen wenig geraucht wird (beispielsweise Niederbayern), in den radonarmen Großstädten aber viel geraucht wird (beispielsweise Hamburg) (nach 2).


Lungenkrebsrisiko durch Radon in Belastungsgebieten der Eifel und Ostbayerns. Odds Ratios (rot) und 95%Konfidenzintervalle (blau) (nach 5).

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