ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Psychotherapie: Der Schleier des Geheimen

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Psychotherapie: Der Schleier des Geheimen

PP 17, Ausgabe Oktober 2018, Seite 475

Ederer, Christian

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Schon das Buchcover lässt tief blicken. Da fällt ein Schleier über eine Szene und schützt sie vor Blicken. Doch der Schleier ist halb transparent und verführerisch mit Blumen bestickt. Das macht erst recht neugierig. Im Bild des Barockmalers Rotari wird der Schleier des Geheimen allerdings nur vorsichtig gelüftet. Anders im vorliegenden Buch: Es beleuchtet, wie Geheimnisse zu Verwicklung, Stagnation und Destruktivität führen können, wenn sie in Therapien auftauchen und dort als unterdrücktes Thema oder verborgenes Agieren in Erscheinung treten. Oder auch als krank machendes Familiengeheimnis in der Kinderpsychiatrie. Schamgefühle und Loyalitätskonflikte müssen dann ebenso berücksichtigt werden wie bei der Therapie von „Geheimen Süchten“. Den Exkurs von Daniel Zeis zur Medienabhängigkeit hätte man sich vielleicht ausführlicher gewünscht, immerhin wird der Themenkreis Geheimnis und Medienzeitalter aber im Einführungskapitel diskutiert.

Neben den Spezialthemen gibt es auch Grundsätzliches. Besonders interessant: ein psychoanalytischer Forschungsbeitrag einer Gruppe um Michael Buchholz, der das Geheimnis als interaktives Ereignis oder Kommunikationshindernis interpretiert. „Zwischen den Zeilen lesen“, lautet der treffende Titel. Als Fallbeispiel wird eine Sitzung über einen Patiententraum konversationsanalytisch unter die Lupe genommen, einschließlich der paraverbalen Anteile („hm“, „ähm“). Im nächsten Artikel räumt dann ein Verhaltenstherapeut, Hans-Christian Kossak, mit dem Mythos von der geheimnisvollen Hypnose auf. Die heikle Frage von Geheimnis und Abstinenz behandelt Mathias Hirsch und eine Theologin erzählt die 800 Jahre alte Geschichte der Schweigepflicht.

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Die Vielfalt der Themen fügt sich zu einem Ganzen, weil die Gliederung einen erkennbaren roten Faden legt: das Geheimnis (1) „zwischen Last und Lust“ (2) „als Trauma oder verdichtete Realität“ oder als „Gratwanderung zwischen Macht und Ohnmacht“ (3) und schließlich „das Schweigen als Aggregatzustand des Geheimen“ (4). Der Schlussbeitrag mit dem Titel „Das geheime Unwissen der Therapeuten“ ist zugleich ein Fazit des Buches und besonders lesenswert. Christian Ederer

Stephan Alder, Klemens Färber (Hrsg.): Das Geheimnis in der Psychotherapie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018, 192 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

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