ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2018Telepathologie: Der Befund aus der Ferne

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Telepathologie: Der Befund aus der Ferne

Dtsch Arztebl 2018; 115(40): A-1748 / B-1470 / C-1456

Drescher, Sebastian

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In Entwicklungsländern gibt es kaum Pathologen. Deutsche Fachärzte versuchen, über das Internet auszuhelfen – und stoßen dabei auf einige Hürden.

Bilder für den Arzt in Deutschland: Theresia Boniface Mrema, Laborantin am Health Center in Sanya Juu, digitalisiert mit einem Scanner eine Gewebeprobe. Fotos: Roland Brockmann
Bilder für den Arzt in Deutschland: Theresia Boniface Mrema, Laborantin am Health Center in Sanya Juu, digitalisiert mit einem Scanner eine Gewebeprobe. Fotos: Roland Brockmann

Schwester Theresia Mrema legt die Glasplättchen mit den Proben in den Scanner ein und schließt die Klappe. Am Vortag hat die Laborantin die Gewebeprobe geschnitten, gewachst und eingefärbt. Auf einem Bildschirm neben dem Scanner baut sich langsam das Bild der Zellen auf. Mrema tippt Patientendaten und Angaben zu den klinischen Symptomen in eine Eingabemaske. Sie wählt sich in das WLAN des Buschkrankenhauses ein – und schickt die Bilder per Mausklick aus dem Norden Tansanias um die Welt.

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Mrema ist eine von 24 Krankenschwestern, die das Charlotte Health Center in Sanya Juu betreiben.
Sie kümmern sich um Patienten aus den umliegenden Massai-Dörfern, behandeln Infektionskrankheiten und entbinden Schwangere – einen Arzt oder gar Spezialisten gibt es hier nicht. Wenn die Schwestern nicht weiterwissen, holen sie sich Rat über das Internet. Auf einem Hügel im Schatten des Kilimandscharo haben sie dafür einen Funkmast aufstellen lassen.

Aus Monaten werden Tage

„Die Telepathologie kann Leben retten“, erklärt Josepha Mtenga, die Leiterin der Gesundheitsstation, die in den 1970er-Jahren vom deutschen Heilig-Geist-Orden mit Sitz in Hessen aufgebaut wurde. 2014 hat das Center einen Operationssaal eingerichtet. Seitdem sei der Rat aus der Ferne noch wichtiger geworden, berichtet Mtenga. Als Assistant Medical Officer führt sie einfache Operationen wie Kaiserschnitte durch, für kompliziertere Eingriffe kommt an den Wochenenden ein Chirurg aus einem größeren Krankenhaus.

Um festzustellen, ob entnommenes Gewebe gut- oder bösartig ist, mussten die Schwestern die Proben früher per Post an einen Pathologen in der nächsten Stadt schicken. Die Antwort sei oft erst Monate später gekommen. Zu spät für manche Patienten. „Über das Internet haben wir den Befund heute innerhalb weniger Tage“, sagt Mtenga. So wie im Fall von Dixon Kessy. Dem 28-Jährigen haben die Schwestern knapp zwei Wochen zuvor einen faustgroßen Kropf entfernt. Der Befund ist negativ, die Schwestern können ein Schilddrüsenkarzinom ausschließen. Sie verschreiben Kessy Medikamente, um die vermutlich durch Jodmangel ausgelöste Überfunktion (Hyperthyreose) zu behandeln.

Während die medizinische Versorgung in der Breite besser wird, ist der Mangel an Fachärzten in Entwicklungsländern noch immer groß. Die Folge: Erkrankungen werden oft nicht richtig diagnostiziert und deshalb falsch behandelt. Wissenschaftler am National Cancer Institute an der University of Oxford schätzen die Zahl der Pathologen in Afrika südlich der Sahara auf einen pro eine Million Patienten. In Tansania kommen auf 55 Millionen Einwohner 20 Pathologen, die ausschließlich in den wenigen großen Städten tätig sind. Weil der Anschluss an das Internet auch in ländlichen Regionen besser wird, gelten Ferndiagnosen als vielversprechende Innovation.

40 000 Euro für Telemedizin

Davon ist zumindest Prof. Dr. med. Peter Josef Klein überzeugt. Der pensionierte Pathologe aus Kelkheim unterstützt die Schwestern in Sanya Juu seit einigen Jahren – gemeinsam mit anderen Rotariern vom RC Kronberg. „Wir wollten Schritt für Schritt die Strukturen vor Ort verbessern“, erklärt Klein. Also half man erst beim Bau einer Solaranlage, um die häufigen Stromausfälle auszugleichen, dann bei der Einrichtung des OPs und schließlich bei der Anschaffung eines digitalen Röntgengeräts und der Ausstattung des Labors. 40 000 Euro haben allein die Geräte für die Telepathologie gekostet. Das Geld dafür hat Klein beim Entwicklungsministerium beantragt, ein Drittel haben mehrere Rotarier-Klubs in Hessen gesponsert. Heute erreichen den 76-Jährigen regelmäßig Bilder histologischer Schnitte aus Sanya Juu. Mit der Qualität der Bilder ist Klein nicht immer zufrieden: Die Schnitte und die Färbung seien teilweise nicht sauber ausgeführt, das erschwere eine verlässliche Diagnose.

Vorbereitung der Ferndiagnose: Dr. Hussein Mjaliwa muss unter dem Mikroskop aussagekräftige Zellbereiche auswählen, fotografieren und am angeschlossenen Laptop bearbeiten.
Vorbereitung der Ferndiagnose: Dr. Hussein Mjaliwa muss unter dem Mikroskop aussagekräftige Zellbereiche auswählen, fotografieren und am angeschlossenen Laptop bearbeiten.

Bei den Pathologen von iPath kennt man das Problem. Über das geschlossene Online-Forum beraten rund 50 Pathologen aus Deutschland und der Schweiz Kliniken in 35 Entwicklungsländern: Im Schnitt beurteilen sie pro Tag 60 Fälle, meist innerhalb von 24 Stunden. Die Pathologen arbeiten ehrenamtlich, viele von ihnen sind Ruheständler. „Mit der Telemedizin können wir aus der Ferne helfen, auch in abgelegenen Gegenden und Krisenregionen“, meint Dr. med. Gerhard Stauch, der das Netzwerk mit aufgebaut hat. Für die anderen iPath-Pathologen hat der 75-Jährige Länderprofile erstellt. Sie sollen bei der Diagnose helfen und bei der Einschätzung, welche Behandlung überhaupt möglich ist. Zum Einsatz kommt meist die Zytodiagnostik. Dabei werden Gewebe-, Blutproben oder Abstriche aufbereitet, gefärbt und unter einem Mikroskop fotografiert. Stauch nimmt in Kauf, dass die Bilder eine weniger genaue Diagnose erlauben als gescannte Querschnitte, etwa wenn es darum geht, Tumortypen oder deren Malignitätsgrad zu bestimmen. Für viele Kliniken sei es aber schon ein großer Fortschritt, überhaupt zwischen einer gut- und einer bösartigen Erkrankung unterscheiden zu können, meint Stauch.

Ohne Tücken ist aber auch die Zytologie nicht. „Man muss sich dahinterklemmen“, meint Bruder Dr. med. Jesaja Sienz. Der deutsche Arzt leitet seit 2016 die Abteilung für Innere Medizin am Benedikti-nerkrankenhaus in Ndanda, einer Kleinstadt im Süden Tansanias. Zwei bis drei Anfragen schickt er jede Woche an die iPath-Pathologen. Wenn Sienz in einigen Jahren zurückgeht, sollen das die Ärzte übernehmen, die er in den Abläufen geschult hat. Dabei müssen die Mediziner aussagekräftige Zellbereiche auswählen und die Bilder auf dem angeschlossenen Laptop bearbeiten. Sienz hat beobachtet, dass die Ärzte bei Patienten oft vorschnell von einer Malaria ausgehen, ohne andere Ursachen auszuschließen. Dass sich einer die Zeit nehme und sich intensiv mit einem Fall beschäftige, sei leider selten. Und selbst wenn: Dank der Ferndiagnose kann Sienz zwar Krebserkrankungen erkennen, behandeln kann er sie oft nicht. Dafür muss er die Patienten an eines der großen Krankenhäuser in Daressalam überweisen, rund 550 Kilometer entfernt. Die Fahrt mit dem Bus ist teuer, die Patienten müssen sich eine Bleibe suchen und jemanden, der sie begleitet. Nur jeder Zweite nehme die Reise auf sich.

Tumorkonferenz via Skype

In der Telemedizin sieht der Internist trotzdem großes Potenzial. Sie ermögliche es, überhaupt eine Diagnose zu stellen. Auch zur Früherkennung, etwa bei Gebärmutterhalskrebs. Werde die Krankheit frühzeitig erkannt, könne sie in der Klinik behandelt werden. Es brauche aber genügend Pathologen, um die Abstriche zu beurteilen. Stauch und seine Kollegen engagieren sich deshalb in der Ausbildung. Sie versuchen Kooperationen zwischen deutschen und ausländischen Kliniken anzuschieben, um junge Pathologen in Deutschland auszubilden. Und sie geben ihr Wissen weiter. Zum Beispiel in virtuellen Tumorkonferenzen, bei denen sie via
Skype mit den Ärzten vor Ort die Bilder besprechen.

Die Schwestern in Sanya Juu gehen einen anderen Weg. Sie wollen nach und nach unabhängig werden von den Deutschen. Seit einigen Monaten haben sie Kontakt zu einem jungen Pathologen im Land. Er will ihre Anfragen künftig über das Internet bearbeiten. Sebastian Drescher

Die Recherche wurde durch ein Stipendium des European Journalism Centre (EJC) ermöglicht. 

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