ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenDiabetologie 2/2018Adipositas-Prävention: Es gibt keine simplen Lösungen

Supplement: Perspektiven der Diabetologie

Adipositas-Prävention: Es gibt keine simplen Lösungen

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): [28]; DOI: 10.3238/PersDia.2018.10.12.06

Bischoff, Angelika

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Der Europäische Adipositas-Kongress in Wien stellte neben der Prävention die Diskriminierung in den Mittelpunkt: Betroffene bräuchten einen respektvollen Umgang anstatt Stigmatisierung.

Foto: ObesityAction...Business
Foto: ObesityAction...Business

Die Häufigkeit der Adipositas hat sich in den letzten 40 Jahren weltweit verdreifacht. Sie erhöht die kardiovaskuläre Mortalität erheblich. Prävention ist deshalb auch eine politische Aufgabe – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die heute fast alle soziale Medien wie YouTube, Twitter oder Facebook nutzen. Diese Medien sind einer der stärksten Werbekanäle für diese Altersgruppen und werden von der Wirtschaft auch entsprechend genutzt. Wie stark das „influencer marketing“ für gesunde beziehungsweise ungesunde Nahrungsmittel zur Nachahmung anregt, belegt eine auf dem European Congress on Obesity (ECO) in Wien vorgestellte Studie (1).

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Eingeschlossen und in 3 Gruppen aufgeteilt wurden 176 übergewichtige Kinder zwischen 9 und 11 Jahren. Die erste Gruppe war gehalten, auf Instagram Werbung für gesunde Nahrungsmittel anzusehen. Die zweite Gruppe wurde mit Werbung für ungesunde Nahrungsmittel konfrontiert und die dritte als Kontrolle mit Werbung für andere Produkte (nicht Nahrung). Danach erhielten die Kinder verschiedene Snacks angeboten, die sie beliebig auswählen konnten, und beantworten schriftlich eine Reihe von Fragen.

Werbung für ungesunde Nahrungsmittel steigerte die nachfolgende Kalorienaufnahme insgesamt um 26 % im Vergleich zu Kindern, die nichtnahrungsmittelbezogene Werbeinhalte gesehen hatten. Die Werbung für gesunde Nahrungsmittel jedoch wirkte sich nicht auf die Kalorienaufnahme aus. Die Experten forderten deshalb einhellig Werbebeschränkungen für soziale Medien.

Dies gehöre ebenso wie die diskutierte Zuckersteuer für Hersteller zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die geschaffen werden müssen, um der Adipositas vorzubeugen, äußerte Prof. Dr. med. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz der Universitätsklinik Leipzig. Auch Aufklärung über die Adipositas und ihre Behandlungsmöglichkeiten zählt der Experte zu den wichtigen Aufgaben, wo es noch reichlich zu tun gibt.

Das zeigt unter anderem die in Kanada durchgeführte ACTION-Studie, zu der auch eine Befragung von Patienten mit Adipositas gehörte (2). Diese platzierten ihre Erkrankung in der Liste von Krankheiten, die den allgemeinen Gesundheitszustand beeinträchtigen, immerhin an die dritte Stelle nach Schlaganfall und Diabetes. Befragt nach ihrer Einschätzung der Wirksamkeit von Maßnahmen zur Gewichtsabnahme, bewerteten die Patienten paradoxerweise gesunde Ernährung und Bewegung als die mit Abstand effektivsten Optionen. „Das sind aber genau die Patienten, die es mit diesen Möglichkeiten gar nicht geschafft haben, abzunehmen“, so Blüher.

Medikamenten und Operationen dagegen traute kaum einer einen nennenswerten Effekt zu: „Dies zeigt, wie hoch der Bedarf an Aufklärungsarbeit ist.“

Nur bariatrische Operationen sind in der Lage, von „heute auf morgen“ hormonelle Regelkreise zu verändern allein durch Restriktion der Nahrungsmenge. Aber es gibt zum Beispiel mit GLP-1-Agonisten auch andere Angriffsmöglichkeiten in diesen Systemen. Sie sind effektiver in der Gewichtsreduktion als die konservative Therapie, aber noch weit von der Chirurgie entfernt.

Diskriminierung in den Medien

Diskriminierung von Menschen mit Adipositas kommt in allen gesellschaftlichen Bereichen vor. Dicke Kinder werden in der Schule schikaniert, als Erwachsene werden sie am Arbeitsplatz durch Kollegen gemobbt. Auch die Medizin hat viel zu viel Energie dafür aufgewendet, Adipösen Vorwürfe zu machen, anstatt ihnen zu helfen. Und die Medien spielen eine zentrale Rolle dabei, Übergewichtige in ein ungünstiges Licht zu stellen und damit das negative Image in der Gesellschaft zu festigen. Die Betroffenen beantworten die soziale Ausgrenzung mit emotionalem Rückzug.

Wie Ted Kyle, Sprecher von The Obesity Society und Gründer von ConscienHealth, die sich für „evidenzbasierte Ansätze“ zur Behandlung von Fettleibigkeit einsetzt, ausführte, wird Adipositas in der Gesellschaft meist als Folge eines Versagens der Eigenverantwortung, schlechter Disziplin oder als Ergebnis von suchtähnlichem Essen oder Konsum von süßen Getränken betrachtet. Selbst Wissenschaftler diskutieren eine Art Abhängigkeit als einen ursächlichen Aspekt der Adipositas.

Aufgrund solcher Annahmen erfahren Menschen mit Adipositas häufig soziale Ablehnung. Viele meinen, schon vom Erscheinungsbild von Adipösen ableiten zu können, dass diese ständig ungesunde Dinge essen.

Eine komplexe Erkrankung

Die Adipositas ist keineswegs so simpel, wie häufig angenommen wird. Zahlreiche Systeme interagieren miteinander: soziale und individuelle Psychologie, physische Aktivität und individuelle Physiologie. Und nicht zuletzt haben Nahrungsmittelproduzenten und das Marketing einen großen Einfluss auf das Ernährungsverhalten. Somit resultiert die Adipositas aus der Interaktion zwischen der Genetik, die mit Abstand den größten Block bildet, den Umweltbedingungen und schlechten Ernährungsmustern. „Die Genetik deckt den Tisch und die Umwelt serviert das Essen“, betonte Kyle. „Heute haben wir eine Umwelt, die ständig Gelegenheit zum Essen bietet und damit bei genetisch disponierten Menschen häufiger eine Adipositas triggert.“

Wenn Ärzte und Vertreter anderer Medizinberufe adipöse Menschen als disziplinlos, willensschwach und unzuverlässig betrachteten, werde ihr Umgang mit ihnen weniger empathisch, respektvoll und sorgfältig sein als der mit Patienten, die unter anderen chronischen Krankheiten leiden. „Da Patienten diese Einschätzung spüren und sich schlecht behandelt fühlen, verschieben sie Folgetermine, vermeiden Vorsorgeuntersuchungen, wechseln häufig den Arzt oder suchen bei Problemen lieber die Nothilfe von Krankenhäusern auf.“

Dabei wäre gerade der Aufbau einer tragfähigen und vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung der Schlüssel dazu, die medizinische Hilfe für die Patienten zu optimieren, bekräftigte Kyle. „Wenn Menschen sich respektiert fühlen, kann man ihnen auch vermitteln, dass die Genetik kein Schicksal ist, dem man machtlos ausgeliefert ist, dass ein gesundes Essverhalten insgesamt erheblich wichtiger ist als der Verzicht auf einzelne Nahrungsmittel und dass man eine schlechte Ernährung nicht durch körperliche Aktivität kompensieren kann.“

Dass Steuern auf zuckerhaltige Getränke ein Weg sind, um der Adipositas vorzubeugen, sei zwar eine plausible Annahme, aber unbewiesen. Das Gleiche gilt für die Empfehlung, fettarme Milchprodukte zu verwenden und reichlich Obst und Gemüse zu essen, um einen Anstieg des Körpergewichts zu verhindern.

Respektlose Darstellung

Joe Nadglowski, Präsident der Obesity Action Coalition (OAC), Tampa, einer gemeinnützigen Organisation zur Unterstützung von Patienten mit Adipositas, wies darauf hin, welch großen Anteil an der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen mit Adipositas die Medien hätten. Jeden Tag erschienen in den USA Zeitungsartikel, die weniger wegen ihres Inhalts als vielmehr wegen aufreizender Überschriften und vor allem Bebilderung adipöse Menschen lächerlich machen und in Misskredit bringen. Schlagzeilen wie „Fette Frau mit dem Kran nach Hause gebracht“ sorgten dafür, dass Übergewichtige zum Gespött würden.

Auch die Darstellung von dicken Menschen in Bildern sei häufig respektlos. Eine Auswertung von Online-Artikeln ergab, dass Menschen mit Übergewicht oder Adipositias erheblich häufiger als Normalgewichtige ohne Kopf, von der Seite oder von hinten abgebildet seien – sozusagen depersonalisiert und auf das Dicksein reduziert. Sehr häufig sei auf Bildern auch nur das Abdomen zu sehen.

Übergewichtige würden auch häufiger schlecht gekleidet, sitzend und essend dargestellt; im Businessanzug, bei körperlicher Aktivität oder als Experten in einer bestimmten Sache sieht man Normalgewichtige deutlich häufiger als Übergewichtige auf Bildern. Insgesamt, so ergab die Auswertung, waren etwa 70 % der Bilder in Online-Artikeln stigmatisierend. Das präge die öffentliche Meinung und das Verhalten gegenüber Menschen mit Adipositas.

Ein weiteres Problem der Berichterstattung sei die Propagierung einfacher Lösungen, zum Beispiel ein bestimmtes Nahrungsmittel aus der Kost zu streichen, um massiv an Gewicht zu verlieren. „Unter dem Druck, Neuigkeiten präsentieren zu müssen, werden immer wieder irgendwelche nicht evidenzbasierten Diäten vorgestellt, die die Adipositas auf wundersame Weise ‚heilen‘ sollen“, so Nadglowski.

Solche Sensationsmeldungen könnten bei Betroffenen, die sich davon inspirieren lassen, nur zu Enttäuschung führen. „Es gibt keine Maßnahmen und Medikamente, die für jeden Patienten gleichermaßen geeignet sind, um abzunehmen.“

DOI: 10.3238/PersDia.2018.10.12.06

Dr. med. Angelika Bischoff

1.
Coates A, et al.: Obes Fact 2018; 11 (Suppl 1): 34 (# O2.6).
2.
Macklin DA, et al.: Obes Fact 2018; 11 (Suppl 1): 336 (# T4PBL4).
1.Coates A, et al.: Obes Fact 2018; 11 (Suppl 1): 34 (# O2.6).
2.Macklin DA, et al.: Obes Fact 2018; 11 (Suppl 1): 336 (# T4PBL4).

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