ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2018Terminservicestellen: Politischer Aktionismus
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Die Terminservicestellen (TSS) sind ein gutes Beispiel für politischen Aktionismus. Da sie selbstverständlich keine zusätzlichen Kapazitäten bei den besonders überlasteten Fachärzten (Neurologen, Rheumatologen u. a.) schaffen können, greifen sie lediglich in die Verteilung der vorhandenen Kapazitäten bzw. Termine ein. …

Wie funktioniert es außerhalb der TSS? Der zuweisende Arzt, oftmals der Hausarzt, erkennt die Notwendigkeit einer fachärztlichen Behandlung. Bei besonderer Dringlichkeit greift er zum Telefon und informiert den – ihm natürlich bekannten – Facharzt. Sieht der die Dringlichkeit ebenfalls gegeben, erfolgt eine unkomplizierte und zeitnahe Terminvergabe … Bei Indikation ohne Notfallcharakter wird der Patient eine aussagekräftige Überweisung vom Hausarzt erhalten. Der Facharzt vergibt den Termin nach Kapazität und Notwendigkeit. Bei Patienten, die eigentlich keine rechte Indikation haben, die aber möglicherweise den Hausarzt bedrängen, diesen oder jenen Facharzt aufsuchen zu wollen, gern auch für eine dritte oder vierte Meinung, wird der trainierte Hausarzt erklären, warum dies keinen Sinn ergibt. Möglicherweise wird er nach einiger Zeit über seinen Erklärungsversuchen ermüden und stellt
u. U. eine Überweisung aus, die dem Facharzt signalisiert: keine Eile. Letztere Patientengruppe ist diejenige, welche die Ungerechtigkeit im System und den fehlenden Zugriff auf Fachärzte (und natürlich die „schlimme“ Bevorzugung von Privatpatienten) anprangert. Dies ist im Wesentlichen auch die Gruppe von Patienten, die von den TSS Gebrauch macht und den Hausarzt bittet, einen entsprechenden Berechtigungscode zu vergeben. Da durch die gesetzliche Vorgabe die Facharzttermine zeitnah zu vergeben sind, erhält jetzt also die Gruppe mit der geringsten Dringlichkeit die bevorzugten Termine. Da aber, wie eingangs dargestellt, bei begrenzten Kapazitäten nur eine Umverteilung möglich ist, müssen sich jetzt diejenigen Patienten, die den normalen Weg zum Facharzt per Standardüberweisung aufsuchen, „hinten anstellen“ und erhalten späte oder keine Termine. Bei vielen Erkrankungen kann dies durchaus unangenehme Folgen für den Patienten haben.

Die Bemühungen unseres Ge­sund­heits­mi­nis­ters, das „Erfolgsmodell“ TSS ohne jede Evaluation weiter auszudehnen, zeigt, dass es schon lange nur noch um Symbolpolitik als Eingeständnis des Scheiterns vor den eigentlichen Problemen im Gesundheitssystem geht. …

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Prof. Dr. med. Frank Moosig, Prof. Dr. med. Julia U. Holle, 24534 Neumünster

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