ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2018Stationsäquivalente psychiatrische Behandlung: Nicht Fisch, nicht Fleisch

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Stationsäquivalente psychiatrische Behandlung: Nicht Fisch, nicht Fleisch

Dtsch Arztebl 2018; 115(41): A-1798 / B-1512 / C-1498

Bühring, Petra

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Schwer psychisch Kranke können von der intensiven Betreuung durch multiprofessionelle Klinikteams zu Hause profitieren. Eine verbindliche Vernetzung mit niedergelassenen Psychiatern und Psychotherapeuten fehlt jedoch. Verstärkt wird auch der Vormachtsanspruch der Kliniken.

Petra Bühring, Deutsches Ärzteblatt
Petra Bühring, Deutsches Ärzteblatt

Seit Januar haben psychiatrische Kliniken und Fachabteilungen die Möglichkeit, schwer psychisch kranke Menschen mit multiprofessionellen Klinikteams zu Hause zu behandeln: Die sogenannte Stationsäquivalente psychiatrische Behandlung (StäB) soll flexibler auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten eingehen und sie soll vor allem Klinikaufenthalte vermeiden helfen. Voraussetzung dafür ist, dass die Patientin oder der Patient eine Indikation für eine stationäre Behandlung hat und dass das Therapieziel am ehesten im häuslichen Umfeld zu erreichen ist. So steht es in der „Vereinbarung zur Stationsäquivalenten psychiatrischen Behandlung“ nach § 115 d SGB V. Voraussetzung für die Vereinbarung war das Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG) von 2017.

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Die StäB ist ganz im Sinne des immer noch gültigen Leitsatzes der Psychiatriereform der 1970er-Jahre: ambulant vor stationär. Die Reportage über die Arbeit des StäB-Teams der Immanuel-Klinik Rüdersdorf in Brandenburg (siehe vorherigen Beitrag) gibt einen kurzen Einblick in das Leben psychisch kranker Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht in die stationäre Psychiatrie wollen. Sei es, dass sie schlechte Erfahrungen mit Zwangsmaßnahmen gemacht haben, sich dem Klinikalltag nicht unterordnen können, nach einem stationären Aufenthalt nur schwer in ihr Leben zurückfinden oder Kinder haben, die sie versorgen müssen. Diese Menschen profitieren deutlich von den täglichen Besuchen des StäB-Teams über sechs bis acht Wochen. Eine derart intensive Versorgung aus dem ambulanten Bereich heraus wäre in der Brandenburger Region, wie in vielen anderen, nicht verfügbar gewesen. Umso wichtiger ist, dass auch niedergelassene Psychiater ähnliche multiprofessionelle Angebote machen können. Das fordert sowohl die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in diesem Zusammenhang als auch der Spitzenverband ZNS (SpiZ), in dem sich ärztliche Berufsverbände der psychiatrischen, psychosomatischen und neurologischen Fächer zusammengeschlossen haben. Gemeindepsychiatrische Verbünde aus Psychiatern, Psychotherapeuten, psychiatrischen Krankenpflegern und Soziotherapeuten, die schwer psychisch Kranke zu Hause versorgen könnten, gibt es zwar punktuell, doch nicht in der Fläche. KBV und SpiZ kritisieren zudem zu Recht, dass keine verbindliche Vernetzung mit niedergelassenen Psychiatern und Psychotherapeuten in der Vereinbarung zur StäB vorgesehen ist. Es gibt nur eine Kann-Vorgabe. Die Vernetzung hängt also maßgeblich vom Engagement der Klinikärzte ab. Deren Interesse, die Patienten nach einer intensiven Behandlung durch das Klinikteam gut weiterversorgt zu wissen, sollte zwar nicht unterschätzt werden. Nichtsdestotrotz wurde die Chance einer echten sektorenübergreifenden Vernetzung vertan.

Darüber hinaus zementiert die StäB den Vormachtsanspruch der Krankenhäuser gegenüber den niedergelassen Ärzten und Psychotherapeuten. Der Spitzenverband ZNS gab vor Kurzem eine Studie bei dem Gesundheitsökonomen Prof. Dr. Justus Haucamp, Düsseldorf, in Auftrag, die die Wettbewerbsvorteile der Krankenhäuser im Hinblick auf die Versorgung psychisch Kranker untersuchte. Die Angebote der „gewinnorientierten Krankenhausunternehmen“ substituieren bereits häufig die Angebote Niedergelassener und sie treten in Konkurrenz mit ihnen, heißt es in der Studie. Die Krankenhäuser haben danach ihr Fallzahlaufkommen bei psychisch und neurologisch erkrankten Patienten in den letzten zehn Jahren deutlich stärker ausgebaut als die Vertragsärzte und -psychotherapeuten. Die Kliniken bieten Versorgung in Psychiatrischen Institutsambulanzen, Hochschulambulanzen, Medizinischen Versorgungszentren sowie eben auch mit der StäB an. Wenngleich mit letzteren bisher noch nicht in großem Ausmaß. Nach Angaben der Bundesregierung rechnen seit Jahresbeginn zehn Kliniken entsprechende Leistungen ab.

Langfristig gefährden diese Angebote die ambulante wohnortnahe Versorgung psychisch Kranker, weil niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten mit den finanzstarken Krankenhäusern nicht mithalten können. Maßnahmen um gegenzusteuern, gibt es einige, beispielsweise mehr Arztsitze, eine bessere Honorierung und eine gesonderte Vergütung von Koordinationsleistungen in Netzwerken. Sie sollten jetzt eingeleitet werden.

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