ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2018Kardiovaskuläre Erkrankungen und Body Mass Index: Adipositas ist ein Risiko, selbst wenn Blutdruck, Zucker- und Lipidwerte normal sind

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Kardiovaskuläre Erkrankungen und Body Mass Index: Adipositas ist ein Risiko, selbst wenn Blutdruck, Zucker- und Lipidwerte normal sind

Dtsch Arztebl 2018; 115(42): A-1878 / B-1572 / C-1558

Siegmund-Schultze, Nicola

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Adipositas führt häufig zu metabolischen Störungen wie Hyperglykämie, Hyperlipidämie und zu erhöhtem Blutdruck. Es gibt allerdings auch „gesunde Dicke“, die trotz Adipositas keine Stoffwechselstörungen haben, erläutert ein Team um Prof. Dr. Matthias B. Schulze vom Deutschen Forschungsinstitut für Ernährung in Potsdam-Rehbrücke. Die Forscher waren federführend für eine aktuelle Datenanalyse aus der Nurses Health Study (NHS). Den „gesunden Dicken“ stünden die „kranken Schlanken“ gegenüber, die trotz Normalgewicht ein ähnlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben wie metabolisch ungesunde Adipöse. Unklar sei bisher gewesen, wie sich Stoffwechsel-Risikofaktoren über Jahrzehnte bei metabolisch Gesunden abhängig vom Körpergewicht verändern und welches Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall daraus resultiert.

Im Jahr 1976 waren 121 701 Krankenschwestern für die NHS in den USA im Alter zwischen 30–55 Jahren rekrutiert worden. Gesundheitszustand und Lebensstil wurden erhoben und alle 2 Jahre über Selbstauskunft aktualisiert. 90 257 Frauen der Kohorte, die initial keine kardiovaskuläre Erkrankung (CVD) hatten, sind von 1980 bis 2010 nachbeobachtet worden. Daraus ergaben sich nach median 24 Jahren 2 127 391 Patientenjahre. In dieser Zeitspanne traten 6 306 CVD neu auf. 3 304 waren Herzinfarkte und 3 080 Schlaganfälle.

Frauen, die metabolisch gesund, aber adipös waren mit einem Body Mass Index (BMI) ≥ 30, hatten ein 39 % höheres CVD-Risiko verglichen mit metabolisch gesunden normalgewichtigen Frauen (Hazard Ratio [HR]: 1,39; [95-%-Konfidenzintervall] [95-%- KI] [1,15; 1,68]). Normalgewichtige (BMI: 18,5– 24,49), aber metabolisch nicht gesunde Frauen hatten allerdings ein höheres CVD-Risiko als metabolisch gesunde Adipöse: Die HR lag bei 2,43 ([2,19; 2,68]; Referenz: normalgewichtige metabolisch Gesunde). Bei Übergewicht (BMI: 24,50– 29,90) plus Stoffwechselstörung lag die HR für kardiovaskuläre Morbidität bei 2,61 [2,36; 2,89] und bei Adipositas plus metabolischer Störung bei 3,15 [2,83; 3,50].

84 % der adipösen Frauen mit metabolischer Gesundheit zu Beginn entwickelten im Verlauf von 20 Jahren metabolische Störungen, aber auch 68 % der initial metabolisch gesunden und Normalgewichtigen, die das Normalgewicht 20 Jahre lang hielten. Adipöse hatten auch dann ein erhöhtes Risiko, wenn sie in median 24 Jahren ihren metabolisch gesunden Status erhalten konnten (HR für CVD: 1,57 [1,03; 2,38]), das Risiko war aber geringer als bei Frauen mit einer Transformation von metabolischer Gesundheit zum Status „Stoffwechselstörung“ (HR: 1,90 [1,66; 2,17]).

Fazit: Adipositas ist mit einem klinisch bedeutenden Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert, auch wenn lange keine Stoffwechselauffälligkeiten auftreten, folgern die Autoren. „Gesunde Adipositas“ habe auch in früheren Studien nicht definiert werden können.

Überraschend sei gewesen, dass auch unter den metabolisch gesunden normalgewichtigen Frauen im Laufe von 20 Jahren ein hoher Anteil (68 %) entweder an Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen erkrankte. Wichtig sei also, nicht nur ein normales Körpergewicht, sondern auch die Stoffwechselgesundheit langfristig durch gesunden Lebensstil und gesunde Ernährung zu erhalten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Eckel N, Li Y, Kuxhaus O, Stefan N, et al.: Transition from metabolic healthy to unhealthy phenotypes and association with cardiovascular disease risk across BMI categories in 90 257 women (the Nurses’ Health Study): 30 year follow-up from a prospective cohort study. Lancet Diabetes Endocrinol 2018; 9: 714–24.

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