ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Versorgungssicherheit: Den Wandel kreativ mitsteuern

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Versorgungssicherheit: Den Wandel kreativ mitsteuern

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): A-1783 / B-1501 / C-1487

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die gesundheitspolitische Diskussion in Deutschland suggeriert, dass es um das medizinische Wohl unserer Gesellschaft schlecht bestellt ist. Fragt man die Patienten, so sehen sie das eher nicht so. Sie blicken auf eine durchaus beachtliche Habenseite: Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt, der medizinische Fortschritt gibt Kranken immer bessere Heilungs- und Überlebenschancen, das qualitative Versorgungsergebnis wird in vielen Bereichen, auch im internationalen Vergleich, immer besser.

Probleme, die es trotz dieser Entwicklung gibt, wie ärztlichen Nachwuchsmangel oder den Vorwurf von Mehrklassenmedizin, lange Wartezeiten und entpersonalisierte Massenabfertigung stehen als Menetekel im Raum. Was steckt dahinter? Sicher ist, dass sich die Gesellschaft radikal wandelt, dass Prozesse wie Digitalisierung und Globalisierung auch Einfluss auf gesundheitssystemische Strukturen haben. Das erfordert eine kluge Anpassung der Prozesse.

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Die Politik weiß um diese Herausforderung, setzt auf der Suche nach vorweisbaren Erfolgen allerdings oft auf Misstrauen gegenüber den ursprünglich staatsunabhängig agierenden, selbstverwalteten Strukturen. Sie greift ein, wo sie seitens der Bevölkerung empfundene Nachteile vermutet. Ihre Bilanz sind Gesetze, die Besserung suggerieren, allerdings eher eine künstlich provozierte Umverteilung von Patientenströmen mit der Folge von noch mehr Bürokratie schaffen.

Hinzu kommt: Das im SGB V verankerte Ökonomieprinzip „wirtschaftlich, ausreichend, zweckmäßig“ mutiert im Zuge wirtschaftsliberaler Veränderungen zum Verkauf von Versorgungsstrukturen an externe Kapitalgeber, die investieren, um Gewinne abzuschöpfen. Die Folge: Das eigentlich flächendeckende System der ärztlichen Versorgung erodiert, seine Sicherung erfordert gegensteuernde Konzentrationsprozesse, die nicht zwangsläufig zum Wohle der Patienten ausfallen.

Letztlich trägt alles das dazu bei, dass die Motivation junger Ärzte, sich in solchen Systemen niederzulassen, deutlich abnimmt.

Doch wie gegensteuern? Eine einmal offene Büchse der Pandora lässt sich nicht wieder schließen. Was bleibt, ist mitlenken und partizipieren. Dass das geht, verdeutlichen in jüngster Zeit viele Initiativen. Zum Beispiel der Impetus Kassenärztlicher Vereinigungen selbst MVZ oder angebotene Arztpraxen aufzukaufen, um sie in die Hände niederlassungswilliger Ärzte zu legen. Es ist einer von vielen Versuchen, die Entwicklung im freien Markt der Kapitalkräfte, den die Politik aus Gründen der Öko­nomi­sierung so wollte, etwas Systemerhaltendes entgegenzusetzen.

Oder Nachwuchsförderung im Medizinstudium: Hier gibt es viele nachvollziehbare Initiativen, die von Kreativität zeugen. Sie reichen von zusätzlichen Studienplätzen über neue Vergaberegeln bis hin zu abstrus anmutenden Gedanken wie die Schaffung von Männerquoten, die im zunehmend weiblich besetzten Studiengang der Medizin für Zeiten der Familienplanung einen Ausgleich schaffen sollen. Ja, richtig gehört, allerdings gleich wieder vergessen, wenn es stimmt, dass der gesellschaftlich intendierte Weg einer mit anderen Rollenbildern ist, in denen die quotierten Männer ausgedehnte Erziehungszeiten und väterliche Verantwortlichkeiten wahrnehmen sollen.

Dennoch, wenn die Welt sich wandelt, gilt es, mit kreativer Steuerung daran teilzuhaben.

Egbert Maibach-Nagel
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