ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Unternehmensberatung im Gesundheitswesen: Die verkaufte Unschuld

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Unternehmensberatung im Gesundheitswesen: Die verkaufte Unschuld

Grünwald, Frank

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Vieles spricht gegen die Unternehmensberatung als Mittel zur Verknappung von Kapazitäten im Gesundheitswesen.

Prof Dr. med. Frank Grünwald, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Frankfurt
Prof Dr. med. Frank Grünwald, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum Frankfurt

Unternehmensberatungen kommen in der Regel dann zum Einsatz, wenn unpopuläre Entscheidungen getroffen werden sollen, ohne dass dafür letztlich Verantwortung übernommen wird. Dieses System hat schon vor längerer Zeit in Politik und Wirtschaft Einzug gehalten. Meist handelt es sich nicht um nachhaltige Überlegungen – vielmehr geht es um kurzfristige Erfolge. Den Unternehmensberatungsfirmen werden relativ klare Vorgaben zu den vom Auftraggeber erwarteten Ergebnissen gemacht, an die dann möglicherweise auch die Erteilung von Folgeaufträgen oder die Honorierung geknüpft sind. Die geforderten Resultate sollen dann die schon vorher feststehende Entscheidung mit „exakten“ Daten hinterlegen. Die wichtigsten Punkte sind hier Rentabilität und Auslastung der vorhandenen Infrastruktur. Bestimmte Bereiche werden von solchen Prozessen ausgenommen, da die Schlussfolgerungen aus den „Analysen“ zu offensichtlich unsinnig oder zu unpopulär sind. So käme niemand auf die Idee, von den fünf Löschfahrzeugen einer Feuerwehrstation vier abzuschaffen, weil im Mittel die Auslastung aller Fahrzeuge nur 20 Prozent beträgt. Dieses Tabu wurde für die Medizin leider schon vor vielen Jahren gebrochen. Es werden Mittelwerte zugrunde gelegt, anhand derer Infrastruktur, Personal und Geräte bemessen werden.

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Für die Berechnung der Fluggäste mag eine gewisse Überbuchung toleriert sein – schlimmstenfalls müssen, wenn doch alle Passagiere erscheinen, einige einen Flug später nehmen. In der Medizin kann eine zu knapp berechnete Kapazität (oder gar bewusste Überbuchung) gravierende Folgen haben – zum Beispiel fehlendes Personal in der Geburtshilfe, wenn mehr Entbindungen anstehen als sonst oder ein fehlendes Gerät für die Schnittbilddiagnostik in der Stroke Unit, um Schlaganfallpatienten die optimale Therapie zukommen zu lassen. Die Schließung kleinerer Krankenhäuser in ländlichen Regionen mag auf dem Papier gerechtfertigt sein, wenn die Auslastung geringer als in anderen Kliniken ist – für einige Patienten kann die schnelle Erreichbarkeit einer Notfallversorgung aber lebensrettend sein. In der Gesamtstatistik gehen tolerierte Engpässe vermutlich unter – es trifft eben nur wenige Fälle in der Zeit der „Spitzenauslastung“. Für den einzelnen Patienten und auch das medizinische Personal, das die Notsituation meistern muss, ist dies aber fatal.

Ist das Gesundheitssystem wirklich so arm, dass man es sich nicht leisten kann, eine gewisse Überkapazität vorzuhalten, um auch Spitzen abzufangen? Sind kostspielige Unternehmensberatungen mit resultierenden Personalkürzungen und Abbau eigentlich erforderlicher Infrastruktur der richtige Weg zu einer Medizin, bei der Sicherheitsstandards fehlen, die in anderen Bereichen selbstverständlich sind? Belege für die Evidenz der einschränkenden Maßnahmen können in den wenigsten Fällen präsentiert werden. Ein Ruderboot wird selten schneller, wenn man zwei Ruderer entfernt und dafür einen weiteren Trommler einsetzt!

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