ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Holger Werfel Scheuermann, Pionier der Radiologie

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Holger Werfel Scheuermann, Pionier der Radiologie

Dtsch Arztebl 2018; 115(42): [68]

Schuchart, Sabine

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Nur wenige Eponyme haben sich so in der Umgangssprache etabliert wie die als Scheuermann bezeichnete krankhafte Verformung der Wirbelsäule im Wachstumsalter. Doch der dänische Arzt, der die Jugendlichen-Kyphose mithilfe der Röntgendiagnostik als Erster zutreffend beschrieb, ist nur in Fachkreisen bekannt.

Während vieler Jahrhunderte waren Menschen mit einem Buckel sozial geächtet und fristeten ein Dasein als gesellschaftliche Außenseiter. Für die Entstehung der Wirbelsäulendeformität wurden so bizarre Ursachen wie ein niederträchtiger Charakter oder zu frühe und intensive geistige Beschäftigung verantwortlich gemacht, wie U. Halter und A. Krödel in ihrem medizinhistorischen Aufsatz „Beten fürs bucklicht Männlein: Zur Kulturgeschichte der Skoliose und Kyphose“ (Zeitschrift für Orthopädie 1997; 135: 557–62) eindrucksvoll darlegten. Noch Ende des 19. Jahrhunderts erklärte der deutsche Chirurg und Orthopäde Albert Hoffa, Autor des berühmten ersten Lehrbuchs der orthopädischen Chirurgie, den schmerzhaften Rundrücken von Kindern mit deren mangelnder Willensstärke.

Doch um 1900 wurden zunehmend genetische und mechanische Komponenten als Auslöser des jugendlichen Leidens vermutet. Diese Ansicht vertrat auch der dänische Arzt Holger Werfel Scheuermann. In der von ihm untersuchten Patientengruppe (siehe Kasten) gab es zahlreiche Mädchen und Jungen, die während ihrer pubertären Wachstumsphase, in der die Wirbelsäule besonders anfällig für Fehlentwicklungen ist, schwere Landarbeit leisteten. Scheuermann lieferte anhand ihrer Symptome die erste umfassende morphologische Beschreibung der Adoleszentenkyphose und grenzte sie von anderen, vor allem infektiösen und traumatischen Hyperkyphosen ab. Als Orthopäde und Pionier der Radiologie nutzte er die 1895 von Conrad Röntgen entdeckten Strahlen: Sie hatten gerade die medizinische Diagnostik revolutioniert und überhaupt erst eine Sichtbarmachung der osteologischen Umbauprozesse im Knochen ermöglicht. Scheuermann fertigte von allen Kindern seiner Studiengruppe seitliche Röntgenbilder an und analysierte diese kenntnisreich. Mit Bezug auf die Keilwirbel, die er entdeckte, nannte er die Wachstumsstörung Kyphosis dorsalis juvenilis und klassifizierte sie, mit der jugendlichen Hüfterkrankung Morbus Perthes vergleichend, als Osteochondritis deformans juvenilis dorsi.

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Als Scheuermann seine Ergebnisse 1920 zunächst in Dänemark und 1921 in Deutschland publizierte, war er Mitte Vierzig und in seiner Heimat ein angesehener Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Radiologie. Weitere Studien folgten und sein Name wurde auch international in Orthopädenkreisen zum Begriff. In eine Medizinerfamilie in einer Kleinstadt bei Kopenhagen geboren, hatte er sein Medizinstudium 1902 an der Universität Kopenhagen abgeschlossen und arbeitete danach an verschiedenen Krankenhäusern. Studienreisen führten ihn nach Schweden, Deutschland und Österreich. Mehrfach war er Vorsitzender von dänischen Radiologengesellschaften und von 1936 an korrespondierendes Mitglied der American Academy of Orthopaedic Surgeons. Nach seiner Pensionierung 1947 arbeitete er noch viele Jahre als privater Röntgenarzt.

Der ruhige, menschlich als äußerst angenehm geltende Mediziner, dessen Leidenschaft neben dem Arztberuf der Musik und insbesondere dem Cellospiel galt, war in seinem ansonsten harmonisch verlaufenden langen Leben mit einer für ihn schlimmen Situation konfrontiert: Zweimal wurde seine Dissertation, die auf seinen Forschungen zur juvenilen Kyphose basierte, von der Universität Kopenhagen aufgrund von Formfehlern abgelehnt. Erst 1957, da war er bereits 80 Jahre alt, verlieh ihm die Universität für seine wissenschaftlichen Verdienste den Doktortitel ehrenhalber – eine späte Anerkennung, die ihn, drei Jahre vor seinem Tod, überglücklich stimmte. Sabine Schuchart

1921 veröffentliche der Orthopäde und Radiologe Holger Werfel Scheuermann (1877–1960) seine Erkenntnisse zur „Kyphosis dorsalis juvenilis“ in der „Zeitschrift für orthopädische Chirurgie“. In einem Kinderheim in Dänemark hatte er 105 Patienten mit einer Hyperkyphose der Brustwirbelsäule untersucht und in seitlichen Röntgenaufnahmen eine ventrale Abflachung der Wirbelkörper, sogenannte Keilwirbel, entdeckt, die er zusammen mit der Rigidität der Wirbelsäule als diagnoseweisend erkannte. In seiner Studie wies er nach, dass schwere körperliche Arbeit das Auftreten einer Kyphose begünstigt und diese weit mehr Jungen als Mädchen vor allem zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr betrifft. In der Folgezeit wurde auf Kongressen und in Fachzeitschriften viel über die multifaktorielle Pathogenese diskutiert und in den orthopädischen Lehrbüchern setzte sich das Eponym Morbus Scheuermann für diese häufigste Erkrankung des Jugendlichenalters durch.

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