ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2018Therapie mit Fluorchinolonen: Sorgfältig abwägen

MEDIZINREPORT

Therapie mit Fluorchinolonen: Sorgfältig abwägen

Dtsch Arztebl 2018; 115(42): A-1872 / B-1570 / C-1556

Kern, Winfried V.

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Nebenwirkungen der Fluorchinolone erinnern daran, dass bei ihrem Einsatz Verhältnismäßigkeit geboten ist.

Prof. Dr. med. Winfried V. Kern, Sprecher Zentrum Infektionsmedizin Universitätsklinikum Freiburg
Prof. Dr. med. Winfried V. Kern, Sprecher Zentrum Infektionsmedizin Universitätsklinikum Freiburg

Bereits 2016 war seitens der US-Arzneibehörde FDA vor dauerhaften Nebenwirkungen an Sehnen, Muskeln, Gelenken, Nerven und dem zentralen Nervensystem gewarnt worden. Dort wurde der Einsatz von Fluorchinolonen bei Patienten mit leichteren Infektionen wie der akuten Sinusitis, der akuten Exazerbation einer chronischen Bronchitis oder bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen weitgehend verboten. Fluorchinolone sollten demnach bei Patienten mit diesen Erkrankungen nur noch eingesetzt werden, wenn es keine Alternative gäbe.

Das PRAC empfiehlt für die Europäische Union nun die Marktrücknahme der (älteren, nicht fluorierten) Chinolone und – ähnlich der FDA – die sehr restriktive Verordnung der im Markt verbliebenen Fluorchinolone. Insbesondere sollen die Substanzen nicht mehr eingesetzt werden bei Pharyngotonsillitis und anderen leichten Infektionen, bei Zystitis, zur Prävention der Reisediarrhoe, ebenso nicht bei Patienten mit bereits früheren Nebenwirkungen nach Fluorchinolontherapie. Bei Patienten mit mittelschweren oder schweren Infektionen sollen sie nur dann noch eingesetzt werden, wenn keine adäquaten Alternativen zur Verfügung stehen. Besondere Vorsicht wird angeraten bei der Behandlung von älteren Patienten, Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, Patienten nach Organtransplantation, Patienten mit laufender Cortikosteroidbehandlung.

In Deutschland sind Fluorchinolone als erste Wahl bisher noch empfohlen zur Behandlung der Pyelonephritis, zudem in bestimmten Fällen einer Gastroenteritis (hier als gleichwertige Alternative zu Azithromycin). Bei nahezu allen anderen Indikationen sind sie nicht erste Wahl. Eine Empfehlung zur Behandlung
der Pharyngotonsillitis gab es in Deutschland nie. Die oben genannten Änderungen bedeuten in der Praxis bei einer leitliniengerechten Indikation vor allem eine vermehrte Aufklärung der Patienten und die Bereitschaft zur eventuellen Nachfrage nach Verträglichkeit und ggf. Nachuntersuchung. Eine gezielte Therapie (nach Erregersicherung) mit einem Fluorchinolon sollte nur nach sorgfältiger Abwägung der Alternativen gut begründbar sein.

Sowohl in den USA als auch in Europa gibt es inzwischen Selbsthilfegruppen. Patienten mit Schädigungen mutmaßlich durch Anwendung von Fluorchinolonen haben sich hier organisiert. Sie fordern die Anerkennung einer „Quinolone Toxicity Syndrome“ oder „Fluoroquinolone-associated Disability“ genannten Erkrankung. In den USA ist dieses Syndrom als solches akzeptiert. Auch in Deutschland gibt es Betroffene und entsprechende Gruppen und Foren.

Die Chronizität der geschilderten Beschwerden – meist Sehnen, Muskeln betreffend oder Neuropathien – überrascht. Eine Therapie ist nicht definiert. Diese Form der Fluorchinolon-Nebenwirkung ist sicher selten. Sie erinnert uns aber daran, dass Verhältnismäßigkeit geboten ist. Leichte Infektionen, bei denen unter Umständen keine oder andere bewährte Antibiotika helfen, sind keine Indikation für Fluorchinolone.

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