ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2018Sachverständigenrat: Dicke Mauern in der Versorgung

POLITIK

Sachverständigenrat: Dicke Mauern in der Versorgung

Dtsch Arztebl 2018; 115(40): A-1742 / B-1467 / C-1453

Beerheide, Rebecca; Korzilius, Heike

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Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen stellte sein Gutachten in der Fachöffentlichkeit zur Diskussion. Es zeigte sich, dass es noch dauern dürfte, bis Vorschläge umgesetzt werden.

Fotos: iStockphoto; grafikplusfoto stock.adobe.com
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Zu dicke Mauern zwischen den Versorgungssektoren, zu unterschiedliche Krankenhausplanungen in den Ländern und eine Versorgungsplanung mit ganz unterschiedlichen Dynamiken: Das 780 Seiten starke Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) sieht an vielen Stellen Reformbedarf. Mit der Vorstellung des Gutachtens vor der Fachöffentlichkeit Ende September in Berlin wollten die sieben Gutachter eine breite Diskussion anstoßen. Denn: „Es wird nicht das eine Gesetz geben, mit dem man all die Strukturfragen des Gesundheitswesens in Deutschland lösen kann“, sagte SVR-Vorsitzender Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach. Vielmehr müsse man sich auf einen längeren Prozess einstellen. „Es gibt 16 Krankenhausplanungen, 17 ambulante Versorgungsplanungen und der Bundesgesetzgeber versucht, mit 30 Maßnahmen die sektorenübergreifende Versorgung anzustoßen. Leider funktioniert nichts davon“, lautete Gerlachs Fazit.

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Für die Politik kein schmeichelhafter Befund, doch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) sah sich nicht in der Schusslinie: „Eigentlich ist alles, was die Partner in der Selbstverwaltung fordern, schon gesetzlich geregelt. Aber warum wird alles, was möglich ist, nicht umgesetzt“, fragte Ulrich Orlowski, Abteilungsleiter Gesundheitsversorgung und Kran­ken­ver­siche­rung im BMG, bei der Podiumsdiskussion die Vertreter der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Der Rat liefert wichtige Impulse

Die Kritik wurde in der Selbstverwaltung nicht gut aufgenommen: „Wir haben nun im Rahmen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung die Vorgaben für die Rheumatologie beschlossen. Das wird sicherlich der Lackmustest werden, ob wir da noch einmal die Kurve bekommen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen. Für DKG-Präsident Dr. rer. pol. Gerald Gaß stellt § 116 b eine große bürokratische Hürde für die Versorgung dar. Die Anträge dazu beanspruchten viel zu viele Kapazitäten. „Daher hat die Politik ja gerne die Verantwortung für die Gestaltung der Versorgung an die Selbstverwaltung abgegeben“, so Gaß. Für den Vizevorsitzenden des SVR, Prof. Dr. rer. pol. Eberhard Wille, zeigte die Diskussion um § 116 b, „dass die Koordinierungssysteme von Politik auf der einen und Selbstverwaltung auf der anderen Seite Vor- und Nachteile haben“.

Generell liefere das Gutachten des Sachverständigenrates viele wichtige Impulse, die auch in die Gesetzgebung eingehen sollten, erklärte BMG-Abteilungsleiter Orlowski: „Aber bei einigen Vorschlägen frage ich mich schon, ob die Planung von Versorgung nicht überbewertet ist.“ Schließlich sei der Arztberuf in Deutschland auch weiterhin ein freier Beruf. Orlowski mahnte die Selbstverwaltung auch, die Folgen für die Patientenversorgung durch den Engpass bei den medizinischen Fachkräften nicht zu unterschätzen. Die Bundesregierung wirke dem mit ihrer Pflegegesetzgebung entgegen. Aber auch die Selbstverwaltung sei gefragt. „Man muss auch über bedarfsgerechte Strukturen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels nachdenken. Dazu gehört auch, darüber zu diskutieren, wo Ärzte künftig sinnvoll eingesetzt werden“, sagte Orlowski.

Die Sachverständigen kritisierten in ihrem Gutachten vor allem die dicken Mauern zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Auch sei die Krankenhausplanung von Bundesland zu Bundesland „viel zu unterschiedlich“. In der Universitätsmedizin müsse deutlicher die Leistung von Forschung und Ausbildung anerkannt werden, forderte SVR-Mitglied Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg.

Der Hausarzt als Lotse

SVR-Vize Wille wies darauf hin, dass einheitliche Rahmenbedingungen für den ambulanten und den stationären Sektor seit mindestens 2003 in Gesetzen gefordert würden. Als eine der dynamischsten Entwicklungen bewerte er in diesem Zusammenhang die Praxisnetze. „Allerdings können wir hier oft die Qualität der Netze nicht ganz abschätzen“, schränkte Wille ein.

Damit Patienten an der für ihre Beschwerden angemessenen Stelle versorgt werden, listet der SVR vier Instrumente auf: ein strukturiertes Entlassmanagement, das den Übergang von der stationären in die ambulante Versorgung reibungslos gestalten soll, eine mögliche Selbstbeteiligung der Patienten als Anreiz, sich an Behandlungspfade zu halten, ein unabhängiges, evidenzbasiertes und verständliches Informationsangebot für Patienten sowie das Gatekeeping. Dabei lotst in der Regel der Hausarzt den Patienten durch das Gesundheitssystem. Im Idealfall werden so Doppeluntersuchungen und Übertherapie verhindert. In diesem Zusammenhang wies SVR-Mitglied Prof. Dr. med. Petra Thürmann auf die erfolgreiche hausarztzentrierte Versorgung in Baden-Württemberg und Bayern hin, an der inzwischen rund sieben Millionen Patientinnen und Patienten und 17 000 Hausärztinnen und Hausärzte freiwillig teilnehmen. Der Rat hatte in seinem Gutachten empfohlen, diese Form der Versorgung auszubauen und wissenschaftlich zu evaluieren. Denn bisher gebe es keine Evidenz dafür, dass sich durch Gatekeeping Einsparungen erzielen ließen, sagte Thürmann.

Damit Patienten informierte Entscheidungen treffen können und in ihrer Gesundheitskompetenz gestärkt werden, empfiehlt der Rat die Errichtung eines nationalen Gesundheitsportals. Dort sollen allen Bürgern evidenzbasierte und verständliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung stehen, die aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt werden. Mit der Erarbeitung eines Konzepts war das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen betraut. Es liegt inzwischen vor. „Unsere Zielgruppe sind vor allem Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz“, sagte SVR-Mitglied Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer. Susanne Mauersberg vom Verbraucherzentrale Bundesverband regte an, hier auch das große Potenzial von Erklärfilmen zu nutzen.

Der Sachverständigenrat hatte in seinem Gutachten zwei Versorgungsbereiche herausgestellt, in denen die Koordination der Behandlung besonders wichtig ist, zurzeit aber nur mäßig funktioniert: die Behandlung von Rückenschmerz und die von psychischen Erkrankungen. Insbesondere bei der Versorgung psychisch Kranker machten sich die Sektorengrenzen besonders negativ bemerkbar, sagte SVR-Mitglied Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Greiner.

Das System sei sehr komplex und fragmentiert, zum Teil seien unterschiedliche Kostenträger aus unterschiedlichen Rechtskreisen für die Finanzierung von Leistungen zuständig, kritisierte der Ökonom. Und es gebe Versorgungslücken bei intensiveren ambulanten Behandlungsformaten an der Schnittstelle ambulant/stationär. Der Sachverständigenrat habe in seinem Gutachten die wesentlichen Probleme angesprochen, sagte Prof. Dr. med. Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Psychische Erkrankungen verliefen häufig chronisch und führten zur Frühverrentung. „Es ist wichtig, Brüche in der Behandlung zu vermeiden, die häufig zu deren Abbruch führen“, sagte Deister.

Diskussion in vier Städten

Zuspruch bekam der Sachverständigenrat für sein Reformkonzept der Notfallversorgung mit integrierten Leitstellen und integrierten Notfallzentren, in denen niedergelassene Ärzte und Krankenhausärzte an einem gemeinsamen Tresen Notfallpatienten an die angemessene Versorgungsstufe weiterleiten. SVR-Mitglied Prof. Dr. med. Marion Haubitz betonte jedoch, dass dafür eine digitale Vernetzung der Versorgungsbereiche dringend notwendig sei. Der SVR wird sein Gutachten auch noch in Frankfurt, Hamburg, Halle und Düsseldorf zur Diskussion stellen.

Rebecca Beerheide, Heike Korzilius

Verbesserungen verspricht sich der Sachverständigenrat durch eine Steuerung der Patienten: Denkbar sind Gatekeeping durch den Hausarzt, unabhängige Gesundheitsinformationen, Entlassmanagement sowie eine mögliche Selbstbeteiligung (DÄ 37).

www.aerzteblatt.de/181580

Sektorübergreifende Versorgung psychisch Kranker: Der Sachverständigenrat bemängelt die fehlende Kooperation und Koordination der Versorgung. In DÄ 31/32 werden verschiedene Modellprojekte zur
integrierten Versorgung vorgestellt.

www.aerzteblatt.de/181422

Ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV): Dem Sachverständigenrat gilt sie als „vorbildlich“. Doch der Durchbruch des sektorübergreifenden Ansatzes lässt auf sich warten. Zwei Beispiele, wie die ASV gelingen kann in DÄ 33/34. www.aerzteblatt.de/181470

www.aerzteblatt.de/181472

Die Krankenhausplanung ist seit Jahren ein Streitthema. Die Reformvorschläge des SVR kommen aber besonders bei den betroffenen Kliniken nicht gut an. Ermahnt werden die Bundesländer, ihren Finanzierungsverpflichtungen nachzukommen (DÄ35/36).

www.aerzteblatt.de/181530

www.aerzteblatt.de/181532

Auftakt der Serie zum Gutachten des Sachverständigenrates (DÄ 29/30) analysiert werden die Themen: Patientensteuerung, sektorenübergreifende Versorgung sowie die Planung und Finanzierung von Krankenhäusern.

http://daebl.de/DT74





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