ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Interview: Persönliche Stellungnahmen nötig
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Ich kann der Differenzierung zwischen psychotherapeutischer und medizinischer Logik und der Abkehr von einer starren Wahr-Falsch-Dichotomie folgen. Die Frage, die ich jedoch aufwerfen möchte, ist: Ist diese Dichotomie nicht nur richtig, sondern auch wichtig? Muss nicht dem wertfreien Modell eine persönliche Stellungnahme folgen, wenn man repressiver Mechanismen gewahr wird? Ich erlebe seit vielleicht zwei Jahren immer häufiger Patientinnen, die aus einer stationären Reha verletzt, gedemütigt, verunsichert und voller Hilflosigkeitsempfinden in die ambulante Therapie zurückkehren. Sie berichten, Druck, Ignoranz und Manipulation ausgesetzt gewesen zu sein. Sie berichten, dass man sie um jeden Preis und ohne Rücksicht auf ihr psychisches Befinden gesundgestempelt habe.
Was ich an dem Beitrag vermisse, ist die persönliche Stellungnahme von Hans Lieb. Als Psychotherapeut stehe ich auf der Seite meines Patienten. Wenn ich erlebe, dass infolge einer derartigen „rehabilitiven Logik“ diese Patientin um ihre therapeutischen Fortschritte gebracht wurde, dass erfolgte Besserungen zunichte gemacht wurden – und das kann ich als Fachmann auch unabhängig von den subjektiven Patienten-Schilderungen beurteilen! –, unterstütze ich sie darin, sich gegen derartige repressive Maßnahmen zur Wehr zu setzen. Ich finde, dass derartige „Behandlungs-Logiken“ an den Pranger gestellt werden müssen. Insofern richte ich in solchen Fällen Beschwerden an Behandler, Klinikleitung und Rentenversicherung.
Psychotherapeuten müssen zunehmend un- und antitherapeutische Funktionen in ihr eigenes Handeln integrieren. Durch „wertfreie“ Klärung verschiedener Logiken und Supervision machen wir die Psychotherapeutin zur Erfüllungsgehilfin therapiefremder Interessen. Unabhängig davon, ob und wie gut ein Psychotherapeut diese inneren Divergenzen klären oder wegpuffern kann, bleibt der Rollenkonflikt, der sich – transparent oder subtil – der Patientin mitteilt und seine schädliche Wirkung entfaltet.
Wir benötigen theoretische Modelle; aber wir dürfen nicht „gesellschaftsvergessen“ vor uns hinträumen und versäumen, Position zu beziehen.

Dr. phil. Michael Mehrgardt, 23560 Lübeck

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