ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1999Mörder mit Schachtalent

VARIA: Schlusspunkt

Mörder mit Schachtalent

Dtsch Arztebl 1999; 96(47): [48]

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Auf die folgende höchst ungewöhnliche "Schachbiographie" stieß mich Kollege Dr. R. Hoffmann aus Berlin. Vor drei Jahren tauchte in der Rangliste des US-Schachbunds plötzlich ein Mann auf, von dem in der Schachwelt bis dato noch niemand etwas gehört hatte: Claude Bloodgood. Mit seiner Wertungszahl von 2702 katapultierte er sich auf den zweiten Platz und weltweit in die Riege der Super-Großmeister. Wer zum Teufel war Bloodgood? Ein junger Himmelsstürmer, der alle Barrikaden niederriß? Dazu paßte nicht so recht sein Alter von 72 Jahren. Ein Betrüger, der ähnlich wie ein älterer deutscher Spieler vor einiger Zeit mit Hilfe eines Computers die Großmeister aufmischte und sensationell das Turnier gewann? Wieder Fehlanzeige.
Mr. Bloodgood mit seinem blutrünstigen Namen sitzt seit 30 Jahren wegen Mordes an seiner Stiefmutter im Hochsicherheitsgefängnis von Powhatan (Virginia). Angeblich von deutschen Vorfahren abstammend, brüstet er sich damit, unter seinem deutschen Namen Klaus Blutgut für die Nazis spioniert und Rommel, Himmler, Chaplin und Bogart beim Schach besiegt zu haben. Vermutlich alles der Phantasie eines pathologischen Lügners entsprungen, doch das Gegenteil läßt sich nicht beweisen. Sicher verdächtigte ihn das FBI der Spionage. Dabei ging es allerdings nicht um Kriegsaktivitäten für Deutschland, sondern um eine Schachpartie, die Bloodgood per Post mit einem Russen führte, wobei sich die geheimnisvollen Hieroglyphen nach sorgfältiger Prüfung als harmlose Notation von Schachzügen erweisen sollten.
Doch woher kommt seine phantastische Stärke im Schach? Ganz einfach. Er spielt zirka 1 700 Partien im Jahr gegen Mithäftlinge, denen er als guter Amateur haushoch überlegen ist. Die Ergebnisse werden zur Auswertung dem Schachbund eingereicht - fertig ist der Super-Großmeister. Leider liegt mir keine Kombination dieses Figurenkünstlers vor, so daß ich auf meinen Fundus von der letzten Deutschen Ärztemeisterschaft zurückgreifen muß. Doch schön und - pardon - etwas gewalttätig ist auch diese.
Wie setzte Professor Kummer als Weißer am Zug in wenigen Zügen matt, indem er gewaltsam den Schutzkokon aus Bauern des etwas luftig stehenden schwarzen Königs von Harald Volz aufbrach?


Lösung: Zuerst kam die Bauernbrechstange 1. f4+! Nach dem erzwungenen 1. ... exf4 war die 5. Reihe freigekämpft, so daß 2. Tc5+ f5 3. Txf5+! (die Turmbrechstange!) gxf5 4. Le7 matt folgen konnte. Allerdings hätte etwas prosaischer auch 2. Tb5+ f5 3. Le7 matt gereicht.

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