ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Stationsäquivalente psychiatrische Behandlung: Noch ausbaufähig

EDITORIAL

Stationsäquivalente psychiatrische Behandlung: Noch ausbaufähig

PP 17, Ausgabe Oktober 2018, Seite 433

Bühring, Petra

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Für Menschen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen wird seit Langem mehr Vernetzung zwischen der ambulanten und der stationären Versorgung gefordert. Die Sektorengrenzen sind häufig ein Hindernis und können Behandlungen abrupt beenden – und das zulasten einer Patientengruppe, die häufig nicht in der Lage ist, sich um einen Behandlungsplatz zu kümmern. Gleichzeitig hat der Leitsatz der Psychiatrieenquete immer noch Gültigkeit: ambulant vor stationär. Mit gemeindepsychiatrischen Verbünden aus Psychiatern und Psychotherapeuten, psychiatrischen Krankenpflegern, Soziotherapeuten können auch schwer psychisch Kranke im häuslichen Umfeld versorgt werden. Doch solche Verbünde gibt es nicht flächendeckend, und so bleibt vielen psychisch Kranken vor allem in akuten Krisen nur ein Klinikaufenthalt. Manche Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wollen aus verschiedenen Gründen jedoch nicht in die stationäre Psychiatrie. Sei es, dass sie schlechte Erfahrungen mit Zwangsmaßnahmen gemacht haben, sich dem Klinikalltag nicht unterordnen wollen oder können oder nach einem Klinikaufenthalt kaum in ihr normales Leben zurückfinden.

Von solchen Menschen handelt die Reportage über einen Tag in Brandenburg mit einem Team, das die sogenannte stationsäquivalente psychiatrische Behandlung (StäB) im häuslichen Umfeld anbietet (Seite 451). Die drei beschriebenen Patienten profitierten erkennbar von dem neuen flexibilisierenden Element, das psychiatrische Krankenhäuser und Fachabteilungen seit dem 1. Januar regelhaft einführen können. Sie willigten für die Vorstellung des aus ihrer Warte antipsychiatrischen Ansatzes sogar ein, Journalisten in ihre Wohnung zu lassen und ihre Erkrankung zu offenbaren.

Bisher ist das Interesse der Kliniken, stationsäquivalente psychiatrische Behandlung nach Paragraf 115 d SGB V anzubieten, indes noch gering. Nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes haben nur drei Krankenhäuser entsprechende Leistungen und Entgelte mit den Krankenkassen vereinbart. Sieben weitere Kliniken rechnen bei noch nicht abgeschlossenen Budgetvereinbarungen Ersatzbeträge für die StäB ab. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung (19/4023) auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen zum Stand der Umsetzung des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG) hervor, mit dem die StäB initiiert wurde. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft geht davon aus, dass es in jedem Bundesland nur „eine geringe einstellige Zahl“ an Kliniken gebe, die die StäB einführen wollen. Nach Auffassung der Bundes­psycho­therapeuten­kammer bestätigen die geringen Zahlen die Bedenken, dass das neue Versorgungselement viel zu eng gefasst sei, weil eine stationäre Behandlungsbedürftigkeit vorausgesetzt wird. Es fehlten nach wie vor Regelungen, schwer psychisch Kranke in akuten Krisen ambulant ausreichend intensiv zu behandeln, um stationäre Aufnahmen zu verhindern.

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Auch der Oberarzt aus der Reportage kritisiert, dass die Vernetzung in die ambulante Versorgung aus einer StäB heraus ungeregelt sei. Sie hänge maßgeblich vom Engagement der Klinikärzte ab. Deren Interesse, die Patienten gut weiterversorgt zu wissen, sollte zwar nicht unterschätzt werden, verbindliche Regelungen für eine sektorübergreifende Versorgung wären indes besser.

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