ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2018Publikationen in Räuberzeitschriften: Verharmlost und heruntergespielt

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Publikationen in Räuberzeitschriften: Verharmlost und heruntergespielt

Dtsch Arztebl 2018; 115(40): A-1746 / B-1469 / C-1455

Antes, Gerd

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Im Juli 2018 deckten Journalisten auf, dass etwa 5 000 deutsche Forscher ihre Studien bei Fake-Verlagen publiziert haben sollen. Open Access und Peer-Review-Verfahren standen kurzzeitig unter Beschuss – der Imageschaden in Deutschland blieb aus.

Foto: Medienzentrum Universitätsklinikum Freiburg
Foto: Medienzentrum Universitätsklinikum Freiburg

Eine sechsmonatige Recherchearbeit einer Medienallianz aus NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung kommt zu dem Schluss: Weltweit sollen Forscher mehr als 400 000 wissenschaftliche Studien in „Predatory Journals“ publiziert haben. Allein bei den fünf wichtigsten Raubverlagen sollen sich die Publikationen seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht haben. Im Deutschen wurde dafür der Begriff Pseudo- oder Räuberzeitschriften eingeführt, was auf eine Fehlentwicklung hinweist vom Lizenzmodel hin zu Open Access (OA). Dieser Wandel bedeutet eine Umstrukturierung des Publikationsprozesses, in der die Finanzierung von Veröffentlichungen von Lesern zu Autoren wechselt.

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Im „alten” Lizenzmodel lieferte der Wissenschaftler seine Forschungsergebnisse inklusive des Urheberrechts an eine Zeitschrift. Um hohe Qualität zu erreichen und zu garantieren, werden Manuskripte im Peer Review durch Fachkollegen begutachtet und oft erst nach mehrfachem Austausch zwischen Autoren und Gutachtern publiziert. Diese Form der Qualitätssicherung ist mit vielfachen Mängeln behaftet, wie sie in einer Fülle von empirischen Studien wie auch auf dem alle vier Jahre stattfindenden Peer Review Congress der nordamerikanischen Zeitschrift JAMA offengelegt werden. Das Verfahren gilt jedoch weiterhin als alternativlos. Im etablierten Lizenzmodell zahlt die Leserschaft, nicht der Autor. Die hohen Kosten für die Lizensierung, kontinuierlich erhöht durch einen jährlichen Inflationsausgleich von bis zu sieben Prozentselbst zu Zeiten ohne Inflation, stehen vor allem im öffentlich finanzierten Raum seit Jahren zu Recht unter massiver Kritik. Sie betrifft vor allem die doppelte Zahlung aus öffentlichen Mitteln: für die Forschungsarbeit selbst und auch noch für die Nutzbarkeit der Ergebnisse.

Vor diesem Hintergrund wurde seit circa 20 Jahren die Forderung nach Open-Access-(OA-)Modellen immer lauter. Während daraus auf der einen Seite die politisch motivierte Forderung nach selbstständigen Veröffentlichungen (verlagsfrei) im Internet folgten, realisierten Verlage wie Public Library of Science (PLoS) oder BioMed Central (BMC) das alte Modell mit Peer Review. Die Finanzierung erfolgte dabei jedoch über die Autorengebühr (bei PLoS zwischen 1 595 US-Dollar und 3 000 US-Dollar pro Artikel). Dieser Wandel beeinflusst die Qualitätssicherung der Artikel fundamental. Während im Lizenzmodell eine hohe Ablehnungsrate von bis zu 95 Prozent ihre Qualität belegt, wirkt auf der Seite von OA ein gegenteiliger Mechanismus. Da jeder Artikel Einkommen schafft, geht der Qualitätsanspruch vor allem in elektronischen Zeitschriften ohne Platzbeschränkung im Widerspruch zur Mengenausweitung auf Kosten der Qualität.

Genau an dieser Schnittstelle setzte die geradezu vorhersagbare Fehlentwicklung ein, in der neben seriösen Verlagen neue Zeitschriften entstanden, die jegliche Qualitätsansprüche fallen ließen. Unter Vortäuschung von Peer Review, seriöser Herausgeberschaft und sonstiger Kennzeichen hochwertiger Zeitschriften verfolgten sie nur das Ziel, Einkommen zu generieren. Diese circa 2008 beginnende Entwicklung ist untrennbar mit dem Bibliothekar Jeffrey Beall verbunden, der solche unlauteren Zeitschriften ab 2012 in Bealls Liste bis 2016 dokumentierte.

Die Arbeit des deutschen Medienverbunds erfuhr weltweit große Aufmerksamkeit, wurde in einigen Ländern aufgegriffen und lokal reproduziert. In Deutschland gab es ein breites Spektrum an Reaktionen, in dem das Herunterspielen und Verharmlosen auffällig dominierten. Die Zahlen wurden unter anderem von Forschern einiger deutscher Universitäten angezweifelt, auf den geringen Prozentsatz der Wissenschaftler hingewiesen, die Problematik für irrelevant erklärt oder aber mit dem hohen Publikationsdruck gerechtfertigt. Dass dadurch der bereits ramponierte Ruf der Wissenschaft noch weiter beschädigt wird, wurde kaum betont. Selbst die Stellungnahme der Leopoldina übersieht den Eigenanteil der Wissenschaftler, die nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind.

Räuberjournale sind die Folge des Missbrauchs der Open-Access-Entwicklung. Eine neue Dynamik ist am 4. September 2018 durch die Forderung vom Europäischen Forschungsrat und von elf Forschungsförderern (ohne Deutschland) hinzugekommen, Ergebnisse öffentlich geförderter Projekte ab Beginn 2020 nur noch in OA-Zeitschriften zu veröffentlichen. Was das für die Qualität der Publikationen bedeutet, lässt sich gegenwärtig kaum abschätzen.

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Avatar #539999
klausenwächter
am Samstag, 6. Oktober 2018, 20:30

Wer bellt da?

Da jault der Köter, dem der Knochen gestohlen worden ist.

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