ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Psychische Erkrankungen: Störungen der zirkadianen Rhythmik könnten begünstigend wirken

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Psychische Erkrankungen: Störungen der zirkadianen Rhythmik könnten begünstigend wirken

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): A-1819 / B-1530 / C-1516

Heinzl, Susanne

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Foto: urfinguss/ iStockphoto
Foto: urfinguss/ iStockphoto

Zirkadiane Rhythmen sind in der Natur weit verbreitet und Grundlage von Gesundheit und Homöostase. In die bislang vorliegenden Studien zur Assoziation von Störungen im Zirkadianrhythmus und psychischer Gesundheit waren relativ wenige oder hoch selektionierte Patienten eingeschlossen. In der UK-Biobank wurde bei mehr als 90 000 Teilnehmern Ruhe und Aktivität mithilfe von Akzelerometern gemessen. Damit bot sich die Gelegenheit, anhand dieser Gruppe den Zusammenhang zwischen gestörtem Zirkadianrhythmus und verschiedenen psychischen Erkrankungen zu untersuchen (1).

In die Analyse wurden die Daten von 91 105 Teilnehmern eingeschlossen, die zwischen 2013 und 2015 über 7 Tage am Handgelenk ein Akzelerometer getragen hatten. Aus den Akzelerometer-Daten konnten Störungen des Zirkadianrhythmus erkannt werden. Diese Informationen wurden dann mit den Ergebnissen einer Online-Umfrage im Jahr 2016 zur psychischen Gesundheit der Studienteilnehmer verknüpft. Außerdem mussten die Teilnehmer bei Aufnahme in die UK-Biobank in den Jahren 2006 bis 2010 Fragen zu subjektiver Einsamkeit, neurotischem Status und kognitiven Funktionen beantworten.

Als Störungen im Zirkadianrhythmus waren vermehrte Aktivitäten während der Ruheperioden oder vermehrte Inaktivitäten am Tag definiert, die durch eine geringere relative zirkadiane Amplitude bei der Messung mit dem Akzelerometer gekennzeichnet waren. Die geringeren zirkadianen Amplituden wurden auf Assoziationen mit psychischen Erkrankungen, Wohlbefinden und kognitiven Funktionen analysiert.

Die Senkung der relativen Amplitude um eine Quintile ging mit einem erhöhten Risiko für eine Major Depression oder Bipolarerkrankung einher. Zudem waren psychische Instabilität, Neurotizismus und Einsamkeitsgefühle verstärkt. Die Betroffenen waren weniger glücklich, mit ihrer Gesundheit unzufriedener und zeigten langsamere Reaktionszeiten als grobes Maß für kognitive Funktionen.

Im Editorial wird jedoch darauf hingewiesen, dass die aus der UK-Biobank gewählte Population mit einem medianen Alter von 62 Jahren nicht sehr gut geeignet sei, um die Ursachen psychischer Erkrankungen zu untersuchen, da diese zu 75 % bis zum Alter von 24 Jahren beginnen.

Diese Querschnittstudie erlaube keine Aussagen zur Kausalität. Die Frage sei, ob die zirkadiane Störung die psychische Gesundheit verschlechtert habe oder umgekehrt und ob beide Vorgänge mit einem dritten Faktor assoziiert seien (2).

Fazit: „Zirkadiane Rhythmen unterliegen nicht nur einer Reifung im jugendlichen Alter, sondern altern auch wie andere Körperfunktionen“, erläutert der Chronopharmakologe Prof. Dr. med. Björn Lemmer von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. „Die zirkadiane Amplitude in der Aktivität wird mit zunehmenden Alter kleiner.“ Es seien zahlreiche weitere Faktoren bekannt, die den zirkadianen Rhythmus in Aktivität und Ruhe beeinflussen könnten, zum Beispiel psychische Erkrankungen, psychischer Stress zu Hause oder am Arbeitsplatz, Lärm, Schichtarbeit, verschiedene Tumorerkrankungen, Asthma und COPD, Herzinsuffizienz, Schmerzen, Rheuma, nächtliche Arbeit am PC, Alkohol und Stimulanzien, viele Arzneimittel, Menge und Inhaltsstoffe von Mahlzeiten, Übergewichtigkeit oder auch der Beruf. „Ohne eine genauere Erfassung und Analyse von solchen Faktoren scheint mir die Aussage der Studie zu oberflächlich und zu allgemein. Auch wenn die Teilnehmerzahl hoch ist, Folgerungen lassen sich aus meiner Sicht aus dieser Studie nicht ziehen.“ Eine gut geplante und kontrollierte Untersuchung an einem kleinen Kollektiv mit beispielsweise 50–100 Personen sei wesentlich sinnvoller und aussagekräftiger. Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Lyall L, Wyse CA, et al.: Association of disrupted circadian rhythmicity with mood disorders, subjective wellbeing, and cognitive function: a cross-sectional study of 91 105 participants from the UK Biobank. Lancet Psychiatry 2018; 6: 507-14.
  2. Doherty A: Circadian rhythms and mental health: wearable sensing at scale. Lancet Psychiatry 2018; 6: 457-8.

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