ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2018Neue Versorgungsformen: Niederschwelliges Angebot

POLITIK

Neue Versorgungsformen: Niederschwelliges Angebot

Dtsch Arztebl 2018; 115(42): A-1847 / B-1549 / C-1535

Osterloh, Falk

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Die KBV schlägt ein neues Versorgungskonzept für strukturschwache Regionen vor: die Umwandlung kleiner Krankenhäuser in ambulante Gesundheitszentren, in denen Patienten auch über Nacht betreut werden können. Damit will man Kosten sparen und die Versorgung verbessern.

Patienten sollen zur Überwachung künftig in Intersektorale Gesundheitszentren im ambulanten Setting betreut werden, schlägt die KBV vor. Foto: YakobchukOlena/stock.adobe.com
Patienten sollen zur Überwachung künftig in Intersektorale Gesundheitszentren im ambulanten Setting betreut werden, schlägt die KBV vor. Foto: YakobchukOlena/stock.adobe.com

Kleinen Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung geht es wirtschaftlich häufig nicht gut. Zu diesen Ergebnissen kommt zum Beispiel in jedem Jahr der Krankenhaus Rating Report. Besonders häufig haben kleine Krankenhäuser finanzielle Probleme, wenn sie von Kommunen getragen werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat nun den Vorschlag gemacht, kleine, unrentable Krankenhäuser in strukturschwachen Regionen in sogenannte Intersektorale Gesundheitszentren (IGZ) umzuwandeln. „Dabei geht es nicht darum, Krankenhausstandorte zu schließen. Im Gegenteil: Wir wollen die Standorte erhalten und zukunftsfest machen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen, auf der KBV-Herbsttagung am 10. Oktober in Berlin.

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Heute müssten die Kommunen vielfach die Defizite dieser Krankenhäuser ausgleichen. Denn sie zu schließen, komme für die Kommunen nicht infrage. „Die Menschen in den Regionen haben Angst, dass die Versorgung vor Ort wegfällt, wenn ein Krankenhaus schließt“, sagte Gassen. „Mit unserer Idee würden die Strukturen in der Region erhalten bleiben.“ Und die Qualität der Versorgung werde sogar noch verbessert – bei niedrigeren Preisen.

„Wir erhoffen uns von den IGZ eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: die Erhaltung von Standorten sowie Arbeitsplätzen in den Kommunen, eine finanzielle Entlastung der Träger, die keine Defizite mehr ausgleichen müssen, sowie eine bedarfsgerechtere Versorgung der Bürgerinnen und Bürger“, betonte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Stephan Hofmeister.

Das IGZ würde nach den Vorstellungen der KBV eine allgemeinmedizinische, internistische sowie chirurgische Grundversorgung anbieten, die bei Bedarf modular erweitert werden kann, etwa durch Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten. Denkbar sei dies zum Beispiel im Bereich des ambulanten Operierens und Fachgebieten wie HNO, Dermatologie oder Urologie, so Hofmeister.

„Wir konnten 190 Krankenhausstandorte in Deutschland identifizieren, die sich grundsätzlich für eine Umwandlung in ein IGZ eignen würden“, erklärte Prof. Dr. Andreas Schmid von der Universität Bayreuth, die im Auftrag der KBV zusammen mit dem Unternehmensberater Oberender AG ein Gutachten zu IGZ erarbeitet hat.

75 Krankenhäuser sind geeignet

Die für eine Umwandlung geeigneten Standorte gehören dem Gutachten zufolge der Grund- und Regelversorgung an. Sie verfügen zumindest über eine internistische Fachabteilung, sind im ländlichen Raum angesiedelt und haben weniger als 200 Betten. Manche dieser Krankenhäuser könnten sich jedoch über Sicherstellungszuschläge finanzieren, da sie für die Versorgung der jeweiligen Region notwendig seien, sagte Schmid: „Rechnet man diese heraus, bleiben 75 Krankenhäuser mit einer Bettenzahl zwischen 51 und 150, die idealtypisch für eine Umwandlung in ein IGZ wären.“

Die Intersektoralen Gesundheitszentren sollen im ambulanten Sektor angesiedelt sein. Ihr Angebot soll aber über das klassische ambulante Leistungsportfolio hinausgehen. Im Rahmen einer erweiterten ambulanten Versorgung (EAV) sollen die Zentren auch über Bettenabteilungen verfügen, in denen Patienten bei Bedarf über Nacht bleiben können. Denn „die Menschen nur deshalb in eine Klinik zu schicken, weil es kein anderes niederschwelliges Angebot der ärztlichen Überwachung und Pflege gibt, ist nicht nur wirtschaftlich absurd“, betonte Gassen. „Es entspricht auch nicht den heutigen medizinischen Möglichkeiten oder den Wünschen der Patienten.“

Hofmeister nannte als Beispiel einen alleinstehenden älteren Herren mit entgleistem Diabetes mellitus. „Er kann noch nicht nach Hause zurückkehren, weil dort niemand ist“, sagte Hofmeister. „Er braucht aber auch auf keinen Fall in ein Krankenhaus eingeliefert zu werden.“ Das Konzept der EAV sieht vor, dass Patienten für maximal fünf Tage eine pflegerische Rund-um-die-Uhr-Betreuung erhalten. Ärzte wären immer vor Ort beziehungsweise außerhalb der Sprechzeiten in Rufbereitschaft.

Keine Konkurrenz

In dem Gutachten werden verschiedene Indikationen genannt, die sich für die Behandlung in der EAV eignen (siehe Tabelle). Diese würden aktuell zwar häufig in stationären Einrichtungen erbracht, in der Regel bedürften sie jedoch keiner stationären Behandlung mit 24-stündiger Arztpräsenz. „Über die Erbringung klassischer ambulanter Leistungen hinaus stellen diese Indikationen das zusätzliche Leistungsangebot dar, welches aufgrund der Übernachtungsmöglichkeit in den ambulanten Strukturen des IGZ erbracht werden kann“, so die Gutachter. „Dieses Leistungsspektrum grenzt somit das IGZ von klassischen ambulanten Versorgungseinrichtungen, zum Beispiel niedergelassenen Arztpraxen oder Medizinischen Versorgungszentren, ab.“

Im Rahmen der EAV behandelbare Krankheitsbilder und Diagnosen mit ICD-10-Codes
Im Rahmen der EAV behandelbare Krankheitsbilder und Diagnosen mit ICD-10-Codes
Tabelle
Im Rahmen der EAV behandelbare Krankheitsbilder und Diagnosen mit ICD-10-Codes

Insbesondere bei ländlichen Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung sei eine sinkende Auslastung der Operationssäle zu beobachten, heißt es weiter. Das Ziel eines IGZ bestehe dabei ausdrücklich nicht darin, durch Vorhaltung konkurrierender Strukturen negativ auf die Stabilität angrenzender Leistungserbringer einzuwirken. Stattdessen biete die Umwandlung des Krankenhauses die Chance für angrenzende stationäre Versorger, die Auslastung der eigenen Ressourcen zu optimieren.

Betrieben werden können die IGZ nach der Vorstellung der KBV von unterschiedlichen Akteuren, zum Beispiel den Kommunen, den Kassenärztlichen Vereinigungen oder auch von privaten Unternehmen. „Da gibt es keine Denkverbote“, so Gassen. Finanziert werden könnten die IGZ über Verträge, die die Betreiber mit den Krankenkassen vor Ort abschließen.

„Für eine solche Versorgung, die zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich angesiedelt ist, brauchen wir ein neues Vergütungsmodell“, erklärte Jan Hacker von der Oberender AG. „Wir schlagen ein Modell vor, das einen Abschlag auf die heutige DRG-Vergütung vorsieht, zum Beispiel in Höhe von 30 Prozent.“ Ein so finanziertes Unternehmen könne medizinisch und ökonomisch funktionieren – wenn man Partner bei den Krankenkassen finde, die bereit sind, es zu bezahlen. „Ich glaube, dass es ein großes Interesse bei den Krankenkassen gibt, eine solche Versorgung zu finanzieren“, meinte Gassen. Denn sie sei günstiger als die teure Krankenhausbehandlung.

Anpassung der Honorierung

Um die IGZ in Deutschland zu etablieren, bedürfe es allerdings langfristig rechtlicher Anpassungen, fuhr Gassen fort. Diese beträfen zum Beispiel die Honorierung und die Bedarfsplanung: „Wenn bisher stationäre Leistungen künftig in einem IGZ ambulant erbracht werden, müssen auch die Budgets und Arztkapazitäten entsprechend angepasst werden. Es gilt: Das Geld muss der Leistung folgen.“

Für die betroffenen Krankenhäuser könne das Modell der IGZ ein Ausweg sein und einen sonst drohenden Abbau von notwendigen medizinischen Versorgungskapazitäten verhindern, kommentierte der 1. Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), Rudolf Henke, die Idee der KBV. Ein ähnliches Modell sei in Nordrhein-Westfalen vor einigen Jahren vom MB mitentwickelt worden. „Aus unserer Sicht sollte es aber auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Trägerschaft von Krankenhausträgern mit Vertragsärzten und die Möglichkeit einer gegebenenfalls kombinierten ambulant-stationären Versorgungsleistung geben“, betonte Henke.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hingegen kritisierte den Vorschlag. „Wer ländliche Krankenhausstandorte zu ambulanten Behandlungszentren mit betreutem Schlafen umbauen möchte, der zeigt, wie wenig Verständnis er für den tatsächlichen Versorgungsbedarf dieser Regionen mitbringt“, meinte DKG-Präsident Dr. rer. pol. Gerald Gaß. Falk Osterloh

Im Rahmen der EAV behandelbare Krankheitsbilder und Diagnosen mit ICD-10-Codes
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Tabelle
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