ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2018Tilmann Moser: Rebell der Psychoanalyse

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Tilmann Moser: Rebell der Psychoanalyse

PP 17, Ausgabe Oktober 2018, Seite 473

Zinnecker-Mallmann, Konstanze

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Heinz Kohut schrieb 1973 einen Brief an Tilmann Moser anstelle eines Vorworts zu dessen „Lehrjahren auf der Couch“. Darin erläuterte er das Pro und Kontra zu den Bekenntnissen des jungen Analytikers, der aus seiner Lehranalyse berichtete, die eigentlich gemäß den Statuten der Zunft hätte geheim bleiben müssen. Kohut schloss mit den Worten: Bei allen Bedenken, „…, ich empfinde ein starkes und klares Gefühl der Dankbarkeit für Ihre Fähigkeit enthusiastisch zu sein … Ich habe in Ihrem Buch etwas jugendlich Schöpferisches gefunden, das sich ganz mit dem Wesentlichen der analytischen Tradition vereinbaren läßt.“ Inzwischen sind 45 Jahre vergangen, der Rebell ist in die Jahre gekommen, doch seine schöpferische Kraft scheint ungebrochen.

Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag hat der „Sprachlöwe“ aus Freiburg sein neuestes Buch vorgelegt. Es ist ein Rückblick auf sein Lebenswerk, die analytisch fundierte Körperpsychotherapie, angereichert durch das Verhältnis Psychoanalyse und Umgang mit dem Trauma. Der frühere Literaturwissenschaftler, Journalist und gelernte Soziologe versuchte während des Studiums und der psychoanalytischen Weiterbildung zu seiner beruflichen Grundidentität zu finden. „Der unbeachtete Körper auf der Couch. Wider die elitäre Selbstgefälligkeit der Psychoanalyse“, lautete der Titel seines Artikels am 11. Juli 1987 in der Samstagsbeilage der FAZ.

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Seine Grundforderung lautet: Aktiv eingreifende Identifizierung und psychosomatisch wirksame Einfühlung in den Analysanden auch außerhalb der Worte der reinen Sprachkur. Im gleichen Jahr erschien seine Streitschrift: „Der Psychoanalytiker als die sprechende Attrappe“. Hier nahm er die Koryphäe Joyce McDougall aufs Korn mit ihrem Buch „Plädoyer für eine gewisse Anormalität“. Er ließ sich in eine kreative Erregung versetzen, wie er einleitend bekannte und stellte ihrem Vorgehen seine Ideen entgegen. Die Resonanz blieb nicht aus: Wolfgang Schmidbauer bezeichnete ihn als „stilistisch brillant mit suggestiver Kraft, bester psychologischer Schriftsteller“, blieb der Körpertherapie jedoch reserviert gegenüber.

Moser ist konsequent seinem Thema treu und behandelt im neuen Buch den erinnerten, mentalisierten, symbolischen und berührbaren Leib, aber auch die Ethik der Berührung in der Psychotherapie. Er zitiert gleichgesinnte Kollegen, allen voran Albert Pesso, Günter Heisterkamp und Gisela Worm. In den Fallgeschichten des neuen Buches ist er schon bei Analytischer Körpertherapie bei frühem Trauma in seinem Element, der meisterlich beherrschten Sprache, meist ohne zuviel Jargon, und gibt Einblick in seine Arbeitsweise. Schon die Wahl der Überschriften ist anschaulich und schürt die Neugierde: „Die leere Stimme im leeren Selbst“; „Zwischen Bangen und Hoffen“; „Tragische Ouvertüre“; oder „Ein Unglücksrabenskript“ sprechen für sich.

Seine Rolle in der Psychoanalyse ist und bleibt umstritten, sein Reformprogramm wird ihm verübelt, er muss sich die Frage nach der Rolle des Unbewussten in der analytischen Körperpsychotherapie gefallen lassen. Er sympathisiert mit Sandor Ferenczi, seinem auch kritisch gesehenen Vorbild.

Unbestritten ist seine Einzigartigkeit als Poet in den Fallgeschichten und Chronist der psychotherapeutischen Bewegungen. Seiner Rolle als Außenseiter ist er sich bewusst. Tilmann Moser ist ein beherzter, zupackender, beredter, aber auch unbequemer und trotzdem warmherziger Therapeut, der die Psychoanalyse um die Auseinandersetzung mit dem Körper auf der Couch bereichert hat. Konstanze Zinnecker-Mallmann

Tilmann Moser: Verbal – Präverbal – Averbal. Die Psychodynamik an der Sprachgrenze. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a. M. 2018, 228 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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