ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Wilhelm Griesinger (1817–1868): Die Psychiatrie als Wissenschaft

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Wilhelm Griesinger (1817–1868): Die Psychiatrie als Wissenschaft

PP 17, Ausgabe Oktober 2018, Seite 458

Goddemeier, Christof

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Mit einer Sichtweise, die Psychodynamik und subjektives Erleben einschließt, ist Wilhelm Griesinger seiner Zeit weit voraus. Foto: Wikimedia Commons
Mit einer Sichtweise, die Psychodynamik und subjektives Erleben einschließt, ist Wilhelm Griesinger seiner Zeit weit voraus. Foto: Wikimedia Commons

Vor 150 Jahren starb der Internist und Psychiater Wilhelm Griesinger. Mit seiner pluridimensionalen Sicht auf die Entstehung psychischer Erkrankungen bezog er psychische und somatische Faktoren gleichermaßen ein.

Ursachen und Behandlung psychischer Erkrankungen, sozialpsychiatrische Ansätze, Behandlung psychisch Kranker ohne Zwang, psychiatrische Anstalten, Betreuung psychisch Kranker in Familien – es gibt kein Thema des damals jungen Fachs Psychiatrie, zu dem Wilhelm Griesinger sich nicht fundiert und pointiert geäußert hat. Mit seiner pluridimensionalen Sicht auf die Entstehung psychischer Erkrankungen bezog er psychische und somatische Faktoren gleichermaßen ein. Seine Erfahrungen und Gedanken sind so umfassend und vielgestaltig, dass sie als „Magna Charta der Psychiatrie“ gelten können (Schott/Tölle). Der ihm zugeschriebene Satz „Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten“ kommt in Griesingers Arbeiten nicht vor. Er gibt in zugespitzter Weise lediglich seine biologisch-psychiatrischen Thesen wieder und bildet sein Gesamtwerk nicht ab.

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1817 wird Griesinger in Stuttgart geboren. Sein Vater ist Stiftungsverwalter des Krankenhauses und ermöglicht seinen Kindern eine umfassende Ausbildung. Gemeinsam mit seinen Freunden Wilhelm Roser und Carl August Wunderlich studiert Griesinger in Tübingen Medizin. Die beiden werden ebenfalls bedeutende Ärzte und Professoren, der eine Chirurg, der andere Internist.

Enttäuscht vom Lehrbetrieb

Der junge Griesinger ist enttäuscht von einem Lehrbetrieb, der historisch gewordene Inhalte diktiert und die sich entwickelnden Naturwissenschaften kaum einbezieht. Mit seiner freiheitlich-republikanischen Haltung kommt er mehrfach mit dem Universitätsgericht in Konflikt und muss Tübingen für ein Jahr verlassen. Mit 21 Jahren besteht er die Examina und geht zunächst nach Paris, wo er seine Kenntnisse erweitert. Nach einer kurzen Niederlassung am Bodensee tritt er eine Assistenzarztstelle bei Ernst Albert Zeller in der Anstalt Winnenthal an – seine erste praktische Berührung mit der Psychiatrie.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden „die Irren“ in Deutschland zunehmend in Anstalten untergebracht. Zwar werden sie jetzt als Kranke angesehen, doch eine Behandlung findet praktisch nicht statt. Die Fürsorge liegt nahezu überall in den Händen von Wärtern, „während Ärzte lediglich bei körperlichen Leiden zugezogen wurden“ (Emil Kraepelin). Auch entlassene Sträflinge und Militärinvaliden werden als Pfleger eingesetzt. Die wissenschaftliche Entwicklung ist geprägt durch die Auseinandersetzung zwischen „Psychikern“ und „Somatikern“. Die Somatiker, etwa Friedrich Nasse und Maximilian Jacobi, sehen biologisch-organische Vorgänge als Ursache psychischer Störungen an. Dagegen beschreiben die Psychiker, etwa Johann Christian Heinroth und Carl Wilhelm Ideler, psychische Erkrankung als Ausdruck einer Schwäche des seelischen Vermögens, welche zur Unfreiheit führe, und betonen die besondere ätiologische Bedeutung der Psyche. Dabei schließen sie eine vermittelnde Rolle von Körper und Gehirn nicht aus. Schott/Tölle zufolge lässt sich eine rein psychische von einer rein somatischen Schule indes nicht abgrenzen.

Begriffe aus der Physiologie

In seiner Abhandlung „Über psychische Reflexaktionen“ (1843) legt Griesinger den Grundstein für sein Hauptwerk. Hier verbinden sich empirische Beobachtung, das Modell der Einheitspsychose Zellers sowie das energetische Denken des Physikers Robert Mayer. Das Modell der Einheitspsychose hatte Zeller vom belgischen Psychiater Joseph Guislain übernommen. Beide gehen davon aus, dass Irresein nacheinander in verschiedenen Stadien abläuft – Melancholie, Manie, Verrücktheit, Demenz. Zur wissenschaftlichen Erforschung der Psyche verwendet Griesinger keine Begriffe aus der Philosophie, sondern „dieselben Begriffe und Gesetze (…), welche die neuere Physiologie für eine Anzahl anderer Phänomene an der organischen Materie geschaffen und entwickelt hat“. Den Somatikern gesteht er zu, „die Psychiatrie aus den Händen der Moralisten und Pseudo-Philosophen auf das rein ärztliche Gebiet“ gerettet zu haben. Doch gehen sie Griesinger zufolge „in einseitiger Fortbildung generalisirend (sic!) (…) über die Ergebnisse der Beobachtung hinaus“. Analog zu den Reflexaktionen im übrigen Nervensystem nimmt Griesinger psychische Reflexaktionen im Gehirn an. Gemüt und Charakter entsprechen demnach einer Art „psychischem Tonus“. Eine strikte Trennung von psychischer Gesundheit und Krankheit verneint Griesinger und hält eine „bloss gradweise Verschiedenheit zwischen krankhaften Seelenzuständen und einzelnen Phänomenreihen des gesunden Lebens für richtig“. Mit dieser Auffassung werden auch leichtere Formen psychischer Abweichung wie Zwänge und Ängste in die Psychopathologie aufgenommen.

1845 erscheint Griesingers Hauptwerk „Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten“. Weder Somatiker noch Psychiker finden ihm zufolge einen adäquaten Zugang zu psychischer Erkrankung. Wann ist ein Mensch psychisch krank? In der Mehrzahl der Fälle konstatiert Griesinger bei einer psychischen Erkrankung „eine Veränderung, eine von dem früheren Wesen des Kranken beträchtlich verschiedene, demselben fremde Beschaffenheit seines Seelenlebens (...)“ Daraus ergibt sich, dass der Psychiater den aktuellen Zustand des Kranken mit seinem früheren Wesen vergleichen muss. Immer soll die Exploration direkt erfolgen, eine Diagnose nach Aktenlage lehnt Griesinger ab. Hinsichtlich der Ursachen psychischer Erkrankung betont er, dass „es in der (…) Mehrzahl der Fälle nicht eine einzige specifische Ursache, sondern ein Complex mehrerer, zum Theil sehr vieler und verwickelter, vorbereitender und mehr gelegentlicher schädlicher Momente war, unter deren Zusammenwirken die Krankheit endlich zu Stande kam“. Dabei hält er die „psychischen Ursachen“ für die „häufigsten und ergiebigsten Quellen des Irreseins (...)“. Demnach haben Psychiater bei jedem Kranken die Besonderheit der Erkrankung und deren Genese auf dem Hintergrund der individuellen Lebensgeschichte zu betrachten. Mit dieser Sichtweise, die Psychodynamik und subjektives Erleben einschließt, ist Griesinger seiner Zeit weit voraus.

Psychische und somatische Therapie sind für ihn gleichberechtigt. Mit Blick auf bis dahin für die Kranken überwiegend qualvolle Behandlungsmethoden ist für Griesinger human ausschließlich, was den Zustand der Erkrankten objektiv bessert. Ausgeschlossen sind damit Methoden, deren Nutzlosigkeit empirisch belegt ist, etwa Aderlässe, Sturzbäder und gezielte Hautreizungen am Kopf. Bei akuter psychischer Erkrankung hilft absolute Ruhe in angenehmer, reizarmer Umgebung, möglichst ohne störende Außenreize. Nach Abklingen der akuten Krankheitssymptome werden die normalen psychischen Funktionen wieder angeregt – durch „angenehme Sinneseindrücke“, Beschäftigung, Besuche und den „Wiedereintritt in die Gesellschaft“. Ab 1861 setzt Griesinger sich für das von John Conolly entwickelte Konzept des „Non-Restraint“ ein, „die gänzliche und absolute Abschaffung aller mechanischen Beschränkungsmittel aus der Irren-Behandlung“, und empfiehlt eine Haltung der „Milde“. In Zürich und Berlin praktiziert er die Behandlung ohne Zwang. Stets sieht er dabei den einzelnen Kranken, nicht die Krankheit, den einzelnen Tobsüchtigen, nicht die Tobsucht. Allgemeine philosophische und anthropologische Theorien haben sich dem unterzuordnen.

Ansätze für Psychiatriereform

Bereits Zeller hatte die Behandlung psychisch Kranker in geeigneten Asylen vertreten. Die Heilanstalt ist hier kein Mittel zur Ausgrenzung störender Personen, sondern Zufluchtsort für psychisch Erkrankte. Griesinger propagiert nun eine Reform des Anstaltswesens. Der Unterscheidung in Heil- und Pflegeanstalten setzt er eine Trennung zwischen akut und chronisch Kranken entgegen und entwickelt für sie eine differenzierte Behandlung – die akut Kranken in „städtischen und klinischen Asylen“ und die arbeitsfähigen, chronisch Kranken in „ländlichen Asylen“. Griesinger ist klar, dass die Umsetzung seiner Reformideen Geld kostet und plädiert dafür, nicht die Bedürfnisse zu ignorieren, „sondern die Mittel müssen den Bedürfnissen angepasst werden“. Alternativen zur stationären Behandlung sieht er in der agricolen Colonie und in der Familienpflege, die er im belgischen Dorf Gheel und in Devonshire kennengelernt hat.

Vorschläge werden abgelehnt

Wie nehmen Griesingers Kollegen seine Anregungen auf? Den einflussreichen Vertretern der Anstaltspsychiatrie, etwa Heinrich Damerow, Carl Flemming, Friedrich Wilhelm Roller und Bernhard Heinrich Laehr, stehen wenige fortschrittliche Psychiater gegenüber, unter ihnen Griesinger. Der Streit um die angemessene Krankenversorgung wird scharf und polemisch geführt. Laehr greift Griesinger persönlich an, fordert von einem Psychiatrie-Professor, die Psychiatrie zu verteidigen statt sie zu kritisieren. Im September 1868 lehnt das zentrale Fachgremium der deutschen Psychiatrie Griesingers Vorschläge in zwei Abstimmungen ab, „ohne dass eine eigentliche Diskussion stattfand“ (Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten). Wenige Wochen später stirbt Griesinger. Das Anstaltswesen der 1860er-Jahre bleibt weitere hundert Jahre bestehen. Erst im Rahmen der Psychiatrie-Enquête 1970 kommt es zu grundlegenden Veränderungen. Christof Goddemeier

1.
Detlefs G: Wilhelm Griesingers Ansätze zur Psychiatriereform. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1993.
2.
Dörner K: Bürger und Irre. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1984.
3.
Mette A: Wilhelm Griesinger – Der Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie in Deutschland. Leipzig: B.G. Teubner Verlagsgesellschaft 1976.
4.
Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
5.
Wengler B: Das Menschenbild bei Alfred Adler, Wilhelm Griesinger und Rudolf Virchow. Frankfurt: Campus Verlag 1989.
1. Detlefs G: Wilhelm Griesingers Ansätze zur Psychiatriereform. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1993.
2. Dörner K: Bürger und Irre. Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt 1984.
3. Mette A: Wilhelm Griesinger – Der Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie in Deutschland. Leipzig: B.G. Teubner Verlagsgesellschaft 1976.
4. Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
5. Wengler B: Das Menschenbild bei Alfred Adler, Wilhelm Griesinger und Rudolf Virchow. Frankfurt: Campus Verlag 1989.

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