ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Implantation von Hüftendoprothesen: Bedeutung von Material und Operationszugang für Infektionsrisiko nun klar belegt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Implantation von Hüftendoprothesen: Bedeutung von Material und Operationszugang für Infektionsrisiko nun klar belegt

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): A-1818 / B-1529 / C-1515

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: psdesign1/ stock.adobe.com
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Die Implantation von Hüftgelenk- endoprothesen gehört zu den häufigsten Operationen in den westlichen Industrienationen, Tendenz steigend. In Deutschland wird die Zahl jährlicher Erstimplantationen künstlicher Hüftgelenke auf circa 220 000 geschätzt (1). Infektionen sind gefährliche Komplikationen, die im Allgemeinen eine chirurgische Revision erfordern. Bislang gab es wenig prospektiv erhobene, aussagekräftige Studiendaten zur Frage, welche Faktoren das Risiko für infektionsbedingte Revisionen der Hüftgelenkimplantate erhöhen.

Diese Lücke schließt eine prospektive Beobachtungsstudie an einer Kohorte mit 623 253 Patienten, die zwischen 2003 und 2013 an britischen Kliniken erstmals ein neues Hüftgelenk erhielten. Der Beobachtungszeitraum betrug < 1 Monat bis > 24 Monate postoperativ. Von
495 456 Implantationen lagen komplette Datensätze vor.

Die Rate der infektionsbedingten Revisionen lag danach bei 0,54 % (2 705/495 456). Faktoren, die das infektionsbedingte Revisionsrisiko um den Faktor 1,5–2,3 erhöhten, waren männliches Geschlecht, Adipositas, Lebererkrankungen, metastasiertes Malignom, Demenz und die Schenkelhalsfraktur. Zu den chirurgisch beeinflussbaren Risikofaktoren gehörten der Operationszugang und das Material der Gleitpaarungen. Der laterale, posteriore Zugang war im Vergleich mit anderen Operationszugängen inklusive minimal invasiven Verfahren mit einem erhöhten Risiko assoziiert und nach mindestens 12 Monaten postoperativ auch Metall-Gleitpaarungen. Bei Keramik-auf-Keramik- und Keramik-auf-Polyethylen-Gleitpaarungen lag das Risiko für infektionsbedingte Revisionen unter dem von Metall-Gleitpaarungen wie Metall-Hüftkopf auf Polyethylen-Pfanneneinlage (Risk Ratio jeweils 0,6 und 0,7 nach ≥ 24 Monaten). Die Häufigkeit der jährlichen Eingriffe an der jeweiligen Klinik und das Operationsvolumen des Chirurgen waren keine bedeutenden risikoerhöhenden Parameter.

Fazit: „Periprothetische Spätinfektionen sind selten, nehmen aber als Revisionsgrund zu“, kommentiert Prof. Dr. med. Karl-Dieter Heller, Chefarzt Orthopädische Klinik Herzogin Elisabeth Hospital Braunschweig, Vorsitzender des Verbandes Leitender Orthopäden und Unfallchirurgen und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik. „Adipositas ist bekanntermaßen prädisponierend, dass aber der laterale Zugang eine höhere Spätinfektionsrate bedingt, überrascht. Die deutlich zunehmende Rate an minimalinvasiven Zugängen ist in diesem Zusammenhang sinnvoll. Hochwertige Gleitpaarungen, wie Keramik/Keramik und Keramik/hochvernetztes Polyethylen scheinen wegen des geringeren Abriebs und der geringeren Rate an Osteolysen seltener Spätinfekte zu bedingen: ein klares Votum für diese Gleitpaarungen. Bei regelmäßigen Abwertungen der Vergütung für Endoprothesen besteht die Gefahr, dass preiswertere Gleitpaarungen Verwendung finden. Das wäre ein Qualitätsverlust durch Kostendruck. Gute Langzeitergebnisse, nicht kurzfristige Einsparungen sollten das primäre Ziel sein.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Weißbuch Gelenkersatz. Versorgungssituation bei endoprothetischen Hüft- und Knieoperationen in Deutschland. Springer Medizin 2016; DOI 10.1007/978–3–662–53260–7.
  2. Lenguerrand E, Whitehouse MR, Beswick AD, et al.: Risk factors associated with revision for prosthetic joint infection after hip replacement: a prospective observational cohort study. Lancet Infect Dis 2018; 18: 1004–14.

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