ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018O2-Zielsättigung von 96 bis 100 % verlassen
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Wir danken den Autoren für dieses wichtige Thema (1). Die Metaanalyse von Chu et al. hat gezeigt, dass Sauerstoff bei Normoxämie keinen Nutzen hat und bei Risikopatienten eine erhöhte Sterblichkeit zeigt. Die Gefahr eines hyperkapnischen Lungenversagens unter Hyperoxie ist nicht nur bei Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, sondern unter anderem auch bei ambulant erworbener Pneumonie, schwerem Asthma und Obesitas-Hypoventilationssyndrom beschrieben worden. Obwohl Sauerstoff ein Arzneimittel ist, hatten 42 % britischer Krankenhauspatienten unter Sauerstoff keine Verordnung dafür (2).

Eine pulsoxymetrisch gemessene O2-Sättigung (SpO2) < 92 % entspricht einer arteriellen Sättigung (SaO2) < 90 % mit hoher Sensitivität und Spezifität. Bei Patienten mit SpO2 < 92 %, solchen mit Hyperkapnie-Risiko oder kritisch Kranken sind arterielle Blutgase erforderlich. Bei über 97 % der Bevölkerung liegt auf Meereshöhe in Ruhe die SaO2 über 92 %. Selbst Patienten mit Begleiterkrankungen tolerieren lange SpO2-Werte zwischen 80 und 90 %. Erst ab einer SaO2 anhaltend < 85 % finden sich Hinweise auf anaeroben myokardialen Stoffwechsel.

Zur Abgrenzung eines hyperoxämischen Bereiches wird in der australischen Leitlinie der SpO2-Zielbereich unter Sauerstoff zwischen 92 und 96 % angegeben. Patienten mit Hyperkapnie-Risiko sollten erst bei SpO2 < 88 % Sauerstoff erhalten (SpO2-Zielbereich dann 88–92 %), andere bei einer SpO2 < 92 %. (3).

Trotzdem haben viele Patienten in Notaufnahmen und auf Intensivstationen unter Sauerstoff SpO2-Werte > 96 %. Auf Normalstationen in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde die elektronische Anzeige eines SpO2-„Normalbereichs“ von 96 bis 100 % vollständig verlassen.

Ein Zielbereich für SpO2 beziehungsweise SaO2 sollte bei allen stationären Patienten unter Sauerstoff festgelegt werden. Die Dosierung von Sauerstoff über automatische Titrationssysteme ist vielversprechend (4). Im vernünftigen Umgang mit Sauerstoff liegt auch erhebliches Sparpotenzial.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0685a

Prof. Dr. med. Jens Gottlieb

Klinik für Pneumologie, Deutsches Zentrum für Lungenforschung (DZL)

gottlieb.jens@mh-hannover.de

Dr. med. Anna Bertram

Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen, Zentrale Notfallaufnahme

Christoph Duesberg

Klinik für Pneumologie, Zentrale Notfallaufnahme

Dr. med.Gernot Beutel

Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation, Zentrale Notfallaufnahme

Medizinische Hochschule Hannover (MHH)

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Grensemann J, Fuhrmann V, Kluge S: Oxygen treatment in intensive care and emergency medicine. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 455–62 VOLLTEXT
2.
O`Driscoll R. British Thoracic Society, Emergency Oxygen Audit Report 2015. www.brit-thoracic.org.uk/document-library/audit-and-qualityimprovement/audit-reports/bts-emergency-oxygen-audit-report-2015/ (last accessed on 15 July 2018).
3.
Beasley R, Chien J, Douglas J, et al.: Thoracic Society of Australia and New Zealand oxygen guidelines for acute oxygen use in adults: ‚Swimming between the flags‘. Respirology 2015; 20: 1182–91 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
L‘Her E, Dias P, Gouillou M, et al.: Automatic versus manual oxygen administration in the emergency department. Eur Respir J 2017; 50: 1602552 CrossRef MEDLINE
1.Grensemann J, Fuhrmann V, Kluge S: Oxygen treatment in intensive care and emergency medicine. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 455–62 VOLLTEXT
2. O`Driscoll R. British Thoracic Society, Emergency Oxygen Audit Report 2015. www.brit-thoracic.org.uk/document-library/audit-and-qualityimprovement/audit-reports/bts-emergency-oxygen-audit-report-2015/ (last accessed on 15 July 2018).
3. Beasley R, Chien J, Douglas J, et al.: Thoracic Society of Australia and New Zealand oxygen guidelines for acute oxygen use in adults: ‚Swimming between the flags‘. Respirology 2015; 20: 1182–91 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.L‘Her E, Dias P, Gouillou M, et al.: Automatic versus manual oxygen administration in the emergency department. Eur Respir J 2017; 50: 1602552 CrossRef MEDLINE

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