ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 2/2018Statine im hohen Alter: Vorteile für Typ-2-Diabetes

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Statine im hohen Alter: Vorteile für Typ-2-Diabetes

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): [16]; DOI: 10.3238/PersDia.2018.10.12.03

Meyer, Rüdiger

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Ist es sinnvoll, hochbetagte Menschen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen mit einem Statin zu behandeln? In einer retrospektiven Kohortenstudie wurde nur bei Patienten mit Typ-2-Diabetes eine verminderte Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefunden.

Statine können das Fortschreiten einer Atherosklerose verlangsamen und dadurch einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorbeugen. Für Menschen – auch solche über 65 Jahre –, die bereits andere Herz-Kreislauf-Ereignisse erlitten haben, ist eine Sekundärprävention belegt. Für die Primärprävention wird der mögliche Nutzen derzeit in einer großen randomisierten klinischen Studie untersucht. Die Ergebnisse der australischen STAREE-Studie werden jedoch erst 2022 vorliegen.

Derzeit können die Auswirkungen einer Therapie nur aus epidemiologischen Studien abgeschätzt werden. Rafel Ramos von der Universität in Girona und Mitarbeiter haben jetzt Daten der spanischen Datenbank SIDIAP-Q von 46 864 Hausarztpatienten ausgewertet, die zwischen Juli 2006 und 2007 ein Alter von über 75 Jahren erreicht hatten und bisher frei von kardialen Erkrankungen waren. Darunter waren 7 502 Patienten, bei denen mit einer Statintherapie neu begonnen wurde. Endpunkt war die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den folgenden 5,6 Jahren.

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Ramos teilte die Patienten nach dem Alter in 2 Gruppen: Die 75 bis 84 Jahre alten Patienten wurden den älteren gegenübergestellt. Außerdem wurden die Patienten danach unterteilt, ob sie an einem Typ-2-Diabetes litten oder nicht. In der Gruppe der Diabetespatienten kam es nach der Statinverordnung um 24 % seltener zu einer atherosklerotischen Erkrankung als bei Patienten ohne Statine (HR 0,76; 95-%-KI 0,65–0,89). Die Gesamtsterblichkeit war um 16 % niedriger (HR 0,84; 0,75–0,94).

Keine Hinweise auf erhöhtes Risiko

Für die 3 anderen Gruppen – Typ-2-Diabetiker ab 85 Jahre und Senioren ohne Diabetes in den beiden Altersgruppen – war keine signifikante Schutzwirkung erkennbar. Ramos rät deshalb bei den „jüngeren“ Typ-2-Diabetikern zu einer primärpräventiven Gabe von Statinen, zumal die Behandlung sich als gut verträglich erwiesen hat. Die Analyse der SIDIAP-Q lieferte keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko von Myopathien, Lebertoxizitäten oder einem Anstieg des Typ-2-Diabetes, der wichtigsten Risiken und Nebenwirkungen einer Statintherapie.

Retrospektive Analysen sind mit einer Reihe von Verzerrungen verbunden. Sie könnten sich in der aktuellen Studie daraus ergeben, dass sich die Patienten, die Statine erhielten, von den anderen unterschieden. Dies war nicht nur bei den Cholesterinwerten der Fall, deren Erhöhung in der Regel den Einsatz auslöst. Auffallend ist, dass den Patienten, die mit Statinen behandelt wurden, auch häufiger ASS und NSAID, Blutdruckmedikamente und Antidiabetika verschrieben wurden. Diese Unterschiede lassen sich mit statistischen Mitteln korrigieren, es bleibt jedoch immer die Möglichkeit, dass andere Unterschiede (Lebensstil, Ethnik) nicht erfasst wurden. Die niedrigere Sterblichkeit könnte dann andere Gründe als die Statingabe haben. Es ist auch möglich, dass ein Nutzen in den anderen Gruppen übersehen wurde.

Unwägbarkeiten der Studie

Aus diesem Grund fielen die Reaktionen der Experten auf die Studie reserviert aus. Der Kardiologe Oliver Weingärtner vom Universitätsklinikum Jena vermisst detaillierte Angaben zum Ausgangsrisiko der Patienten, von denen die Indikation für die Statingabe abhänge. Deren Ergebnisse würden wesentlich von der Einnahmetreue der Patienten beeinflusst, die in der Studie ebenfalls nicht berücksichtigt wurde. Philipp von Hundelshausen vom Institut für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten am Klinikum der Universität München hält die Ergebnisse für fraglich, weil trotz der Gesamtkohorten von fast 47 000 Patienten die Zahl der über 85-Jährigen, die mit Statinen behandelt wurden, mit 743 in der Gruppe ohne Diabetes und mit nur 201 in der Gruppe mit Diabetes sehr gering war.

Beide Experten sind allerdings der Ansicht, dass das Thema wegen der zunehmenden Zahl von älteren Menschen wichtig ist. Die derzeitigen Leitlinien sind in ihren Empfehlungen zurückhaltend. Mangels Wirksamkeitsbelegen hält die European Society of Cardiology eine Therapie nur bis zum Alter von 65 Jahren für sinnvoll.

DOI: 10.3238/PersDia.2018.10.12.03

Rüdiger Meyer

Quelle: Ramos R, Comas-Cufí M, Martí-Lluch R, et al.: Statins for primary prevention of cardiovascular events and mortality in old and very old adults with and without type 2 diabetes: retrospective cohort study.
BMJ 2018; 362: k3359. doi: https://doi.org/10.1136/bmj.k3359.

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