ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2018Geschichtliche Aufarbeitung: Jüdische Ärzte in Hagen zur Zeit der Shoah

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Geschichtliche Aufarbeitung: Jüdische Ärzte in Hagen zur Zeit der Shoah

Dtsch Arztebl 2018; 115(42): A-1882 / B-1574 / C-1560

Feldheim, Eva

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Ein Arzt praktiziert einige Jahre in einer Stadt am Rande des Ruhrgebiets, und dies wird ihm zum Anlass, nachzuforschen über das Schicksal seiner jüdischen Berufskolleginnen und -kollegen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Er betreibt diese Nachforschungen in der Haltung des guten Arztes: Systematisch, gründlich, mit größter Zurückhaltung und Behutsamkeit im Urteil tritt der Untersuchende als Person völlig zurück. Durch die umfassende, detailversessene Dokumentation allein setzt sich aus den vielen, kleinen Erfahrungen des Unrechts das Bild des jüdischen Arztalltags in Hagen während der Shoah zusammen, werden die Konturen der entrechteten Kolleginnen und Kollegen und die Schicksale ihrer Familienmitglieder klar.

Dr. Reinhold Busch wagt es, in seinem Buch „Das Schicksal jüdischer Familien aus Hagen – Dokumentation der Enteignung und Vertreibung von jüdischen Ärzten und Zahnärzten und der Ermordung ihrer Angehörigen“ auf jede Masche, jede Sentimentalität, jeden narrativen Kunstgriff zu verzichten und nur der Kraft des Faktischen und dem Klang der Stimmen der Zeitzeugen zu vertrauen. So erzielt er einen bemerkenswerten paradoxen Effekt: Gerade die nüchterne Sachlichkeit der Darstellung offenbart die Wucht des Ungeheuerlichen.

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Beispielsweise berichtet der Auschwitz-Überlebende und Ehrenmitglied der Jüdischen Gemeinde Hagen, Herbert Schenkmann: „Meine Mutter entschied, dass die gebrechlichen Alten (seine Großeltern, ef.) nicht alleingelassen werden sollten und schloss sich der Deportation freiwillig an. Das galt auch für mich – ich war 19 Jahre alt.“

Wer kann sich vorstellen, wie die Mutter zu der Entscheidung kam, die schrecklichen Gerüchte über die Natur der Transporte zu ignorieren und sich weder von den Eltern noch von ihrem Kind zu trennen? Wie wird die Mutter innerlich umgegangen sein mit ihrer Entscheidung, als ihr sehr bald klar wurde, dass sie die Eltern nicht würde retten können? Was hat sie gedacht, was hat sie gefühlt, als sie begann zu ahnen, welchen Preis ihr Kind bezahlen musste für ihre Entscheidung? Wundert sich jemand, dass Mutter und Sohn nach dem Ende der unmittelbaren Lebensgefahr nicht pünktlich und sachgerecht miteinander vor deutschen Kammern funktionieren können?

Wer bereit ist, zwischen den nüchternen Fakten solche Fragen zu finden, der wird Dr. Buschs Buch mit großem Gewinn, auch mit großer Erschütterung lesen. Wer von einem gewieften, mitreißenden Erzähler emotional mitgerissen werden möchte, wird die Lektüre enttäuscht aus der Hand legen. Eva Feldheim

Reinhold Busch: „Das Schicksal jüdischer Familien aus Hagen – Dokumentation der Enteignung und Vertreibung von jüdischen Ärzten und Zahnärzten und der Ermordung ihrer Angehörigen“. Verlag Frank Wünsche, Berlin 2015, 390 Seiten, Taschenbuch, 22 Euro

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