ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Heilmittel: Viel Spaß bei der Arbeit
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Es sollen Indikationen vereinbart werden, bei denen eine Blankoverordnung von Heilmitteln durch Ärzte erfolgt. Als ich erstmals von diesem Vorhaben hörte, dachte ich, es handelt sich um einen Aprilscherz. Aber anscheinend ist dies ja leider doch kein Witz. Da schreibt der Arzt dann beispielsweise „Gonarthrose rechts“ oder „Bandscheibenvorfall L4/5“ auf das Rezept und dieses ist ansonsten weiß.

Keine Spezifizierung der Therapie und keine zeitliche Begrenzung. Wer wann mit welchen Hilfsmitteln wie lange behandelt wird, sollen dann allein die Heilmittelerbringer festlegen. Wie soll denn das funktionieren? Und wer haftet für die Ausgaben? Das können ja dann ganz klar nur die Heilmittelerbringer sein, hat doch der Arzt keinerlei Einfluss mehr auf die Gestaltung der Therapie. Wie verhält es sich bei eventuellen Problemen/Komplikationen während der Physiotherapie? Ist dann der Arzt wieder gut genug, um „nach dem Rechten“ zu sehen? Man postuliert, dass die Heilmittelerbringer besser einschätzen können, wer welche Therapie wie lange braucht. Was für ein Armutszeugnis für uns Ärzte! Wir schaffen uns selbst ab! Zum Schluss sind wir dann nur noch die „Codieraffen“!

Wenn es tatsächlich zum Blankorezept kommen sollte, dann wird dies automatisch massive Steigerungen der Ausgaben im Bereich der Heilmittel zur Folge haben. Die Heilmittelerbringer werden dem Patienten selbstverständlich die Behandlung nach Note 1 mit Stern anbieten. Im Sozialgesetzbuch (GKV) steht aber ausreichend, wirtschaftlich und zweckmäßig. Wir waren alle mal in der Schule gewesen, und jeder weiß, was dies für eine Note bedeutet. Das durchaus in weiten Teilen sehr qualifizierte Angebot der Heilmittelerbringer ist schier grenzenlos, das Anspruchsdenken so manch eines Patienten leider aber auch.

Anzeige

Eine Ausgabensteigerung durch explodierende Ausgaben im Heilmittelbereich ist politisch sicherlich nicht erwünscht, hätte dies doch im schlimmsten Fall steigende Beiträge zur Folge. Und das will bekanntermaßen ja keiner. Also, was hier versucht wird, ist die Quadratur des Kreises. Der Therapeut darf das Heilmittel auswählen und selbst bestimmen, wie lange der Patient behandelt werden muss (ein Schurke, der Schlechtes dabei denkt). Eine Ausgabensteigerung soll aber nicht stattfinden. Wie soll denn so etwas funktionieren? Das kann nur dann klappen, wenn die Heilmittelerbringer entsprechend stark budgetiert werden wie wir Ärzte heute. Dann dürfen sie sich mit den Patienten herumärgern, die Krankengymnastik (KG) nur mit Fango oder manuelle Therapie anstatt KG oder nicht enden wollende Folgerezepte wünschen.

Ohne gehässig sein zu wollen, wünsche ich an dieser Stelle schon viel Spaß bei der Arbeit. Zumindest werden dann in meiner Praxis von wütenden Patienten, die aus Wirtschaftlichkeitsgründen das nicht bekommen, was sie wollen, weniger Türen geknallt, meine Mitarbeiterinnen und meine Person weniger häufig beschimpft und möglicherweise gibt es dann auch ein paar weniger Hasskommentare auf Jameda.

Dr. med. C. Stern, 72072 Tübingen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema