ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Kinder und Jugendliche: Verhaltenstherapie kann Suizidalität senken

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Kinder und Jugendliche: Verhaltenstherapie kann Suizidalität senken

PP 17, Ausgabe Oktober 2018, Seite 471

Meyer, Rüdiger

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Eine dialektische Verhaltenstherapie hat in einer randomisierten Studie in JAMA Psychiatry die Suizidalität von Teenagern deutlich gesenkt. Suizide sind nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache von Kindern und Jugendlichen. Auf jeden Suizid kommen noch einmal acht bis 25 Suizidversuche, und viele der betroffenen Teenager neigen zu selbstverletzendem Verhalten, das häufig Ausdruck einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist. Die US-Psychologin Marsha Linehan, die selbst als Jugendliche an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung litt, hat für die betroffenen Patienten eine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt, die ihnen Einsicht in ihre Erkrankung vermitteln und Wege aufzeigen soll, die sie von weiteren Suizidversuchen abhält. Der Kerngedanke der dialektischen Verhaltenstherapie ist dabei, eine Konfrontation zwischen Psychologen und Patienten zu vermeiden, die sich bei einer Suizidalität von Jugendlichen schnell entwickeln kann.

Bei der dialektischen Verhaltenstherapie soll der Therapeut zunächst die Absichten des Patienten (als „These“) akzeptieren, um dann in einer therapeutischen Allianz einen Gegenentwurf („Antithese“) zu entwickeln, der unter Akzeptanz der Persönlichkeit des Patienten in einer „Synthese“ ein Weiterleben ermöglicht. Das Konzept wurde am
Seattle Children’s Hospital unter Leitung von Linehan in einer randomisierten Studie an 173 Jugendlichen mit einer konventionellen Gruppentherapie verglichen. Die Teilnehmer hatten einen Selbstmordversuch und zahlreiche Selbstverletzungen (im Durchschnitt 26 Episoden) unternommen und sie erfüllten drei oder mehr Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Die dialektische Verhaltenstherapie bestand aus wöchentlichen individuellen Psychotherapien, einem Mehrfamiliengruppen-Training, einem Jugend- und Eltern-Telefoncoaching sowie wöchentlichen Therapeuten-Teamberatungen. Die Kontrollgruppe nahm lediglich an regelmäßigen unterstützenden Gruppensitzungen teil. Nach den jetzt vorgestellten Ergebnissen erzielte die dialektische Verhaltenstherapie bessere Ergebnisse: 90,3 % der Teenager gegenüber 78,9 % in der Kontrollgruppe unternahmen keine weiteren Suizidversuche. Die Odds Ratio von 0,30 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,10 bis 0,91 signifikant. Auf nichtsuizidale Selbstverletzungen verzichteten in den ersten sechs Monaten nach der dialektischen Verhaltenstherapie 56,9 % der Teilnehmer gegenüber 40,0 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,32; 0,13–0,70). Frei von sämtlichen selbst zugefügten Verletzungen blieben 54,2 % der Teenager gegenüber 36,9 % in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 0,33; 0,14–0,78). Damit erzielte die dialektische Verhaltenstherapie in allen Endpunkten eine bessere Wirkung. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen verringerten sich allerdings im Zeitraum von sechs Monaten und einem Jahr. In dieser Zeit war kein statistisch signifikanter Unterschied zur Kontrollgruppe mehr erkennbar. Es gab jedoch keinen Anstieg des suizidalen oder selbstverletzenden Verhaltens, sodass die Behandlung langfristig erfolgreich sein könnte. rme

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McCauley E, Berk MS, Asarnow JR, et al.: Efficacy of Dialectical Behavior Therapy for Adolescents at High Risk for SuicideA Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry; 2018; 75 (8): 777–785. doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.1109.

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