ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 2/2018Senioren mit Diabetes: Lebensqualität vor strenger Blutzuckereinstellung

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Senioren mit Diabetes: Lebensqualität vor strenger Blutzuckereinstellung

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): [4]; DOI: 10.3238/PersDia.2018.10.12.01

Eckardt-Felmberg, Rahel

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Eine einfache und praktikable Medikation mit keinem oder nur einem geringen Hypoglykämiepotenzial steht bei älteren Patienten im Vordergrund. Die Erfassung der funktionellen und kognitiven Fähigkeiten oder Einschränkungen ist maßgeblich für die weitere Therapieplanung.

Foto: Julien Eichinger stock.adobe.com
Foto: Julien Eichinger stock.adobe.com

Die Zahl der Diabetiker in Deutschland wird auf 6–10 Millionen Menschen geschätzt, davon ist die Hälfte älter als 65 Jahre. Ältere Diabetiker sind einerseits durch die Symptome der Hyperglykämie gefährdet, andererseits sind durch Großstudien wie ADVANCE und ACCORD auch die Risiken einer zu strengen Blutzuckersenkung bekannt (1, 2). So zeigte sich gerade bei älteren Diabetikern mit länger bestehendem Diabetes und bereits vorliegenden kardiovaskulären Komorbiditäten eine Zunahme schwerer Hypoglykämien mit einer Übersterblichkeit bei zu intensiv therapierten Patienten.

Anzeige

Hypoglykämien führen zu einem erhöhten Sturz- und Unfallrisiko, sie erhöhen das Risiko einer Demenz und können gefährliche Herzrhythmusstörungen provozieren. Die Vermeidung von Hypoglykämien stellt daher ein höherrangiges Therapieziel dar.

Bei der Festlegung des Therapieziels sollten die Wünsche des Patienten, Alter und Lebenserwartung, Diabetesdauer, Komorbiditäten, funktionelle Einschränkungen und die Selbsthilfefähigkeit berücksichtigt werden (3) (Grafik).

Individualisierte Therapie des Typ-2-Diabetes
Individualisierte Therapie des Typ-2-Diabetes
Grafik
Individualisierte Therapie des Typ-2-Diabetes

Komplexe Therapieschemata, Multimedikation und der damit verbundene Zeitaufwand führen zu einem Verlust an Lebensqualität. Diabetische Spätkomplikationen wie diabetische Nephropathie, Neuropathie, Retinopathie und diabetisches Fußsyndrom können den älteren Diabetiker durch Einschränkungen der Mobilität, erhöhte Sturzgefahr, Inkontinenz, Erblindung sowie Amputationen gefährden und dadurch die Lebensqualität zusätzlich beeinträchtigen. Es liegt in der Verantwortung der Behandler, die Therapieziele und Behandlungsmaßnahmen mit Blick auf eine möglichst gute Lebensqualität individuell mit dem Patienten abzustimmen. Eine einfache und praktikable Medikation mit keinem oder nur einem geringen Hypoglykämiepotenzial steht hierbei im Vordergrund (4).

Funktionellen Status eruieren

Für eine differenzierte Therapieplanung ist die Einteilung älterer Menschen nach ihrem funktionellen Status empfehlenswert:

  • Go-go-Patienten sind ältere, aber biologisch jüngere, gesund alternde Patienten mit wenigen Begleiterkrankungen und ohne relevante funktionelle Einschränkungen. Ihnen sollte Leitlinienkonform das gesamte Therapiespektrum zur Verfügung stehen.
  • Slow-go-Patienten sind gebrechliche ältere Menschen mit mehreren Begleiterkrankungen und funktionellen Einschränkungen, bei denen individualisierte Therapiekonzepte maßgeblich sind.
  • No-go-Patienten sind multimorbide ältere Menschen mit schweren Einschränkungen und limitierter Lebensprognose, zum Beispiel terminalen Organinsuffizienzen, schwerer Demenz oder malignen Erkrankungen im Endstadium. Sie sind auf ständige Betreuung angewiesen.

In Bezug auf die Diabetestherapie sollten funktionell und geistig rüstige ältere Diabetiker entsprechend nichtgeriatrischer Leitlinien auf einen strengeren HbA1c-Wert von 6,5–7 % eingestellt werden, während bei gebrechlichen älteren Diabetikern ein HbA1c-Wert zwischen 7 und 8 % anzustreben ist und symptomorientierte Therapieprinzipien sowie der Erhalt der Lebensqualität in den Vordergrund rücken. Dabei kommt der Vermeidung von Hypoglyk-ämien in der Regel die höchste Priorität zu.

In Einzelfällen kann bei gebrechlichen älteren Menschen eine intensivere Blutzuckereinstellung erforderlich sein, wenn durch Folgeerkrankungen der funktionelle Status und damit die Lebensqualität bedroht sind (z. B. drohende Amputation bei diabetischem Fußsyndrom).

Einen HbA1c-Wert über 8 % gilt es zu vermeiden, da Hyperglykämien zu Schwäche, Polyurie, Dehydratation und vermehrten Infekten führen und damit die Lebens

Therapieempfehlungen für ältere Diabetiker nach funktionellem Status
Therapieempfehlungen für ältere Diabetiker nach funktionellem Status
Tabelle 1
Therapieempfehlungen für ältere Diabetiker nach funktionellem Status
qualität älterer Menschen beeinträchtigen können. In Tabelle 1 sind die Therapieempfehlungen nach dem jeweiligen funktionellen Status dargestellt (5).

Geriatrisches Assessment

Zur Erfassung funktioneller Einschränkungen und somit zur Überprüfung, ob ältere Patienten zur Selbstkontrolle ihres Diabetes in der Lage sind, empfiehlt sich die Durchführung eines geriatrischen Assessments (6). Verschiedene Assessmentinstrumente eignen sich besonders gut für den älteren Patienten mit Diabetes:

  • Mit dem Barthel-Index werden die Aktivitäten des täglichen Lebens erfasst.
  • Für den Bereich Mobilität und Sturzgefahr weist der Timed Up & Go-Test eine hohe Aussagekraft auf.
  • Zum Screening einer Depression eignet sich die Geriatrische Depressionsskala.
  • Der Mini Mental Status Test (MMST) ermöglicht eine erste Einschätzung der kognitiven Funktionen.

Ergänzend hilfreich ist der Uhrentest, mit dem sich Defizite in der räumlichen Vorstellungs- und Darstellungskraft sowie der Fähigkeit des Problemlösens feststellen lassen.

Ältere Diabetiker mit kognitiven Einschränkungen haben ein 3-fach erhöhtes Risiko für schwere Hypoglykämien, zudem führt eine schlechte Blutzuckereinstellung verstärkt zu kognitiven Beeinträchtigungen. Insofern ist die Erfassung der kognitiven Probleme maßgeblich für die weitere Therapieplanung und Therapietreue (7, 8). Der Geldzähltest gibt eine gute Orientierung darüber, ob Nahvisus, Feinmotorik und kognitive Leistungsfähigkeit noch ausreichen und der Patient zum Selbstmanagement seiner Insulininjektionen in der Lage ist (9).

Der EBM ermöglicht inzwischen die Abrechnung eines geriatrischen Basisassessments durch die Hausärzte sowie spezialisierter geriatrischer Abrechnungspositionen durch Ärzte mit geriatrischer Qualifikation. Gerade für den hausärztlichen Bereich ist es wichtig, anhand der Assessmentergebnisse frühzeitig Unterstützungsbedarf zu identifizieren und zu koordinieren. Im Hinblick auf mögliche Spätfolgen des Diabetes wie diabetische Nephropathie, Neuropathie, Retinopathie und diabetisches Fußsyndrom sollten Experten verschiedener Fachrichtungen möglichst Hand in Hand arbeiten sowie komplexere Therapien ganzheitlich abstimmen, da dies wesentlich zur Verbesserung der Lebensqualität gerade älterer Patienten beiträgt.

Geriatrische Syndrome

Zwischen geriatrietypischen Problemen beziehungsweise geriatrischen Syndromen und dem Diabetes bestehen wechselseitige Beziehungen, die vor allem die Bereiche Mobilität, Mangel- und Fehlernährung, Demenz, Depression und Inkontinenz betreffen. Die Bedeutung physiologischer und pathologischer Veränderungen im Alter und möglicher Folgen für die Diabetestherapie zeigt Tabelle 2 auf.

Probleme des geriatrischen Patienten und Bedeutung (Folgen) für die Diabetestherapie
Probleme des geriatrischen Patienten und Bedeutung (Folgen) für die Diabetestherapie
Tabelle 2
Probleme des geriatrischen Patienten und Bedeutung (Folgen) für die Diabetestherapie

Nichtmedikamentöse Therapie

Fehl- und Mangelernährung, Sarkopenie und Frailty sind häufig assoziierte Syndrome bei älteren Diabetikern. Die Vermeidung von Unterernährung und Malnutrition gilt als wichtiges Therapieziel, leichtes Übergewicht ist gerade bei multimorbiden Patienten zu bevorzugen. Komorbiditäten (z. B. Fettstoffwechselstörungen), Patientenwünsche und Verzehrgewohnheiten sowie die Lebensqualität sollten bei den Empfehlungen zur Ernährung berücksichtigt werden, dabei kommt der Prävention von Hypoglyk-ämien eine besondere Rolle zu. Eine universelle beziehungsweise spezielle Diabetesdiät gibt es nicht. Grundsätzlich wird eine ausgewogene, energiemodifizierte, ballaststoffreiche Mischkost empfohlen, gegebenenfalls ist eine Supplementation von Protein sowie Mikronährstoffen sinnvoll (11).

Bewegung ist eine der Hauptsäulen der nichtmedikamentösen Therapie des älteren Diabetikers. Begleitend ist eine regelmäßige körperliche Aktivität auch für die Prophylaxe anderer Erkrankungen empfehlenswert, zum Beispiel Sturzsyndrom, Osteoporose, Hypertonie und Demenz (4). Hierbei sollte zunächst eine Steigerung der Alltagaktivitäten (Spazierengehen, Treppensteigen, Gartenarbeit etc.), wenn möglich auch ein Training von Kraft und Ausdauer sowie Koordination und Gleichgewicht angestrebt werden. Körperliche Einschränkungen und eine erhöhte Sturzgefahr müssen bei den Therapieempfehlungen mit berücksichtigt werden.

Grundsätze der Medikation

Komplexe, gesundheitliche Probleme im Rahmen der Multimorbidität stellen hohe Anforderungen an die Diabetestherapie des älteren Patienten. Medikamente mit guter Verträglichkeit, wenig Nebenwirkungen, vor allem einer geringen/keiner Hypoglykämiegefahr sowie Gewichtsneutralität sind zu bevorzugen. Auf einfache Handhabung und seniorengerechte Darreichungsformen sollte geachtet werden.

Nachfolgend werden die Besonderheiten oraler Antidiabetika (OAD) sowie der Insulintherapie erläutert, wobei der patientenzentrierten und individualisierten Therapie Rechnung getragen wird.

Orale Antidiabetika

Die medikamentöse Therapie des Diabetes mellitus Typ 2 beginnt mit oralen Antidiabetika. Die Besonderheiten fasst Tabelle 3 zusammen.

Besonderheiten oraler Antidiabetika im Alter
Besonderheiten oraler Antidiabetika im Alter
Tabelle 3
Besonderheiten oraler Antidiabetika im Alter

Metformin gilt auch im Alter als Medikament der ersten Wahl. Metformin darf inzwischen bis zu einer GFR von 30 ml/min dosisadaptiert eingesetzt werden (12). Besondere Vorsicht ist geboten in Situationen, in denen es zu einer Einschränkung der Nierenfunktion kommen kann, zum Beispiel bei Exsikkose, Behandlung mit Diuretika oder nichtsteroidalen Anti-phlogistika sowie im Rahmen von Infektionen. In der Praxis beachtet werden sollte, dass Metformin die intestinale Absorption von Vitamin B12 und Folsäure vermindert; dies kann gerade bei Patienten, die zusätzlich Säuresuppressionshemmer einnehmen, zu Mangelerscheinungen führen.

Die Klasse der DPP-4-Hemmer (Gliptine) eignet sich für ältere Patienten besonders gut, da nahezu kein Hypoglykämierisiko besteht und die Verträglichkeit auf Placeboniveau liegt (13). Ihr Vorteil besteht ferner darin, dass sie dosisadaptiert bis zur terminalen Niereninsuffizienz zugelassen sind. Zudem kommt es im Vergleich zu anderen Substanzklassen zu keinem nennenswerten Gewichtsverlust, was gerade für geriatrische Patienten als weiterer Vorteil anzusehen ist (14).

Der Einsatz von SGLT2-Hemmern, auch Gliflozine genannt, empfiehlt sich nach der aktuellen Studienlage bei Patienten mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung; sie zeigen eine signifikante Reduktion für kardiovaskuläre Mortalität, Gesamtmortalität und Krankenhausbehandlung. Als maßgeblich für den Substanzeffekt werden neben einer Abnahme des HbA1c eine Senkung des Blutdrucks und Gewichts sowie eine positive Beeinflussung der endothelialen Dysfunktion vermutet (15).

Zu beachten ist, dass die Wirkung der SGLT2-Hemmer bei einer GFR von 60–45 ml/min nachlässt und die Dosis reduziert werden muss; unter einer GFR von 45 ml/min dürfen sie nicht mehr angesetzt werden. Durch die vermehrte Glukoseausscheidung von circa 70–90 g pro Tag besteht ein erhöhtes Risiko für urogenitale Infektionen und Mykosen, zudem kommt es durch die Glukosurie zu einem Gewichtsverlust von im Mittel 2–4 kg, der gerade bei hochaltrigen Patienten nicht erwünscht ist.

Die jahrzehntelang eingesetzten Sulfonylharnstoffe sollten bei älteren Patienten nicht mehr zum Einsatz kommen; sie bergen eine große Gefahr für langanhaltende Hypoglykämien, eine kardiovaskuläre Übersterblichkeit ist durch Studien belegt (16).

Glinide spielen aufgrund ihres limitierten Verordnungsstatus, Alpha-Glukosidase-Hemmer aufgrund ihrer begrenzten Wirksamkeit und ihres Nebenwirkungsprofils keine Rolle mehr in der Therapie älterer Patienten.

Der Einsatz von GLP-1-Analoga (Inkretinmimetika) tritt aufgrund der hohen Kosten, gastrointestinaler Nebenwirkungen sowie des unterwünschten Gewichtsverlustes bei älteren Patienten eher in den Hintergrund. Zudem fehlen Studien für den Einsatz im höheren Lebensalter.

Aus der Gruppe der Insulinsensitizer ist nur noch Pioglitazone auf dem Markt. Unerwünschte Wirkungen wie Flüssigkeitsretention, Gewichtszunahme und Leberfunktionsstörungen sowie ein erhöhtes Risiko für Blasenkrebs und distale Frakturen bei Frauen begrenzen ihren Einsatz bei älteren Patienten.

Insulintherapie

Eine Insulintherapie sollte begonnen werden, wenn durch modifizierte Ernährungstherapie und/oder orale Antidiabetika das individuelle Therapieziel nicht erreicht werden kann (in der Regel bei einem HbA1c > 8 %), siehe Tabelle 4.

Indikationen für Insulintherapie
Indikationen für Insulintherapie
Tabelle 4
Indikationen für Insulintherapie

Für geriatrische Patienten bietet die Insulintherapie den Vorteil einer anabolen Stoffwechselsituation mit positiven Wirkungen auf Kraft und Koordination (Gewichtszunahme, Muskelaufbau) sowie Kognition (17).

Um das Hypoglykämierisiko zu reduzieren, ist ein möglichst einfaches Schema mit wenigen Injektionen zu bevorzugen.

Vor Einleitung einer Insulintherapie empfiehlt sich bei noch selbstständig sich versorgenden älteren Diabetikern ein Schulungsprogramm wie die SGS (strukturierte geriatrische Schulung) zu absolvieren. Diese soll den Patienten durch Anpassung an feinmotorische, sensorische und kognitive Einschränkungen die Durchführung einer selbstständigen Diabetestherapie ermöglichen und damit ihre Lebensqualität erhöhen (18).

Alle Insulintherapien weisen Vor- und Nachteile auf bezüglich Komplexität, Compliance und Hypoglykämiegefahr, sodass für jeden Patienten individuell die passende und akzeptable Therapieform gewählt werden sollte (4). Für die Insulintherapie im Alter kommen folgende Strategien in Betracht:

Konventionelle Insulintherapie (CT): Gabe von Mischinsulin vor dem Frühstück und Abendessen, meist 2/3 morgens, 1/3 abends – für Patienten mit regelmäßiger Nahrungszufuhr und gleichbleibender körperlicher Aktivität geeignet. Einfach zu handhaben, daher in der Versorgungsrealität häufiger Einsatz.

Bed-Time-Insulin: Basalinsulin (NPH-Insulin) vor dem Schlafengehen gegen 22 bis 23 Uhr; für viele Ältere oft zu spät, daher nur bei Selbstapplikation, Gabe durch Angehörige oder in Pflegeheimen sinnvoll. Nüchternblutzucker sollte > 100 mg/dl liegen. Guter Einstieg in die Insulintherapie.

Lang wirksames Analoginsulin: Insulin glargin oder Insulin detemir morgens, kann gut durch ambulanten Pflegedienst verabreicht werden. Cave: Hypoglykämiegefahr, wenn Patient tagsüber nichts isst.

BOT (basalorientierte Therapie): Insulin glargin morgens plus Metformin oder DPP-4-Hemmer bei Patienten mit unzureichender Einstellung unter OAD; Vorteil: Mahlzeitenunabhängig.

Supplementäre Insulintherapie (SIT): Altinsulin oder kurz wirksames Analoginsulin zum Essen, beeinflusst vor allem die postprandiale Glukose.

Tipp: reine SIT („Zum-Essen-Insulin“) bei kognitiv fitten Patienten möglich.

Intensivierte konventionelle Therapie (ICT): Kombination von mahlzeitenbezogenem, rasch wirkendem Insulin mit 1- bis 2-mal täglicher Gabe eines langwirksamen Insulins; für geriatrische Patienten und manche ambulante Pflegedienste kaum zu bewältigen.

Postprandiale Insulingabe: postprandiale Gabe eines kurz wirksamen Analoginsulins je nach gegessener Menge durch Angehörige oder Pflegepersonal; gerade bei dementen Patienten mit unregelmäßiger Nahrungsaufnahme in Pflegeheimen sinnvoll; auch geeignet bei alt gewordenen Typ-1-Diabetikern.

Auswahl nach FORTA-Klassifikation

Zur Beurteilung von Medikamenten älterer Patienten ist die sogenannte FORTA-Liste hilfreich. Sie berücksichtigt Verträglichkeit, relative Kontraindikationen sowie Compliancefragen (19) (Tabelle 5). In dieser Positiv-/Negativliste werden 273 Medikamente in eine von 4 Kategorien eingeteilt.

FORTA-Klassifikation zu Antidiabetika
FORTA-Klassifikation zu Antidiabetika
Tabelle 5
FORTA-Klassifikation zu Antidiabetika

A-Medikamente haben den höchsten Empfehlungsgrad („absolutely“); B-Medikamente sind vorteilhaft („beneficial“), C-Medikamente weisen eine ungünstige Nutzen-Risiko-Relation für ältere Patienten auf und sollten mit Vorsicht verordnet werden („careful“), „D“ schließlich steht für „donʼt“ – diese Mittel sind kontraindiziert.

Bei den oralen Antidiabetika sind nur DPP-4-Hemmer in Kategorie-A-Bewertung eingestuft.

GLP-1- und Insulin-Analoga sowie Metformin wurden mit „B“ bewertet. Zukünftig dürfte Metformin eine A-Einstufung erhalten, wenn die aktuelle Empfehlung für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion Berücksichtigung findet (Stand: 2015 war in der FORTA-Liste noch eine GFR von mind. 45 ml/min für Metformin angegeben).

In Kategorie C sind neuere Sulfonylharnstoffderivate wie Glimepirid, ferner Acarbose, Pioglitazone und SGLT2-Hemmer eingeordnet.

In Kategorie D sind Sulfonylharnstoffderivate der 1. Generation wie Glibenclamid gelistet. Auch SGLT2-Hemmer wurden 2015 in Kategorie D eingestuft aufgrund des erhöhten Risikos für urogenitale Infektionen mit gegebenenfalls septischem und auch tödlichem Verlauf.

Die für 2019 geplante Neueinstufung mit Berücksichtigung aktueller Studiendaten bleibt abzuwarten.

Lebensqualität

Eine Untersuchung zur Compliance von Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus in primärärztlichen Praxen zeigte eine Therapietreue von 74 % bei über 70-Jährigen (20). Anderen Untersuchungen zufolge liegt die Compliance bei Langzeitverordnungen mit 50 % deutlich niedriger (21).

Funktionelle, kognitive und affektive Probleme bei älteren Diabetikern, aber auch die Therapiemaßnahmen an sich (regelmäßige Blutzuckerkontrollen, verschiedene Arzneimittel zur Behandlung des Diabetes sowie nicht selten auch mikro- und makrovaskuläre Begleiterkrankungen) beeinträchtigen die Lebensqualität und Compliance der Patienten mitunter erheblich. Der Erhalt an Lebensqualität sollte hier im Kontext der Lebenserwartung und Prognose des Patienten die maßgebliche Zielgröße darstellen.

Ein Medikationsmanagement, bei dem Ärzte, Patient, Pflegende, Therapeuten und Apotheker zusammenarbeiten und das der Multimorbidität und Polypharmazie gerecht wird, kann helfen, die Lebensqualität und Compliance zu verbessern.

Neben der gemeinsamen Medikamentenversorgung ist hierbei die frühzeitige und strukturierte Übermittlung des Unterstützungsbedarfs sowie die Heil- und Hilfsmittelversorgung zu gewährleisten.

Fazit

  • Diabetes im Alter ist häufig.
  • Bei einer sehr heterogenen Gruppe von älteren Diabetespatienten sind besonderes Augenmaß sowie geriatrische Expertise mit individuell am funktionellen Status orientierter Therapiezielfestlegung maßgeblich.
  • Mobilität und Sturzrisiko, Ernährungsstatus, Komorbiditäten wie Herz- und Niereninsuffizienz, Depression, Demenz, Inkontinenz sowie die Fähigkeit zur Selbstständigkeit sollten hierbei unter Verwendung geriatrischer Assessments patientenzentriert berücksichtigt werden.
  • Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird. Dem Erhalt der Lebensqualität kommt eine vorrangige Bedeutung zu.
  • Die medikamentöse Therapie sollte so einfach wie möglich und so intensiv wie unbedingt nötig durchgeführt werden.
  • Hypoglykämiesichere Präparate sind bevorzugt einzusetzen.
  • Fachgesellschaften empfehlen einen Zielkorridor für den HbA1c-Wert zwischen 7 und 8 %.
  • Metformin gilt als First-Line-Therapie, sonst sind DPP-4-Hemmer aufgrund ihrer guten Verträglichkeit zu bevorzugen.
  • Bei ausgewählten Patienten mit geringem Appetit und Gewichtsabnahme kann eine Insulintherapie favorisiert werden.
  • Die Individualisierung der Therapie sollte es älteren Menschen mit einem Diabetes mellitus Typ 2 ermöglichen, bis ins hohe Alter bei möglichst guter Lebensqualität optimal behandelt zu werden.

DOI: 10.3238/PersDia.2018.10.12.01

Dr. med. Rahel Eckardt-Felmberg

Chefärztin Klinik für Geriatrie;

St. Joseph Krankenhaus; Berlin

Interessenkonflikt: Die Autorin erhielt Vortragshonorare und Reisekostenerstattungen von den Firmen MSD und Lilly sowie Kongressgebührenerstattungen von MSD.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4118

1.
The ADVANCE Collaborative Group, Patel A, MacMahon S, Chalmers J, et al.: Intensive blood glucose control and vascular outcomes in patients with type 2 Diabetes. N Engl J Med 2008; 358: 2560–72 CrossRef MEDLINE
2.
The Action to Control Cardiovascular Risk in Diabetes Study Group, Gerstein HC, Miller ME, Byington RP, et al.: Effects of intensive glucose lowering in type 2 Diabetes. N Engl J Med 2008; 358 (24): 2545–59 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Inzucchi SE, Bergenstal RM, Buse JB, et al.: Management of hyperglycemia in type 2 diabetes: a patient-centered approach: position statement of the American Diabetes Association (ADA) and the European Association for the Study of Diabetes (EASD). Diabetes Care 2012; 35 (6): 1364–79 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Deutsche Diabetes Gesellschaft, AWMF: S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter, 2. Aufl., 2018. https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leitlinien/Evidenzbasierte_Leitlinien/2018/057_017_LL_Alter_Gesamtdokument_20180713.pdf (last accessed on 13 September 2018).
5.
Zeyfang A, Bahrmann A, Wernecke J: Diabetes mellitus im Alter. Diabetologie und Stoffwechsel 2016; 11 (S 02): S170–6.
6.
Araki A: Comprehensive geriatric assessment in older patients with diabetes mellitus. Nihon Rinsho 2013; 71 (11): 1907–12 MEDLINE
7.
Bruce DG, Davis WA, Casey GP, et al.: Severe hypoglycaemia and cognitive impairment in older patients with diabetes: the Fremantle Diabetes Study. Diabetologia (2009) 52: 1808–15 CrossRef MEDLINE
8.
Feil DG, Zhu CW, Sultzer DL: The relationship between cognitive impairment and diabetes self-management in a population-based community sample of older adults with Type 2 diabetes. J Behav Med 2012; 35 (2): 190–9 CrossRef MEDLINE
9.
Zeyfang A, Berndt S, Aurnhammer G, et al.: A short easy test can detect ability for autonomous insulin injection by the elderly with diabetes mellitus. J Am Med Dir Assoc 2012; 13 (1): 81 CrossRef MEDLINE
10.
Bahrmann A: Diabetes mellitus. In: Pantel J, Schröder J, Bollheimer C, Sieber C (Hrsg): Praxishandbuch der Altersmedizin. Geriatrie – Gerontopsychatrie – Gerontologie. Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2014.
11.
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE): DGE Praxiswissen. Ernährung bei Diabetes mellitus im Alter. ttps://www.in form.de/fileadmin/Dokumente/Materialien/Ernaehrung_bei_Diabetes_mellitus_im_Alter_web.pdf (last accessed on 13 September 2018).
12.
Inzucchi SE, Lipska KJ, Mayo H, et al.: Metformin in patients with type 2 diabetes and kidney disease: a systematic review. JAMA 2014; 312 (24): 2668–75 CrossRef MEDLINE PubMed Central
13.
Bethel MA, Engel SS, Green JB, et al.: Assessing the safety of sitagliptin in older participants in the trial evaluating cardiovascular outcomes with sitagliptin (TECOS). Diabetes Care 2017; 40 (4): 494–501 CrossRef MEDLINE
14.
Umezawa S, Kubota A, Maeda H, et al.: Two-year assessment of the efficacy and safety of sitagliptin in the elderly patients with type 2 diabetes: Post hoc analysis of the ASSET-K-study. BMC Endocr Disord 2015; 15: 34 CrossRef MEDLINE PubMed Central
15.
Marx N, McGuire DK: SGLT2 inhibition and cardiovascular events: why did EMPA-REG-outcomes surprise and what were the likely mechanisms? Eur Heart J 2016; 37: 3192–200 CrossRef MEDLINE
16.
Schramm TK, Gislason GH, Vaag A, et al.: Mortality and cardiovascular risk associated with different insulin secretagogues compared with metformin in type 2 diabetes, with or without a previous myocardial infarction: a nationwide study. Eur Heart J 2011; 32 (15): 1900–8 CrossRef MEDLINE
17.
Sonksen PH: Insulin, growth hormone and sport. J Endocrinol 2001; 170 (1): 13–25 CrossRef
18.
Braun AK, Kubiak T, Kuntsche J, et al.: SGS: a structured treatment and teaching programme for older patients with diabetes mellitus – a prospective randomised controlled multi-centre trial. Age Ageing 2009; 38 (4): 390–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
19.
Kuhn-Thiel AM, Weiß C, Wehling M: Consensus validation of the FORTA (Fit fOR The Aged) List: a clinical tool for increasing the appropriateness of pharmacotherapy in the elderly. Drugs Aging 2014; 31 (2): 131–40 CrossRef MEDLINE PubMed Central
20.
Kostev K, Schröder-Bernhardi D, Bode-Greuel K, Engelhard J: Compliance von Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus in primärärztlichen Praxen in Deutschland. Diabetologie und Stoffwechsel 2015; 10: P201 CrossRef CrossRef
21.
Volmer T, Kielhorn A: Compliance und Gesundheitsökonomie. In: Petermann F (Hrsg): Compliance und Selbstmanagement. Göttingen: Hogrefe 1998; 45–72.
Individualisierte Therapie des Typ-2-Diabetes
Individualisierte Therapie des Typ-2-Diabetes
Grafik
Individualisierte Therapie des Typ-2-Diabetes
Therapieempfehlungen für ältere Diabetiker nach funktionellem Status
Therapieempfehlungen für ältere Diabetiker nach funktionellem Status
Tabelle 1
Therapieempfehlungen für ältere Diabetiker nach funktionellem Status
Probleme des geriatrischen Patienten und Bedeutung (Folgen) für die Diabetestherapie
Probleme des geriatrischen Patienten und Bedeutung (Folgen) für die Diabetestherapie
Tabelle 2
Probleme des geriatrischen Patienten und Bedeutung (Folgen) für die Diabetestherapie
Besonderheiten oraler Antidiabetika im Alter
Besonderheiten oraler Antidiabetika im Alter
Tabelle 3
Besonderheiten oraler Antidiabetika im Alter
Indikationen für Insulintherapie
Indikationen für Insulintherapie
Tabelle 4
Indikationen für Insulintherapie
FORTA-Klassifikation zu Antidiabetika
FORTA-Klassifikation zu Antidiabetika
Tabelle 5
FORTA-Klassifikation zu Antidiabetika
1.The ADVANCE Collaborative Group, Patel A, MacMahon S, Chalmers J, et al.: Intensive blood glucose control and vascular outcomes in patients with type 2 Diabetes. N Engl J Med 2008; 358: 2560–72 CrossRef MEDLINE
2.The Action to Control Cardiovascular Risk in Diabetes Study Group, Gerstein HC, Miller ME, Byington RP, et al.: Effects of intensive glucose lowering in type 2 Diabetes. N Engl J Med 2008; 358 (24): 2545–59 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Inzucchi SE, Bergenstal RM, Buse JB, et al.: Management of hyperglycemia in type 2 diabetes: a patient-centered approach: position statement of the American Diabetes Association (ADA) and the European Association for the Study of Diabetes (EASD). Diabetes Care 2012; 35 (6): 1364–79 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Deutsche Diabetes Gesellschaft, AWMF: S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter, 2. Aufl., 2018. https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leitlinien/Evidenzbasierte_Leitlinien/2018/057_017_LL_Alter_Gesamtdokument_20180713.pdf (last accessed on 13 September 2018).
5.Zeyfang A, Bahrmann A, Wernecke J: Diabetes mellitus im Alter. Diabetologie und Stoffwechsel 2016; 11 (S 02): S170–6.
6.Araki A: Comprehensive geriatric assessment in older patients with diabetes mellitus. Nihon Rinsho 2013; 71 (11): 1907–12 MEDLINE
7.Bruce DG, Davis WA, Casey GP, et al.: Severe hypoglycaemia and cognitive impairment in older patients with diabetes: the Fremantle Diabetes Study. Diabetologia (2009) 52: 1808–15 CrossRef MEDLINE
8.Feil DG, Zhu CW, Sultzer DL: The relationship between cognitive impairment and diabetes self-management in a population-based community sample of older adults with Type 2 diabetes. J Behav Med 2012; 35 (2): 190–9 CrossRef MEDLINE
9.Zeyfang A, Berndt S, Aurnhammer G, et al.: A short easy test can detect ability for autonomous insulin injection by the elderly with diabetes mellitus. J Am Med Dir Assoc 2012; 13 (1): 81 CrossRef MEDLINE
10.Bahrmann A: Diabetes mellitus. In: Pantel J, Schröder J, Bollheimer C, Sieber C (Hrsg): Praxishandbuch der Altersmedizin. Geriatrie – Gerontopsychatrie – Gerontologie. Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2014.
11.Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE): DGE Praxiswissen. Ernährung bei Diabetes mellitus im Alter. ttps://www.in form.de/fileadmin/Dokumente/Materialien/Ernaehrung_bei_Diabetes_mellitus_im_Alter_web.pdf (last accessed on 13 September 2018).
12.Inzucchi SE, Lipska KJ, Mayo H, et al.: Metformin in patients with type 2 diabetes and kidney disease: a systematic review. JAMA 2014; 312 (24): 2668–75 CrossRef MEDLINE PubMed Central
13.Bethel MA, Engel SS, Green JB, et al.: Assessing the safety of sitagliptin in older participants in the trial evaluating cardiovascular outcomes with sitagliptin (TECOS). Diabetes Care 2017; 40 (4): 494–501 CrossRef MEDLINE
14.Umezawa S, Kubota A, Maeda H, et al.: Two-year assessment of the efficacy and safety of sitagliptin in the elderly patients with type 2 diabetes: Post hoc analysis of the ASSET-K-study. BMC Endocr Disord 2015; 15: 34 CrossRef MEDLINE PubMed Central
15.Marx N, McGuire DK: SGLT2 inhibition and cardiovascular events: why did EMPA-REG-outcomes surprise and what were the likely mechanisms? Eur Heart J 2016; 37: 3192–200 CrossRef MEDLINE
16.Schramm TK, Gislason GH, Vaag A, et al.: Mortality and cardiovascular risk associated with different insulin secretagogues compared with metformin in type 2 diabetes, with or without a previous myocardial infarction: a nationwide study. Eur Heart J 2011; 32 (15): 1900–8 CrossRef MEDLINE
17.Sonksen PH: Insulin, growth hormone and sport. J Endocrinol 2001; 170 (1): 13–25 CrossRef
18.Braun AK, Kubiak T, Kuntsche J, et al.: SGS: a structured treatment and teaching programme for older patients with diabetes mellitus – a prospective randomised controlled multi-centre trial. Age Ageing 2009; 38 (4): 390–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
19.Kuhn-Thiel AM, Weiß C, Wehling M: Consensus validation of the FORTA (Fit fOR The Aged) List: a clinical tool for increasing the appropriateness of pharmacotherapy in the elderly. Drugs Aging 2014; 31 (2): 131–40 CrossRef MEDLINE PubMed Central
20.Kostev K, Schröder-Bernhardi D, Bode-Greuel K, Engelhard J: Compliance von Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus in primärärztlichen Praxen in Deutschland. Diabetologie und Stoffwechsel 2015; 10: P201 CrossRef CrossRef
21.Volmer T, Kielhorn A: Compliance und Gesundheitsökonomie. In: Petermann F (Hrsg): Compliance und Selbstmanagement. Göttingen: Hogrefe 1998; 45–72.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema