ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2018Qualitätssicherung: Bundesländer erhalten erste Daten

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Qualitätssicherung: Bundesländer erhalten erste Daten

Dtsch Arztebl 2018; 115(40): A-1739 / B-1465 / C-1451

Beerheide, Rebecca; Osterloh, Falk

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Im Rahmen der gesetzlichen Qualitätssicherung erheben Krankenhäuser jedes Jahr millionenfach Datensätze. Im Jahr 2017 hat sich die Qualität demnach in 45 von 271 Indikatoren verbessert. 73 Standorte erbrachten im Bereich der für die Krankenhausplanung relevanten Indikatoren allerdings eine schlechte Qualität.

Patienten mit einer hüftgelenknahen Femurfraktur mussten im Jahr 2017 im Durchschnitt weniger lange auf eine Operation warten als in den Vorjahren. Foto: picture alliance
Patienten mit einer hüftgelenknahen Femurfraktur mussten im Jahr 2017 im Durchschnitt weniger lange auf eine Operation warten als in den Vorjahren. Foto: picture alliance

Einige der zentralen Maßnahmen des Krankenhaus-Strukturgesetzes (KHSG) sind noch nicht oder erst vor Kurzem in der Regelversorgung angekommen. Dennoch hat das Gesetz seit seinem Inkrafttreten zum Jahresbeginn 2016 in den Krankenhäusern zu einem Umdenken in Sachen Qualität geführt. Diese Meinung vertraten Experten auf der 10. Qualitätssicherungskonferenz des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) Ende September in Berlin. „Die Qualität der Versorgung hat durch das KHSG einen ganz neuen Stellenwert bekommen“, meinte Dr. med. Thilo Grüning, Geschäftsführer des Dezernats „Qualitätssicherung“ bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Denn das Gesetz habe eine qualitativ hochwertige Versorgung explizit als Ziel vorgegeben.

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Dr. med. Dagmar Hertle vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) berichtete von einer Umfrage, die das IQTIG unter Krankenhausmitarbeitern zum KHSG durchgeführt hat. Sie zitierte einen Umfrageteilnehmer: „Seit es das KHSG gibt, hat das Thema Qualität in unserem Unternehmen einen noch höheren Stellenwert bekommen. Das Thema erhält nun mehr Ressourcen“, habe dieser erklärt.

Auf der Grundlage des KHSG sollen Krankenhäuser, die eine schlechte Qualität erbringen, künftig Abschläge hinnehmen müssen. Das IQTIG erarbeitet derzeit noch die Grundlage für eine entsprechende Qualitätsmessung. Krankenhäuser mit schlechter Qualität sollen zudem von den Planungsbehörden der Bundesländer aus dem Krankenhausplan herausgenommen werden können. Hier liegt eine Bemessungsgrundlage bereits vor. Nach Vorarbeiten des IQTIG hat der G-BA elf Qualitätsindikatoren aus der externen stationären Qualitätssicherung aus den Bereichen Geburtshilfe, Mammakarzinom und gynäkologische Operationen identifiziert, für die Referenzbereiche vorliegen. Verfehlen Krankenhäuser diese Bereiche dauerhaft, können die Bundesländer sie in letzter Konsequenz aus dem Krankenhausplan herausnehmen.

Fünf Länder wählen Opt-out

Auf dem Kongress wurden nun erstmals konkrete Zahlen zu den planungsrelevanten Qualitätsindikatoren vorgestellt. Demnach hat das IQTIG seit Januar 2017 Daten von 1 084 Krankenhausstandorten ausgewertet. Ergebnis: An 73 dieser Standorte wurde, gemessen an den Indikatoren, eine unzureichende Qualität erbracht. Die Ergebnisse der Untersuchung hat das IQTIG unter anderem an die Bundesländer geschickt. „Was nun weiter passiert, entscheiden die dortigen Planungsbehörden“, erklärte Dr. rer. oec. Britta Zander-Jentsch vom IQTIG.

Ursprünglich war vorgesehen, dass die planungsrelevanten Qualitätsindikatoren des G-BA automatisch auch in den Bundesländern gelten. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass jedes Land seine eigenen Indikatoren festlegt. Die Bundesländer haben jedoch die Möglichkeit erhalten, sich gegen die Übernahme der Indikatoren zu entscheiden. Mit Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg hätten sich bislang fünf Länder für ein solches Opt-out entschieden, erklärte Zander-Jentsch.

„Ich werde mich dafür einsetzen, dass der G-BA aus dem Ruf des geheim tagenden Zirkels herauskommt.“ Elisabeth Pott, Gemeinsamer Bundes­aus­schuss. Foto: axentis.de
„Ich werde mich dafür einsetzen, dass der G-BA aus dem Ruf des geheim tagenden Zirkels herauskommt.“ Elisabeth Pott, Gemeinsamer Bundes­aus­schuss. Foto: axentis.de

Wie in jedem Jahr wurde auf dem Kongress auch der Qualitätsreport vorgestellt, der die Ergebnisse der externen stationären Qualitätssicherung enthält (siehe Kasten). Demnach konnten die Krankenhäuser in 45 von insgesamt 271 Qualitätsindikatoren (17 Prozent), mit denen die stationäre Qualität gemessen wird, ihre Ergebnisse signifikant verbessern. Bei 13 Indikatoren (fünf Prozent) haben sich die Ergebnisse hingegen signifikant verschlechtert.

Als Beispiel für eine positive Entwicklung nannte IQTIG-Leiter Dr. med. Christof Veit den Qualitätsindikator „Präoperative Verweildauer bei osteosynthetischer Versorgung einer hüftgelenknahen Femurfraktur“. Der Referenzbereich für diesen Indikator liegt bei 15 Prozent oder darunter, das heißt, für mindestens 85 Prozent der Patienten ohne antithrombotische Dauertherapie sollte die Operation 24 Stunden nach der Aufnahme erfolgen. „Im Jahr 2015 mussten 22 Prozent der Patienten zu lange warten“, sagte Veit. „Im vergangenen Jahr waren es nur noch 16 Prozent.“ Bei einer Gesamtzahl von 60 000 Eingriffen pro Jahr gehe es hier also um 3 600 Patienten, die früher operiert worden seien. „Das heißt: Wir schaffen es mit unserer Qualitätssicherung tatsächlich, Dinge zu verbessern“, so Veit. Weil der Grenzwert von 15 Prozent noch immer nicht erreicht ist, besteht bei diesem Indikator jedoch nach wie vor ein besonderer Handlungsbedarf.

Im Erfassungsjahr 2016 haben 1 544 Krankenhäuser an 1 887 Standorten knapp 2,5 Millionen Datensätze dokumentiert. Daraus wurden 116 163 Ergebnisse berechnet, von denen 12 683 rechnerisch auffällig waren. Etwa 60 Prozent davon wurden im Strukturierten Dialog überprüft. Mit 275 Krankenhäusern wurden kollegiale Gespräche geführt, 13 Häuser wurden im Rahmen einer Begehung besucht. Zur Behebung der identifizierten Qualitätsdefizite wurden 742 Zielvereinbarungen geschlossen.

Veit wies darauf hin, dass nach einem langen Vorlauf die sektorenübergreifende Qualitätssicherung nun im Regelbetrieb arbeite. Derzeit gebe es 29 Qualitätsindikatoren in den Bereichen Perkutane Koronarintervention (PCI) und Vermeidung nosokomialer Infektionen. Bei PCI hätten im vergangenen Jahr 273 vertragsärztliche Praxen und Medizinische Versorgungszentren sowie 1 063 Krankenhausstandorte Daten geliefert. Anhand der Sozialdaten der Krankenkassen werde geprüft, was aus den behandelten Patienten geworden sei, so Veit. Darüber hinaus bereite das IQTIG Patientenbefragungen vor, um weitere Informationen für die Qualitätssicherung zu erhalten. Zudem wolle das IQTIG mit den Betreibern von Registern zusammenarbeiten, um Informationen zusammenzuführen.

Erreichtes weiterentwickeln

Der Kongress wurde in diesem Jahr erstmals von Prof. Dr. med. Elisabeth Pott eröffnet, die seit Juli 2018 als unparteiisches Mitglied im G-BA arbeitet und dabei dem Unterausschuss „Qualitätssicherung“ vorsitzt. Sie erklärte, welche Ziele sie sich für ihre Arbeit gesetzt hat: „Ich sehe die kontinuierliche Weiterentwicklung des Erreichten als meine vorrangige Aufgabe an“, sagte sie. Zudem wolle sie überlegen, wie man stärker die Sicht der Patienten in die Prozesse der Qualitätssicherung einbringen könne. Die frühere Chefin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mahnte auch, dass mehr über die Arbeit des G-BA in der Öffentlichkeit bekannt werden müsse. So wolle sie sich künftig dafür einsetzen, dass das Gremium aus dem Ruf des „geheim tagenden Zirkels“ herauskomme.

Rebecca Beerheide, Falk Osterloh

Externe stationäre Qualitätssicherung

Seit 1996 sind Ärztinnen und Ärzte in Deutschland verpflichtet, im Rahmen der externen stationären Qualitätssicherung qualitätsrelevante Daten zu dokumentieren. Im vergangenen Jahr taten sie dies anhand von 242 Qualitätsindikatoren aus acht Versorgungsbereichen. Dazu kommen 29 Indikatoren, die im Rahmen der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung sowohl von Klinik- als auch von niedergelassenen Ärzten erhoben wurden. Die Daten werden auf Bundesebene vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz (IQTIG) und auf Landesebene von speziellen Geschäftsstellen für Qualitätssicherung ausgewertet.

Liegen die Krankenhäuser außerhalb des jeweiligen Referenzbereiches, können sie im Rahmen eines sogenannten Strukturierten Dialogs in Stellungnahmen erklären, wie es zu der Abweichung gekommen ist. Können die Krankenhäuser den bewertenden Expertengremien nicht ausreichend darlegen, wie es zu den Abweichungen kam, werden Qualitätsverbesserungsmaßnahmen wie kollegiale Gespräche oder Begehungen durchgeführt und Zielvereinbarungen getroffen. Stellen die Expertengremien Qualitätsdefizite fest, die in vielen Krankenhäusern vorliegen, bestimmen sie zudem einen besonderen Handlungsbedarf. Im Jahr 2017 wurde bei zehn Indikatoren ein solcher Bedarf festgestellt, zum Beispiel bei der „Bestimmung der Atemfrequenz bei Aufnahme“ im Bereich der ambulant erworbenen Pneumonie.

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