ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Von schräg unten: Alter

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Alter

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): [44]

Böhmeke, Thomas

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Wir haben ein demografisches Problem. Wir werden immer älter, immer pflegebedürftiger, immer hinfälliger. Und es fällt mir außerordentlich schwer, dies jetzt zu schreiben, weil ich doppelt schuld daran bin. Einerseits sorge ich dafür, dass meine Patienten immer älter werden, andererseits werden ich selbst auch alt. Klar geworden ist mir das, als ich Zeitungsartikel mit Überschriften wie „Sechzig ist das neue Vierzig“ plötzlich mit Hingabe studiert habe. Ich muss gestehen: Früher habe ich es belächelt, wenn ebenso runzlige wie fröhliche Gesichter auf Panoramaaufnahmen von Fallschirmabsprüngen oder in Steilwänden zu erkennen waren. Heute google ich „Wie bekämpfe ich meine Höhenangst?“. Aber Alter ist relativ, denn meine Patienten haben mich gelehrt, dass die Ziffer auf der Krankenversichertenkarte, die das Geburtsjahr ausweist, halt nur eine Ziffer ist, letztendlich so aussagekräftig wie die einzelnen Körner in einer Sanduhr.

Wenn mir beispielsweise ein 40-Jähriger nach Diagnosestellung einen Stapel ausgedruckter Ausflüsse von Dr. Google mit der Erwartung auf den Tisch legt, damit sei seine Erkrankung ruck, zuck in den Griff zu kriegen, so ist er in diesem Augenblick höchstens 19. Also in einem Alter, das durchdrungen ist vom Euphemismus, die Zukunft mit ein paar Clicks genauso programmieren zu können wie ein Videospiel. Ich vergleiche dann seinen Körper mit einem PC, der ohne Firewall am Netz hängt und von Viren unablässig attackiert wird: Das lässt ihn nachdenklich werden, innerlich reifen. Wenn mir ein 30-Jähriger aufmerksam zuhört, was gesundheitlich alles auf ihn zukommt, und dann meint, er müsse vieles in seinem Leben umstellen und anders planen, so ist er weise wie ein 70-Jähriger, dem der kategorische Imperativ von Krankheiten bewusst ist: Man muss sich mit den Einschränkungen möglichst arrangieren und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

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Aber es gibt noch größere Alterssprünge. Ein schon betagter Patient, den ich bei dekompensierter Aortenstenose kürzlich stationär einweisen musste, stellt sich wieder bei mir vor. Er bekommt unter diuretischer Therapie wieder besser Luft und nutzt diese, um sich lauthals zu beschweren. Er habe den Herzklappenersatz abgelehnt, weil niemand ihm dies anschaulich erklärt habe. Etwas betroffen greife ich zu Papier und Bleistift, um ihm sein Problem grafisch zu veranschaulichen. Aber: Das wolle er jetzt nicht sehen, das habe er schon fünfmal hören müssen. Außerdem stimme meine Diagnose nicht, weil der junge Assistenzarzt nach der Untersuchung gesagt habe, es sei alles völlig in Ordnung. Ich bin verdutzt. Welche Untersuchung hat er damit gemeint? „Das Langzeit-EKG war völlig unauffällig! Jetzt haben Sie‘s!“ Genau, jetzt hab ich‘s. Und zwar ein Problem, das mich wahrlich überfordert. Wie gehe ich mit einem 80-Jährigen um, der grade mal acht Jahre alt ist?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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