ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Heimat: Fast groteske Dimension
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Der Artikel, und damit wohl auch die Beiträge der Lindauer Psychotherapiewochen, stellen das Thema „Heimat“ in einen teils romantisierenden, teils an Migrationsbewegungen und der Bindungstheorie orientierten Bezugsrahmen. Vielleicht trägt eine berufsbedingte Tendenz zur Psychologisierung dazu bei, die politisch-ökonomischen Triebfedern hinter Migrationen (insbesondere die inländische!) auszuklammern. Ist es nicht eigenartig, wenn die Wirtschaft gerade das „unsicher“ gebundene Individuum feiert, da es „flexibel“ familiäre, freundschaftliche und „örtliche“ Bindungen eher aufzugeben bereit ist? „Heimat“ einfach unpopulär wird, da sie nicht mehr ins ökonomische Ideal einer internationalen, interkulturellen und zeitlich unbegrenzten Verfügbarkeit passt?

Wie Unternehmen transnational oder an verschiedenen Standorten in Deutschland/Europa agieren, so muss das Individuum „Heimat“ aufgeben, sei sie nun örtlich oder personal definiert. Es geht also auch um das Thema Mensch als Objekt der Ökonomie und eine conditio humana. Eine Wertfrage, wo aktuell abendländische Errungenschaften wie die personale Identität zugunsten des von der Wirtschaft favorisierten „asiatischen Modells“ (mittelalterliche Sozialidentität) zu Grabe getragen werden. Angesichts der aktuellen Experimente und immensen Forschungsinvestitionen zur Schaffung „transhumaner“ Organismen und Cyborgs mit „künstlicher Intelligenz“ aus der Cloud erhält ein Konzept wie „Heimat“ eine fast groteske Dimension. Wäre es an der Zeit, dass Psychotherapeuten, ihre Organisationen und „Kammern“ zu diesen Themen kritische (politische) Statements erarbeiten, oder wollen wir weiter nur als „Schmiermittel“ eines global entfesselten Kapitalismus fungieren und „heimatlos“ Gewordene (oder als solche Geplante) psychotherapieren?

Dr. phil. Walter Andritzky, 40629 Düsseldorf

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